Blinde Verständigung in offenen Strukturen

Neue Kriterien erfordern die Konzerte von Mutter: Mit ihrem neuen Album »Trinken Singen Schießen« ist die Band um Max Müller derzeit in Deutschland zu sehen, Spex präsentiert ihre laufende Tournee, weitere Termine folgen im Dezember. Hendrik Otremba sah Mutter bei ihrem Konzert im Kölner Gebäude 9 und sah eine einzigartige Band.

In der über drei Jahre alten Dokumentation »Wir waren niemals hier« von Antonia Ganz, die die Geschichte der Band Mutter erzählt und diese gleichzeitig auf ihrer letzten Tour in Urbesetzung begleitet, kommen Bewunderer der Band wie Rocko Schamoni, Jochen Distelmeyer oder Diedrich Diederichsen zu Wort. Alle finden das gleiche Wort, um zu beschreiben, welchen Effekt die Live-Performance von Mutter in ihrer persönlichen Wahrnehmung auslöst. »Umgehauen« seien sie gewesen, und das immer wieder. Diesen Effekt erreichen Mutter auch heute noch, konkret im Gebäude 9 in Köln.

    Klassische »Mutter«-Rufe, euphorischer Applaus und eine angenehm gefüllte Venue markierten die sichere Erwartungshaltung und letztendliche Zufriedenheit des interessant gemischten Publikums. Zum einen waren da jene etwas älteren Besucher, die die Band wohl seit dem Beginn ihrer fast ein viertel Jahrhundert währenden Geschichte begleiten oder sie vielleicht gerade wieder entdecken, schließlich erreichen Mutter mit ihrem jüngsten Album »Trinken Singen Schießen« zur Zeit eine Öffentlichkeit, die in ihrer Quantität an Zeiten anschließt, als sie noch als härteste Rockband Deutschlands gehandelt wurden. Zum anderen gab es eine anteilig zwar eher kleine, aber doch auffällige Zahl junger Konzertgänger: Der Umstand, dass Mutter auf eine Schar von Fans blicken können, die im Pop-Diskurs eine gewisse Prominenz genießen, hat der Band wohl einen Geheimtipp-Status unter jenen beschert, die sich zu den Rezipienten der Ergüsse von Diedrichsen und Co. zählen, und in der von Schnelllebigkeit geprägten Welt des Pop nun auch auf Entschleunigung setzen (nicht nur im Tempo der Songs, versteht sich).

    Von »Die Alten hassen die Jungen« dabei keine Spur, die Freude und Begeisterung brachte das heterogene Publikum harmonisch und begeistert zusammen. Gut 90 Minuten spielten sich Mutter durch die neue Platte »Trinken Singen Schießen«, gaben zudem auch einige alte Stücke aus ihrem umfangreichen Backkatalog zum Besten, wie gewohnt unnahbar, scheinbar schlecht gelaunt (Max Müller) und von einer morbiden Atmosphäre umgeben. H.F. Coltello, der große Blonde mit dem schwarzen Cowboystiefel, der seit dem Weggang des Gründungsmitglieds Frank Behnke souverän dessen Part an der Gitarre übernommen hat, spielte dabei jedoch nicht nach, was sein Vorgänger einst erdachte, sondern lieferte beachtliche Variationen ab. Er vermag es, Behnke in seiner Virtuosität noch zu übertrumpfen, was dessen einzigartiges Songwriting bis zur »Europa gegen Amerika« in keiner Weise in Frage stellen soll, sondern vielmehr deutlich macht, wie Coltellos Spiel heute einen Konterpart zu Müllers eigenwilligem Gesang bietet, wo Behnke eher symbiotisch verfuhr.

    Die Variationen waren dann auch das, was an diesem Abend vor rund 200 Zuschauern besonders auffiel: kein Song war so zu hören, wie er von den Tonträgern bekannt ist. Selbst wenn die Mutter-Mitglieder in den teils offen gelassenen Strukturen eine blinde Verständigung kommunizierten, den richtigen Moment der Explosion zu finden, war es Max Müller, der sich gekonnt über diese wortlose Sprache hinwegsetzte. Und das, wie sollte es auch anders sein, mit seinen Worten: Bedeutungen wurden umgekehrt, Textstellen ausgelassen, Einsätze verschoben – ein eigentlicher Chaosfaktor für jede Live-Band.

    Das einmalige Echtheitserlebnis, das in jedem Live-Erlebnis hergestellt werden soll, funktioniert bei Mutter dadurch jedoch ganz von selbst. Gerade in der ungeplanten Einzigartigkeit des Songs im Moment seiner Performance spiegelt sich die Einzigartigkeit der Band. Das ist nicht gut, das ist nicht schlecht, das ist anders, erfordert neue Kriterien. Mutter sind dabei zwar Rockband, verfallen aber in ihrem teils martialischen Sound nicht in das rockistische Verhalten vieler anderer Bands, die mit übertriebener Pose und der Überantwortung ans Publikum Authentizität suggerieren wollen. So mussten Mutter auch in Köln lediglich ihr ganz eigenes Ding machen, um zu zeigen, was für eine umwerfende Live-Band sie sind.

 

Spex präsentiert Mutter Live:
08.12. Düsseldorf – Zakk
09.12. Augsburg – Ballonfabrik
10.12. Schorndorf – Manufaktur
11.12. Weinheim – Café Central
16.12. Hamburg – Hafenklang
17.12. Husum – Speicher
18.12. Wolfsburg – Hallenbad

Foto: © Hendrik Otremba

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