»Weil es um die Finsternis der Achtziger geht …«

Es hieß, sie seien ausgebrannt und hätten die Arbeit an ihrem neuen Album abgebrochen, Jake Shears sei nach Berlin geflüchtet. Man machte sich Sorgen um die Scissor Sisters. Doch im Mai tauchte auf dem »Shrek 4«-Soundtrack ein neues Stück der Band auf. Prompt folgt »Night Work«: Produziert von Stuart Price, klingt das dritte Werk der New Yorker – obwohl Zitate von Frankie Goes To Hollywood bis ZZ Top überdeutlich herauszuhören sind – souverän, es bleibt im Vergleich zum Vorgänger »Ta-Dah!« auch angenehm frei von Honkytonk Momenten. Im Spex-Gespräch mit Sebastian Hammelehle plaudern Jake Shears, 31, und Scott »Babydaddy« Hoffman, 33, über das Berghain, Robert Mapplethorpe und ihr Verständnis von wahrem Christentum.


»Eine Nonne im Vergleich zu Jake …« – Scott »Babydaddy«Hoffman und die übrigen Scherenschwestern Ana »Ana Matronic« Lynch, Jason »Jake Shears« Sellards und Derek »Del Marquis« Gruen (v.l.n.r.)
Foto: © Universal Music

Die erste Fassung Ihrer neuen Platte »Night Work« haben Sie angeblich weggeschmissen. War sie derart schlecht?
    Jake Shears: Oh ja. Wir haben die Aufnahmen abgebrochen. Ich bin dann erst mal für ein paar Wochen nach Berlin gefahren, um einen klaren Kopf zu bekommen.
    Babydaddy: Jake dramatisiert das zu sehr. Es stimmt nicht, dass die Songs in die komplett falsche Richtung gingen. Wir machen sehr viel Musik, und natürlich ersetzten wir schlechtere Stücke durch bessere. Aber eigentlich war es wundervolle Musik.
    Jake Shears: Das hatte ich ganz vergessen.
    Babydaddy: Wir haben ja auch einige Songs behalten. Die Songs »Invisible Light« und »Sex and Violence« zum Beispiel, die sind jetzt auf unserer neuen Platte. Den Rest haben wir mit Stuart Price neu geschrieben. Wir haben uns in Berlin mit ihm getroffen, sind zusammen ausgegangen, ins Berghain, haben uns unterhalten, Musik gehört und dabei überlegt, wie wir die Platte fertigstellen könnten. Dann sind wir mit Stuart nach London geflogen, um dort in seinem Studio aufzunehmen. Und dann flogen wir für eine Woche in die Karibik.

In die Karibik – warum nicht gleich nach Nassau auf den Bahamas?
    Babydaddy: Genau dort waren wir. In den Compass Point Studios, wo früher Leute wie Grace Jones, die B-52’s oder die Talking Heads aufgenommen haben.

Seit den Achtzigern wurden die Studios nicht renoviert, schätze ich.
    Babydaddy: Ganz sicher bin ich mir da nicht. Die Studiotechnik ist jedenfalls noch original. Der alte Soundingenieur ist auch noch da – er ist jetzt sogar der Chef der Studios. Es gab dort auch noch einen uralten Synthesizer, den man sonst kaum noch findet. Und ich hatte Stuart extra so einen aus Tokio mitgebracht!

Und auf den Bahamas hatten Sie dann diese Achtziger-Jahre-Idee: Ein richtig schöner Sprechpart mit einem berühmten Schauspieler, das wär’s.
    Babydaddy: Sie meinen den Gastauftritt von Ian McKellen in »Invisible Light«? Die Idee hatten wir schon in London. Wir dachten, in dem Stück fehlt doch noch ein Element in der Mitte, eine mächtige, kraftvolle Stimme. Und wer könnte diese Stimme haben, wenn nicht Ian McKellen? Er ist die Stimme der Macht. Die Stimme Gottes.

