»Monotronic ist echt total angesagt!«

Monotronic Tocotronic Micky Maus MagazinAnfang des Jahres klang es noch nach einem guten Gag: Tocotronic sprachen anlässlich ihres aktuellen Albums »Schall & Wahn« alle »Entenhausener Bürger« mit einem Videogrußwort an, daneben gaben sie dem »Lustigen Taschenbuch« ein langes Interview. Was man aber in der aktuellen Ausgabe des »Micky Maus«-Magazins (Ausgabe 26/2010) zu sehen und lesen bekommt, kann man wohl als feinste Selbstironie und vielleicht als Erlebnisbericht der schall- und wahnsinnigen Verkaufsschau in Hamburg verstehen. Donald Duck als ewig glückloser, ewig tobsüchtiger Freund Daisy Ducks, welcher es das neue Album der Gruppe Monotronic zu kaufen gilt.

    Mit dabei wie gewohnt Donalds Neffen Tick, Trick & Track, außerdem natürlich der Glückspilz Gustav Gans. In der deutschen Fassung des vierseitigen Comics wird Tocotronics »Aber hier leben, nein Danke« aufgegriffen, der Text nur leicht variiert, denn im »Micky Maus«-Strip heißt es: »Ich wohn nicht gern’ / in diesem Land / Hier mag ich nur / das Dosenpfand«. Wie diese Geschichte zustande kam und welchen Bezug Tocotronic zu den Disney-Comics haben, beantworteten uns Kai Reininghaus, Verantwortlicher Redakteur des »Micky Maus«-Magazins und Tocotronic-Bassist Jan Müller im Interview. Das Gespräch wurde per E-Mail geführt.

 

Welchen Bezug hat die »Micky Maus«-Redaktion zu Tocotronic und warum ist die ansonsten eher unter älteren Musikhörern bekannte Band innerhalb der Ehapa-Marke so präsent?
     Jan Müller: Schon seit unseren frühen Kindheitstagen verfolgen wir mit starkem Interesse die Berichte aus Fuchsholzen und auch die aus Entenhausen. Dass das »Micky Maus«-Magazin ein Heft für Kinder sei halten wir hingegen für ein vollkommen unsinniges Gerücht.
     Kai Reininghaus: Da treffen zwei Welten zusammen, die sich offensichtlich gut verstehen und respektieren. Die Herren sind ja in den Siebzigern mit Entenhausen aufgewachsen. Und die Liebe zu den Comics, zu Donald und Co. ist da wohl immer mehr oder weniger geblieben. Das hat man deutlich beim Interview gespürt. Dort zeigte sich übrigens, dass sich die Band ungemein im Entenhausen-Kosmos auskennt. Das war dann schon teilweise wie ein Gedankenaustausch unter Fachleuten. Und ein großer Spaß. Angelegt übrigens war das Interview für die Website des »Lustigen Taschenbuchs« – da geht ja die Altersrange von 12 bis 99. Von daher passt Tocotronic prima.

Von wem ging die Initiative zu dieser Kooperation aus?
     Müller: Eine Kooperation existiert eigentlich nicht, wir haben lediglich dem Ehapa-Redakteur Kai Reininghaus ein Interview für die Homepage des »Lustigen Taschenbuchs« gegeben. Dieses Gespräch war ein über den normalen Interviewalltag hinausgehender Informationsaustausch; vermutlich wurden die Reporter des »Micky Maus«-Magazins infolgedessen darauf aufmerksam, dass in Entenhausen eine Musikgruppe Namens ›Monotronic‹ existiert, die uns mancherlei Hinsicht ähnelt.
     Reininghaus: Florian Striedl, der Presse-Promotion-Manager von Universal Music, rief mich im vergangenen Herbst an, ob wir nicht was machen können – wo doch Arne und vor allem Jan so große Entenhausen-Fans sind! Dann ging alles relativ schnell und plötzlich saßen wir zusammen an der Stralauer Allee in Berlin und waren alle irgendwie aufgeregt. Die neue Platte stand ja kurz vor der Veröffentlichung. Es ist ganz sicher nicht üblich und verbreitet, dass sich (prominente) Leute so zu Entenhausen bekennen und da auch einfach gern drüber reden. Egal, ob irgendein neues Produkt gerade promotet werden muss, das tritt einfach komplett in den Hintergrund. Da fällt mir spontan nur noch Hella von Sinnen ein. Deshalb passte alles prima und war der Beginn einer schönen Geschichte, die, wie man sieht, weiterhin anhält.

