Nasenbluten-Techno mit Denkmal-Kickdrum
Matthew Herberts neues Album »One Club« exklusiv auf Spex.de streamen
Text: Gerd JansonIm September 2009 setzte der britische Musiker und Klangkünstler Matthew Herbert einen lange gehegten Wunsch um: Den Klang eines Clubs samt seiner Gäste einzufangen und in Musik zu transformieren. Als Ort wählte Herbert dafür das Offenbacher Robert Johnson aus, Spex.de berichtete über »One Club«. Anfang Juli diesen Jahres kehrte Matthew Herbert nun nach Offenbach zurück, Gerd Janson beobachtete die Aufführung des einjährigen Prozesses. Am 29. Oktober erscheint »One Club« in Deutschland, bis zum 11. Oktober hört ihr den Album-Stream exklusiv auf Spex.de.
Sie schien schon längst erloschen: die Leidenschaft, die einst in Matthew Herbert für die Clubmusik brannte. Reduziert auf seinen Nachnamen, injizierte er House ab Mitte der Neunziger ein dringend benötigtes Heilserum. Seine damaligen Live-Auftritte sind legendär, und die Zusammenarbeit mit seiner Muse und späteren Ehefrau Dani Siciliano für das Album »Around the House« (1998) war gleichzeitig Pop-Gipfel und das Ende dieser Ära. Was sollte nach all diesen Großtaten, zu denen natürlich auch die Chipstüten Funkiness seiner Produktionen als Wishmountain und Doctor Rockit zählt, schon noch kommen? Der Engländer wandte sich neuen Aufgaben zu, vertiefte und verlor sich in Manifesten, Theorie und Politik, kümmerte sich um sein Label Accidental und gründete eine Bigband. Schnöde Bassdrums waren passé. Waren, denn im Rahmen seiner Trilogie »One« kehrt Herbert zurück zu seinen Anfängen. Während deren erster Teil sich am Singer-Songwriter-Ego des Exzentrikers labt, thematisiert der für den Winter geplante dritte Teil, »One Pig«, das Verhältnis Mensch-Tier: Herbert vertont ein Schweineleben von der Geburt bis zum Termin beim Schlachter – Empörung und Protest von Tierschützern inklusive.
Dazwischen steht der Club. Genauer gesagt »One Club« in Form des ehrwürdigen Robert Johnson zu Offenbach. Hier nahm Herbert im September letzten Jahres das gesamte System auf: Publikum, Personal, Inventar sowie Toiletten. Mal gab er Anweisungen, mal keine; auf seinen Bändern fanden sich am nächsten Morgen Chöre von Tanzenden, Schlüsselbund-Geklapper und Geklatsche der Gäste. Eine Herkulesaufgabe, daraus schlüssige Musik zu formen, dachte man sich. Doch in einer viel zu heißen und schwülen Julinacht kehrte Herbert nun an den Ort des Geschehens zurück, um das Ergebnis zu präsentieren. Auf einer Bühne in der Mitte des Clubs umgab er sich mit einem Maschinenpark, platzierte Effektgeräte an der Decke sowie auf einem Raumteiler hinter sich. Garniert wurde das Bild von einem Elektrolicht-Lagerfeuer neben einem Campingzelt. Im Gegensatz zu dem mittlerweile üblichen Procedere bei sogenannten Live-Acts im Clubkontext, die sich zumeist nahtlos zwischen den DJ-Sets einpassen und sich fast immer auch als solche geben, konfrontierte Herbert sein Publikum, das vom ersten Moment an willig Veitstänze vollführte, mit klassischen Ansagen, Pausen zwischen den Stücken und schüchterner Ironie. Um es gleich zu sagen: Er kann es noch. Die gesamte Palette Herbert-Rockit-Wishmountain klang so frisch und zwingend wie am ersten Tag.
Die »One Club«-Stücke, die Herbert nach jenen Gästen und Personal benannt hat, die zur Field-Recording-Session im September 2009 erschienen waren, entsprachen Nasenbluten-Techno mit großer Denkmal-Kickdrum, onduliertem Electro, Maschinenfunk aller Art und schließlich einer Verbeugung vor Heaven 17, formuliert mit dem Vokabular der für ihn so typischen House-Tracks (Titel: »Kerstin Basler«). Dazwischen unterhielt Herbert die in dieser Donnerstagnacht versammelten Fans, Kunst- und Designstudenten, Nerds und vom Wochenende übriggebliebenen Vollzeit-Raver mit einer Bühnenpräsenz zwischen Klaus Nomi und Buster Keaton, dann und wann gipfelte das Ganze auch in der hemmungslosen Folter der bereits erwähnten ungewöhnlich positionierten Geräte. Es gibt durchaus Langweiligeres, als Matthew Herbert dabei zu beobachten, wie er auf allen Vieren auf einer Stellwand kauert und dabei einen Sampler malträtiert! Viel wichtiger als die Darstellung war jedoch der Inhalt. Der Aufführung nach zu urteilen, ist die Vertonung eines Clubs, des für Herbert so bemerkenswerten Robert Johnson, keineswegs in einem verstiegenen Experiment geendet. »One Club« bietet tatsächlich Musik von, durch, mit und für den Club und ist als solches um einiges attraktiver als die meisten Angebote des übervollen Wochenmarktes.
»One Club« von Matthew Herbert erscheint am 29. Oktober (Accidental Records), bis zum 11. Oktober hört ihr das ganze Album auf Spex.de im Stream. Ab dem 22. Oktober können Spex-Neuabonnenten – nur solange der Vorrat reicht – das signierte Album neben vielen anderen attraktiven Prämien zusammen mit sechs Ausgaben Spex beziehen.
Foto: © Inga Danysz

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