Das Ganze erinnert ein bisschen an Vincent Price in »Thriller«.
    Babydaddy: Das hatten wir auf jeden Fall im Hinterkopf. Wir dachten an die großen Monologe der Popgeschichte, auch auf den von Trevor Horn produzierten Platten, etwa »Welcome to the Pleasure Dome« von Frankie Goes to Hollywood oder »Slave to the Rhythm« von Grace Jones.


STREAM: Scissor Sisters – Invisible Light

Klingen die Scissor Sisters derart nach den größten Hits der Siebziger und Achtziger, weil Sie nichts anderes hören als solche Platten?
    Babydaddy: Ich war als Kind jedenfalls Michael-Jackson-Fan. Wir arbeiten uns durch die Vergangenheit und entdecken dabei Sachen, die uns gefallen. Alte Platten sind für uns ein niemals endender Quell der Inspiration.
    Jake Shears: Nicht wirklich. Ich habe im College vor allem Industrial gehört. Später KMFDM, The KLF, The Orb. Als ich dann zwanzig war, bin ich zum Sonar Festival nach Barcelona geflogen, dort habe ich Chicks On Speed gesehen, Fischerspooner, Miss Kittin. Das hat mich interessiert. So etwas wollte ich machen.

Stimmt es, dass Sie beide sich schon als Teenager kennengelernt haben?
    Jake Shears: Nicht wirklich. Es war Mitte der Neunziger. So etwa 1996/97. Wir waren Anfang zwanzig.
    Babydaddy: Jake hat mich in Kentucky besucht, wir hatten dort einen gemeinsamen Freund.
    Jake Shears: Wir waren damals beide total von elektronischer Musik begeistert. Von den Warp-Platten, von Mouse On Mars, von Aphex Twins »I Care Because You Do« und »Come to Daddy« .

Auch von Aphex Twins Video zu »Windowlicker«, in welchem er verkleidet als Bodybuilder mit übergrossem Busen auftritt?
    Jake Shears: Klar! Dieses Video hat mein Leben verändert. Es ist großartig.

Wie muss man sich Ihre Jugend in der amerikanischen Provinz vorstellen?
    Babydaddy: In meiner Heimatstadt Lexington, Kentucky, gab es nur zwei Schwulenbars, das waren Privatclubs, schwules Leben fand also hinter verschlossenen Türen statt, ohne dass die straighte Mehrheit etwas davon mitbekam. Heute ist das ganz anders. Es hat sich doch einiges verändert, seit wir Teenager waren. Früher gab es nicht mal offen schwule Fernsehmoderatoren, heute gibt es ganze Schwulensender. Aber Schwulenhasser wird es sicher immer geben. Es geht in den USA immer zwei Schritte vor, in Richtung einer liberaleren Gesellschaft, und dann wieder einen zurück.
    Jake Shears: Die Rechten in den USA sind so sehr beschäftigt damit, Barack Obama zu hassen, dass sie gar keine Zeit mehr haben, sich über Schwule aufzuregen. Das Land ist heute zerstrittener denn je, regelrecht zweigeteilt. Obama macht tolle Arbeit, gerade in den letzten Monaten, aber es gibt noch sehr viel zu tun für ihn.

Kommen Sie nicht selbst aus einer ziemlich konservativen Familie?
    Jake Shears: Ja. Meine Mutter ist sehr religiös. Mein Vater nicht ganz so. Aber meine Mutter ist trotzdem meine beste Freundin. Sie liebt mich mehr als jeden anderen, ich bin ihr Baby. Sie hat mich nie verleugnet. Sie mag Schwule. Sie ist eben eine wahre Christin: Sie verurteilt andere nicht. Sie ist keine Fundamentalistin.
    Babydaddy: Meine Eltern sind ein bisschen liberaler, aber die jüdischen Traditionen wurden bei uns auch eingehalten: Bar Mitzwa, sonntags Thoraschule und so weiter. Aber der Ort, in dem ich aufgewachsen bin, ist äußerst konservativ. Jake ist allerdings in Arizona aufgewachsen, dort geht es noch repressiver zu. Er hatte es sehr schwer in der Schule, für ihn war es schwieriger, weil er so extrovertiert war. Ich hingegen war ein stiller, schüchterner Musiker.

