Tretminen der Popgeschichte

Ariel Pink’s Haunted Graffiti

Text: Silke Janovsky

Resterampe einmal anders: Der Kalifornier Ariel Pink lässt die Low-Fidelity hinter sich und bedient sich stattdessen aus dem Zeichen- und Soundreservoir fetter Achtziger-Gassenhauer.


Foto: © Sabina McGrew / Spex

Das Gedächtnis ist eine trügerische Einrichtung. Es verklärt Vergangenes mit Hamilton’schem Weichzeichner und macht uns vergessen, was wir zu erinnern wünschen. Das ist wohl überlebenswichtig und deswegen verkraftbar. Schwieriger ist es mit den Fallen, die es uns stellt, etwa den Melodiegirlanden vergangener Jahrzehnte, die im Unterbewusstsein schlaff herumhängen. Lieder, deren Texte man zum eigenen Erstaunen mitsingen kann, wenn sich ein Radiosender die Exzentrik erlaubt, sie noch einmal zu spielen. »Waiting for a Girl Like You« von Foreigner etwa, oder »I’m Not in Love« von 10CC.

    Nach genau solchen Tretminen der Popgeschichte sucht Ariel Pink vorsätzlich, um sie auf seinem neuen Album »Before Today« einer – man kann sagen – wundersamen Wandlung zu unterziehen. Der Kalifornier exzerpiert Melodien, Rhythmen und Harmonien und variiert und rekonstruiert diese als »free floating musical passages«, wie er es nennt, solange, bis ein neues Stück entsteht.

    Seltsam schöne Hybride finden so zusammen, zum Beispiel das krude »Fright Night (Nevermore)«, eine »Thriller«-Hommage, die durch das Zitat »Knock, knock on the door« aus »Love Shack« der B-52’s strukturiert wird und in einen kühl-düsteren Cure-Sound verwoben ist. Oder die hymnisch-freudvolle Single »Round and Round«: Ariel Pink unterlegt sie mit einer überarbeiteten Basslinie von »Billie Jean«, der Refrain klingt verdächtig nach »Fergus Sings the Blues« der schottischen Band Deacon Blue aus dem Jahr 1989. Weite Fledermausärmel, Hemden mit großflächigen geometrischen Mustern: »Round and Round« transponiert all das beinahe verlust- und ironiefrei in die Jetztzeit.

    Ariel Pink stammt aus Los Angeles und galt bisher als Home-Recording-Freak, der seit Mitte der Neunziger seine avantgardistischen Stücke solange auf das Achtspur-Yamaha-Kassettengerät in seinem Schlafzimmer überspielte, bis der Sound korrodiert genug klang. Mehr als 500 Songs entstanden auf diese Weise, melodieversessen und lärmend zugleich – Pink veröffentlichte diese anfangs auf selbstkopierten Tapes und gebrannten CDs. Später erschienen einige seiner Alben wie »Worn Copy« oder »The Doldrums« auch bei Paw Tracks, dem bandeigenen Label von Animal Collective. »Before Today« ist Pinks erstes Album, das zumindest zur Hälfte in einem ›richtigen‹ Studio produziert wurde, in Tito Jacksons »House of Blues« in Encino. Quincy Jones’ Enkel Sunny Levine und Rik Pekkonen mischten, was dort Pinks vierköpfige Begleitband Haunted Graffiti einspielte. »Eine komplett neue Erfahrung für mich«, sagt Pink, »man hat kompositorisch so viel mehr Möglichkeiten, wenn man mit einer Band zusammenarbeitet.«


VIDEO: Ariel Pink’s Haunted Graffiti - Mistaken Wedding

    Man kann sagen, er hat sie genutzt: Das Prinzip Pinks funktioniert auch in Hi-Fi, ohne dass er Stil oder Reputation damit verriete. »Before Today« zeigt zwar kaum noch Spuren vom tonkopfschmirgelnden Weirdo-Sound, doch mischen sich ein Tarzanschrei, Polizeisirenen und Urwaldatmosphäre aufs Eleganteste in die Synthesizer-Soundschichten.

    Wenn gemeinhin seit etwa zehn Jahren beklagt wird, dass Independent-Musik immer mehr zum Mainstream verkomme, so fasst Ariel Pink hier den Umkehrschluss: »Es funktioniert andersrum: Jetzt wird der Mainstream indiefiziert.« Die opulenten Arrangements in der Machart von Hall & Oates oder Fleetwood Mac klingen auf »Before Today« wie eine seltsame Laune der Popkultur. Pinks Musik ist so nicht nur die reine Wiederentdeckung, sie bietet auch die Chance, sich mit seinen Erinnerungen auszusöhnen.

 

»Before Today« von Ariel Pink’s Haunted Graffiti ist bereits erschienen (4AD / Beggars Group / Indigo)

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2 Kommentare:
  1. housefactory:

    Nette Band,

    auf ArtiBerlin gibt es einen neues Format "Kinder kennt ihr schon...?". HIer werden die neusten Band's vorgestellt im Format eines Maerchens. Ist sehr lustig.

    http://www.artiberlin.de/article/Kinder_kennt_ihr_schon_Im_not_a_band

     
  2.  
 
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