»Die größten Probleme bereiten mir die Gurken.«

Essenzielle Fragen: Tracey Thorn

Text: Martin Hossbach

Tracey Thorn, 47, veröffentlichte dieser Tage ihr drittes Soloalbum, »Love and Its Opposite«, das in Berlin und London aufgenommen wurde. Das Bandprojekt, das sie und ihren Ehemann Ben Watt berühmt machte, Everything But The Girl, ruht seit 2002.

Mit Männern zusammenzuarbeiten …?
    … ist für mich ganz normal. In meiner Karriere habe ich fast ausschließlich mit männlichen Musikern gearbeitet – und so gut wie nie mit Frauen. Am Anfang meiner Karriere spielte ich mal mit drei Frauen in einer Band namens Marine Girls. Das ist dreißig Jahre her, ich kann mich kaum noch daran erinnern. Insofern fällt es mir schwer, einen Vergleich zu ziehen. Die längste Kollaboration ist natürlich die mit meinem Mann Ben Watts, sie begann in den frühen Achtzigern. Hinzu kommen die Songs, die ich mit The Style Council, Lloyd Cole und Jens Lekman aufgenommen habe. Er singt auf meinem neuen Album im Song »Come On Home to Me«. Jede Zusammenarbeit ist anders, es hängt von den involvierten Persönlichkeiten ab, das Geschlecht ist nicht entscheidend. Wichtig ist eher: Ist es ›mein‹ Song, in dem Jens Lekman singt, oder ist es Massive Attacks Song »Protection«, in dem ich, ganz klar definiert, die ›Gastsängerin‹ bin? Dieses Machtverhältnis finde ich interessant. Ich bin gerne der Gast. Ich liefere meinen Beitrag ab, habe aber keinen Einfluss auf das Endergebnis.

Ich wohne gerne in London …?
    … weil ich in der Grafschaft Hertfordshire aufgewachsen bin, die man als Vorstadt von London bezeichnen kann. Von dort braucht man nur eine halbe Stunde, um ins Stadtzentrum zu fahren. Ich konnte also immer in London ausgehen und es dann auch kaum abwarten, als Erwachsene endlich dorthin zu ziehen. Ich studierte dann allerdings in Hull, im Norden. Das war damals eine ziemlich heruntergekommene und abgeschiedene Stadt, eiskalter Wind fegte da. Es gab in Hull keine Musikszene wie in Manchester, wir mussten selbst eine gründen. Heute wohne ich dort, wo ich schon immer leben wollte: im Norden Londons, in Hampstead, in der Nähe des großen Parks Hampstead Heath. In Berlin hielt ich mich in letzter Zeit vermehrt auf, um dort mit Ewan Pearson an meinem neuen Album zu arbeiten. Die Stadt überraschte mich, sie entsprach gar nicht dem verqueren Bild, das ich im Kopf hatte. Ich schätze, es speiste sich einerseits aus Horden von Ravern und DJs und andererseits aus David Bowies Berlin der Siebziger. Berlin hat heute für mich etwas sehr Hippiehaftes: Die Stadt ist angenehm entspannt und sehr einladend, herrlich zum Fahrradfahren. London dagegen ist eine sehr harte Stadt, sie heißt einen nicht willkommen. Als Einwohner gewöhnt man sich aber irgendwann an die Hetzerei, den Lärm und die Kamikazefahrten mit dem Fahrrad.

Das Lieblingsgericht meiner Kinder …?
    Wenn das so einfach wäre! Jemand, der keine Kinder hat, stellt sich immer vor, dass es unheimlich erfüllend sein müsse, für Kinder zu kochen. Lassen Sie es sich gesagt sein: Es bringt höchstens in den ersten zwei Wochen Spaß. Ich habe drei Kinder, jedes von ihnen mag unterschiedliche Gerichte. Mal mögen sie dies nicht, dann das nicht. Ich koche abends wirklich die absurdesten Mahlzeiten. Die Idee ist, eine Art Grundessen zu haben, welches für alle identisch ist. Die Realität sieht dann so aus, dass ich noch verschiedenste Variationen dazukochen muss. Das eine Kind hasst Kartoffeln, das andere isst lieber Pasta, aber nur ohne Parmesan, und das dritte mag sehr gerne Karotten, aber nur »wenn sie das Hauptgericht nicht berühren«. Es ist noch nicht mal so, dass die Zwillinge, meine beiden zwölfjährigen Töchter, denselben Geschmack hätten. Im Gegenteil! Eine isst fast alles, die andere hat ausschließlich Extrawünsche. Es ist zum Verzweifeln.