Herr Shears, Ihr Vater näht angeblich Ihre Bühnenklamotten.
    Jake Shears: Das ist süss von ihm, oder? Ich hoffe, dass er das bei unserer nächsten Tour wieder macht.

Warum heißt Ihre neue Platte eigentlich »Night Work«? Für Sie scheint das Nachtleben doch recht vergnüglich zu sein?
    Babydaddy: Das müssen Sie Jake fragen. Ich bin nicht der Partytyp. Ich bleibe nüchtern.

Selbst im Berghain?
    Babydaddy: Auch wenn Sie es nicht glauben werden: ja. Gerade einmal ein paar Drinks hatte ich dort. Ich bin wirklich eine Nonne im Vergleich zu Jake.
    Jake Shears: Ich habe großen Respekt vor dem Nachtleben und gehe dementsprechend bescheiden und verantwortungsvoll aus. Ich übertreibe es nicht. Ich bin sehr vorsichtig, weil es mir so wichtig ist und ich es mir nicht verderben möchte. Ich will keinesfalls, dass ich irgendwann genug davon habe. Es gibt durchaus einen Unterschied, ob man das Nachtleben genießt oder sich einfach zum Säufer entwickelt. Ich gehe nur im Ausland aus. Ins Berghain gehe ich seit Jahren, davor ins Ostgut, wir haben am allerletzten Morgen des Ostguts mit den Scissor Sisters dort gespielt, bevor es zumachte. Das war magisch. Ein unfassbarer Club. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich reingegangen bin und zwei Tage lang nicht mehr herauskam. Ich musste dann direkt vom Club zum Flughafen, ich war noch total high, als ich das Flugzeug bestieg. Der Flug war nicht allzu vergnüglich! Als wir dann 2007 am Brandenburger Tor aufgetreten sind, ist mir das noch mal passiert. Wir sind nach dem Auftritt bis mittags ins Berghain und dann zum Flughafen. Auch dieser Flug war wirklich grauenvoll. Ich kann noch immer nicht verstehen, wie wir in New York überhaupt durch die Einwanderungskontrolle gekommen sind. Wahrscheinlich sah ich noch ganz gut aus, aber ich fühlte mich wie ein Haufen Müll. Erwähnte ich schon, dass mir Flughäfen Angst machen? Man muss sich dort immer so unauffällig benehmen wie möglich. Ach, letztlich ist das doch alles Arbeit. Und es wird immer sehr spät.


STREAM: Scissor Sisters – Night Work

Das könnte allerdings ein Problem sein, das nicht jeder hat.
    Jake Shears: Die Leute sind nachts entweder unterwegs, weil sie Sex haben wollen, weil sie Geld verdienen müssen oder um sich zu vergnügen.

Und Sie?
    Jake Shears: Um Erleichterung zu finden – oder Inspiration.

Die ganz klassische Nachtarbeit war schon immer die Prostitution.
    Jake Shears: Ich habe früher viele Wohnungen mit sehr vielen Strichern geteilt. Ich habe kein Problem mit Prostitution. Ich respektiere diesen Job. Als Popstar verkauft man sich ja auch, das meine ich gar nicht negativ – es ist vielleicht eher eine mentale Prostitution auf der Bühne, aber die Leute kommen ja doch auch, um meinen Körper zu sehen. In den besten Momenten unserer Konzerte habe ich mich immer als Prostituierter gefühlt.