Wieso wurde »Aber hier leben, nein Danke « für den Comic ausgewählt? Oder: Wieso wurde getextet: »Ich wohn nicht gern’ / in diesem Land / Hier mag ich nur / das Dosenpfand«? Ist das für die Zielgruppe des Heftes nicht ungewöhnlich scharf formuliert? Gerade nach der Fußball-WM 2010 sind doch sicherlich auch viele Kinder von dem »Wir«-Gefühl, Nationalstolz angefüllt.
     Reininghaus: Die Story handelt im Original natürlich nicht von der realen Band Tocotronic. Das ist nur eine einfache Geschichte, in der unser Pechvogel Donald mal wieder gegen die Widrigkeiten des Alltags kämpft. Das ist auch der Aufhänger für die Kids: Sie lieben Donald! Und wenn in Entenhausen eben eine Autogrammstunde mit einer Popband ist, bei der einiges nicht so läuft wie der Erpel es will, wird’s einfach komisch. Da ist es egal, ob man als 10-jähriger den Vergleich zur Wirklichkeit ziehen kann. Wir sollten die Kids nicht unterschätzen, die können schon klar zwischen Entenhausen und der ›richtigen‹ Welt unterscheiden. Deshalb tauchen sie ja auch so gern ein in diesen magischen Ort. Und wenn die reale Band Tocotronic gern auch einmal in Entenhausen auftreten würde (wie im Videogruß nachzuhören), vermischen sich langsam Wirklichkeit und Fiktion und zu Monotronic ist es dann auch nicht mehr weit.
    Müller: Der Comic nimmt ja erfreulicherweise auch das Fan-tum, als Fanatikertum mit gespickter Feder aufs Korn. Insofern findet hier eine Drehung der Drehung statt, kritikloses bejubeln von Kritik wird infrage gestellt. Für Kinder genau das Richtige.

Musik bzw. Bands waren traditionell ein festes wiederkehrendes Element  der Disney-Comics. Wie werden die Gruppen generell ausgewählt und was waren große musikalische Höhepunkte in der Seriengeschichte?
    Reininghaus: Ja, das ist wohl wahr. Musik ist eben ein lebenswichtiger Bestandteil in Entenhausen. Wie in so vielen Dingen gleicht diese Welt auch hier der unsrigen. Die original Stories lassen ja immer Raum für die jeweilige territoriale Interpretation. Da tauchen in allen Ländern andere Namen auf. Nicht nur Bandnamen werden übrigens verfremdet zitiert, gern auch Songtexte. Ich erinnere mich da an Anlehnungen an die Toten Hosen, die Beatles (dass das 1. LTB im gleichen Jahr wie Sgt.Pepper erschien, kann kein Zufall sein – schöne Story dazu übrigens in LTB 369 – aber das nur nebenbei), Lady Gaga, Udo Lindenberg, die Ärzte, aber auch Wolfgang Petry oder Guildo Horn. Für die Kids sind das zuallererst – wie schon gesagt – Comics. Geschichten. Für alle Insider und Kenner ergibt sich darüber hinaus eine schöne weitere Ebene.

Welchen Inhalt könnte ein langer Tocotronic-Beitrag bzw. eine lange Monotronic-Geschichte im »Lustigen Taschenbuch« haben? Gibt es entsprechende Überlegungen?
    Müller: Da sind wir leider die falschen Ansprechpartner. Außerdem ist das »Micky Maus«-Magazin noch immer die schönste Entenhausener Publikation. »Die größte Jugendzeitschrift der Welt«!

 

Die ganze Geschichte kann man auf der Tocotronic-Homepage nachlesen. Und bevor im Vorfeld der nächsten Tournee siehe Termine unten die neue Single »Die Folter endet nie« erscheint, sei gesagt, dass man im Anschluss daran nicht auf zuviel Bewegung bei Tocotronic hoffen sollte: Im Jahr 2011 werden Tocotronic ein »Sabbatical« einlegen, sprich: frei nehmen. Jan Müller betonte uns gegenüber dementsprechend: »Wir nehmen das sehr ernst!«

 


VIDEO: Tocotronic – Aber hier leben, nein Danke

Tocotronic Live:
31.07. Dortmund – Juicy Beats Festival
20.08. A-St. Pölten – Frequency Festival
28.08. Wiesbaden – Schlachthof
11.09. Hamburg – Stadtpark Freilichtbühne
20.10. Osnabrück – Rosenhof
21.10. Kassel – Musiktheater
22.10. München – Backstage
23.10. Augsburg – Neue Kantine
24.10. Karlsruhe – Substage
26.10. Darmstadt – Centralstation
27.10. Jena – Kassablanca Gleis 1
28.10. Leipzig – Conne Island
29.10. Berlin – Astra-Kulturhaus

Abbildungen: »Die neue Monotronic«, Micky Maus 26/2010, © Disney. Mit freundlicher Genehmigung des Egmont Ehapa Verlages

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