Ein guter Remix …?
    … nimmt die Qualitäten des Ausgangsmaterials mit und wirft sie nicht unterwegs über Bord. Der ursprüngliche Song muss immer erkennbar bleiben. Todd Terrys Remix von Everything But The Girls »Missing« ist sicherlich einer der erfolgreichsten Remixe aller Zeiten, er erreichte 1996 in den Billboard Charts sogar Platz zwei. Terry sagte zu mir, er habe damals das Gefühl gehabt, der Song an sich sei schon so stark, dass er nicht mehr viel hinzufügen müsse. Seine einmalige Leistung bestand darin, den Song für den Dancefloor kompatibel zu machen – und das war’s. Fast alle Remixer sind mit meinen und mit EBTGs Kompositionen so umgegangen, und trotzdem haben sie uns jedes Mal überrascht. Bei »Missing« bestand die Überraschung darin, dass letztlich nur der Beat geändert wurde.

Ein Song, den ich covere …?
    … muss eine gute Melodie und einen sinnvollen Text haben und gleichzeitig meinen doch recht limitierten Gesangsfähigkeiten entgegenkommen. Die Melodie darf nicht zu hoch oder zu tief sein, meine Stimme umfasst nicht mehrere Oktaven. Außerdem muss der Song eine gewisse Einfachheit haben, sodass er auch glänzen kann, wenn ich ihn zurückhaltend behandle. Ich singe ja nie besonders demonstrativ oder dramatisch. Der Song darf dabei nicht verblassen. Das ist mir – so stellte es zumindest Neil Tennant von den Pet Shop Boys fest – besonders gut bei meiner Version ihres Songs »King’s Cross« gelungen, den ich Ende 2007 veröffentlichte. Auf meinem neuen Album habe ich zwei Songs gecovert, einer davon stammt von Lee Hazlewood. Ich habe ihn mit Jens Lekman eingesungen, »Nancy and Lee«, Sie wissen schon... Ich kannte das Original gar nicht, mein Produzent Ewan Pearson wollte mir einfach seinen Lieblingssong von Hazlewood vorspielen und wurde dann ganz nervös, als ich sofort eine Coverversion einsingen wollte.

Mein tägliches Ritual …?
    … besteht im Frühling und Sommer daraus, morgens als Erstes in mein Gewächshaus zu gehen und nach dem Gemüse zu schauen, das ich für meine Familie anpflanze. Ich öffne die Tür, wässere die Pflanzen, justiere dann ein paar Stunden später die Jalousien, damit es im Gewächshaus nicht zu heiß wird. Am Nachmittag muss die Tür wieder geschlossen werden, und so weiter und so fort – dabei habe ich doch schon drei Kinder! Die größten Probleme bereiten mir die Gurken. Die erste Aussaat verkümmert mir immer, jedes Jahr. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich sie zu früh anpfl anze. Ich kann einfach nicht abwarten. Gurken sind unverzeihlich: Wenn es plötzlich zu kalt wird, gehen sie ein.

 

»Love and Its Opposite« von Tracey Thorn ist bereits erschienen (Strange Feeling / RTD).


STREAM: Tracey Thorn - Why Does the Wind?

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2 Kommentare:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von 20.07.: “Pubertären Ernüchterungserfahrungen” : ByteFM Magazin:

    [...] etwas anderes Interview liest man heute bei unseren Kollegen von Spex Online. Martin Hossbach spricht mit Tracey Thorn vor allem über Essen. Beispielsweise über Gurken oder [...]

     
  2. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Erwachsen werden mit Tracey Thorn … « Food of Love:

    [...] Ach ja, mehr von Tracey Thorn über Tracey Thorn im Frage-und-Antwort-Spiel der Spex. [...]

     
 
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