Sie meinen: Prostitution wird unterschätzt?
    Jake Shears: Ja. Und ich bin Exhibitionist. Ich zeige gern meinen Körper, ich liebe Aufmerksamkeit, das ist Teil meines Wesens. Aber die Arbeit als Popstar ist ziemlich anstrengend. Wenn wir auf Tour sind, muss ich enorm auf mich aufpassen. Ich führe zwei getrennte Leben: Wenn wir auf Tour sind oder im Studio, gehe ich nur sehr, sehr selten aus. Ich bleibe nüchtern. Es ist, als ob man einen Marathon läuft. Man braucht auf der Bühne sämtliche Energie. Man kann sonst nicht sein Bestes geben und verarscht letztlich die Leute. Ich hebe Gewichte, um mich fit zu halten, auf Tour habe ich meinen Personal Trainer dabei. Aber am glücklichsten bin ich, wenn ich auf der Bühne stehe.

So glücklich hört sich »Night Work« aber gar nicht an.
    Jake Shears: Ja, weil es um die Finsternis der Achtziger geht, um das, was einem Angst macht. Denken Sie daran, wie viele Leute in den Achtzigern an AIDS gestorben sind. Die Folgen sind bis heute zu spüren. Wie würde unsere Welt aussehen, wenn es die AIDSTragödie und die Auswirkungen, die sie auf die damals blühende Schwulenkultur hatte, niemals gegeben hätte? Das ist eine der Fragen, die wir auf »Night Work« stellen: Wie wäre die Welt heute, wie hätte sich Popmusik entwickelt? Das Album ist eine Hommage an die Generation vor uns.

Haben Sie deshalb ein Foto von Robert Mapplethorpe auf das Cover genommen?
    Babydaddy: Das war Jakes Idee. Es erinnert an eine Zeit, als New York sehr dekadent, aber auch sehr gefährlich war.
    Jake Shears: Es war mir sehr wichtig, genau dieses Foto zu nehmen. Es symbolisiert die AIDS-Tragödie ebenso wie diese ganze Epoche. Mapplethorpe ist eine Symbolfigur dieser Zeit: Er hat dieses Leben gelebt, und er ist daran gestorben.

Worum geht es sonst auf der Platte?
    Jake Shears: Um Sex, um Spaß am Sex, darum, Sex zu genießen.

Ist Pop mittlerweile nicht derart sexualisiert, dass eine Band wie die Scissor Sisters gar nicht mehr auffällt?
    Babydaddy: Das würde ich nicht sagen, denn die meisten Popkünstler arbeiten doch mit einer sehr speziellen, dunklen, auf den Schock ausgerichteten Sexualität. Uns hingegen geht es um etwas ganz anderes: um freie Sexualität, die Spaß macht, darum, dass sich die Leute eben nicht dreckig fühlen, dass sie kein schlechtes Gewissen haben sollen.
    Shears: Pop ist freakiger geworden, auch kreativer, aber ich würde deshalb nicht an Sex denken. Die Schulterpolster von Lady GaGa allerdings sind nicht sexy. Kennen Sie Miley Cyrus’ Video zu »Can’t Be Tamed«?

Das wirkt weniger sexuell, sondern eher wie ein Versuch, Aufmerksamkeit zu erregen.
    Jake Shears: Aber um Aufmerksamkeit geht’s doch immer! Wir Popmusiker tun alles, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Pornografie gilt heute als ein Genre, das die ganze Popkultur prägt.
    Babydaddy: Weil man einfach einen viel leichteren Zugang dazu hat.
    Jake Shears: Das heißt aber nicht, dass sie wichtiger geworden wäre. Wenn ich mir vorstelle, dass ich als Teenager derart leicht an Pornos gekommen wäre – das wäre ziemlich aufregend gewesen. Man wird heute sicher früher sexualisiert, weil es so viele und so leicht zugängliche Pornos gibt.

Kann es auch ein Zuviel an Pornos geben?
    Jake Shears: Für mich nicht.

 

Das neue Album »Night Work« der Scissor Sisters ist bereits erschienen (Polydor / Universal). Im Oktober und November holen sie ihre im Juli wegen wichtiger Promotion-Termine ausgefallen Deutschland-Konzerte nach, bereits gekaufte Karten behalten Gültigkeit.

Scissor Sisters Live: 31.10. Hamburg – Docks /// 02.11. Köln – Live Music Hall /// 14.11. München – Theaterfabrik

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