Hotel Ruhe


Christoph Schlingensief beim Festakt zur Verleihung des Helmut-Käutner-Preises 2010, Düsseldorf, 2. März 2010 | Foto: © Schlingensief.com

Soeben erreicht uns die Nachricht, dass Christoph Schlingensief nach langer, unbarmherziger Krankheit gestorben ist. Obwohl wir uns gut kannten, vielleicht gerade deswegen, haben wir uns in all den Jahren nur zwei Mal »geschäftlich« getroffen – beide Male, um ein Gespräch auf Band aufzuzeichnen.

    Das zweite Gespräch fand vor wenigen Wochen in Hamburg statt. Es war geradezu grotesk. Christoph hatte an genau dem Tag, etwa eine Woche, bevor er damit an die Presse ging, die terminale Diagnose seiner Krebserkrankung bekommen und machte Scherze, dass er die ihm verordneten Tabletten ja jetzt »freestyle« durcheinander probieren könnte.

    Jenseits der Scherze – die freilich nicht zum Gegenstand des Interviews wurden, wie wir beide ohnehin strikt jede direkte Thematisierung der Krankheit vermieden – erzählte Christoph in dem fast zweistündigen Gespräch von der Einsamkeit kreativer Prozesse, von der Getriebenheit, von dem Alleinsein des Autors in der Nacht, im Hotelzimmer. »Das war jetzt wohl mein Vermächtnis«, meinte Christoph zum Abschied, ich habe die Antwort weggelächelt.

    Mit Christophs Bekanntschaft verbinde ich unbedingten Mut. Mut zum Gegenwind, Mut zum Verkannt-werden, Mut zum Alleiniger-Rufer-in-der-Wüste-Sein. Christoph Schlingensief hat dem deutschen Film und der Filmförderung den Zerrspiegel vorgehalten, und er hat das Theater und die Oper revolutioniert. Die Geschwindigkeit seiner Gedanken ist legendär, um seinen Assoziationsprüngen folgen zu können, bedurfte es Intuition.

    Möge er jetzt erleben, was er Zeit seines viel zu kurzen Daseins nie kannte: Ruhe.

 

Anm. d. Red.: Das betreffende Interview zu »Kunstsprache Theater« findet sich in unserer aktuellen Ausgabe Spex #328, die seit dem 20. August am Kiosk erhältlich ist (Titel: Chriostoph Schlingensief / Helene Hegemann). Die Erwähnung der neuen Spex-Ausgabe bitten wir anlässlich des tragischen Ereignisses zu entschuldigen. Die Redaktion spricht der Familie Christoph Schlingensiefs, seinen Freunden und den Kollegen der Ruhr-Triennale ihr tiefes Mitgefühl aus.

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