Untot – Von Menschen & Monstern
Getrunken wird zu Hause: »Twilight« und »True Blood«
Text: Wibke WetzkerHysterisches Gekreische und schmachtende Blicke sind durchaus abschreckende Begleiterscheinungen des »Twilight«-Fiebers, weshalb sich ein differenzierter Blick auf das Zeitgeistphänomen Vampir lohnt. Wibke Wetzker erkennt in der »Twilight«-Saga, aber auch in der US-Serie »True Blood« einen Paradigmenwechsel: Die Deutungshoheit über den Vampir haben jetzt Frauen.

Still: »True Blood«, © 2010 Warner Pictures
»Herrgott, tut es endlich!«, möchte man ihnen entgegen schreien. Wenn es zwischen Bella und Edward auf der Leinwand knistert, könnte man wahnsinnig werden vor Ungeduld (so mancher Zuschauer allerdings auch vor Langeweile), denn eins ist gewiss: ›Es‹ wird nicht passieren – zumindest jetzt noch nicht. »Twilight« ist das längste Vorspiel der Filmgeschichte. In der ersten Folge wurde zaghaft geküsst, in der Fortsetzung geknutscht und ein bisschen gefummelt, und in Teil drei soll es nun endlich an die Wäsche gehen. Allerdings nicht bis zum Äußersten, schließlich stehen noch zwei Filme an. Die Art der Spannungserzeugung ist nicht originell, aber äußerst effektiv. Oder, wie die amerikanische Kritikerin Laura Miller im Wall Street Journal über die Vampir-Romanze schrieb: »You could call it all a big tease, but as many a woman can testify, sometimes the tease is the best part.«
Was die Kritik hierzulande als Prüderie abtut, die im Kern »lustfeindlich« und von »reaktionärer Sexualmoral« bestimmt ist (Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen, 27.11.2009), das bewegt sich doch eher in einer pornografischen Grauzone. Es würde auch niemand die Funktionalität eines Striptease bestreiten (der nicht zwangsläufig zum sexuellen Vollzug führt), bloß weil die Praxis des kunstvollen Entkleidens als tänzerische Leistung interpretiert werden kann. – Ein wenig mehr Fantasie, bitte! – Die Tatsache, dass »Twilight«-Autorin Stephenie Meyer Mitglied der mormonischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist (in erster Linie ist sie eine schlechte Schriftstellerin, die zu viel Jane Austen, Emily Brontë und Shakespeare gelesen hat), findet ihre Entsprechung in der einseitigen Interpretation von »Twilight« als Enthaltsamkeitsfabel gegen eine aufgeklärte Sexualpädagogik. Man übersieht so jedoch, dass die Lust an »Twilight« durchaus explizit ist. (Zuletzt landeten die Bücher auf dem Index der American Library Association, noch vor J.D. Salingers »Fänger im Roggen«, weil jede Menge Beschwerden bezüglich sexueller und jugendgefährdender Passagen eingingen.)
»Twilight« involviert Millionen von Rezipient(inn)en, nicht weil Moral gepredigt wird, sondern weil es Lust verspricht. Die Filme erweitern sogar das Spektrum der Lesarten, indem sie den manierierten Sprachschwulst von Meyers Büchern abspecken und ein campes Sehvergnügen ermöglichen. In den Momenten totaler Überzeichnung, die gerade männliche Kritiker gern mit unfreiwilligem Humor verwechseln, verkürzt sich Kitsch zur Pointe, etwa wenn Bella den Brustkorb ihres Sandkastenfreunds Jake mit ganz neuen Augen betrachtet: »Jake, du hast ja Muskeln! Was ist passiert?« Selten wurde das Wunder der Pubertät präziser auf den Punkt gebracht. Und ob man nun das violette Blumenmeer, in dem Bella und Edward die Innigkeit ihrer Beziehung zelebrieren, als religiöse Metapher für Spiritualität und Buße deutet oder ganz im Sinne Freuds als Zeichen sexueller Frustration und des Drangs nach Notzucht: Im Fall von »Twilight« können beide Interpretationen mit vollem Recht durchgehen.
Der Vampir war nie eine Erfindung der Hochkultur. Er ist ein Gefäß für die Träume (und Albträume) der pluralistischen Gesellschaft im Wandel – er ist eine Popfigur. Seinem Wesen wohnt eine innere Dramatik und Dynamik inne, die es erlaubt, seinen Mythos immer wieder neu zu erzählen. Dass »Twilight« gerade als Speerspitze eines Vampirkults (vor allem unter weiblichen Teenagern) die Vermarktungsmaschinerie zum rotieren bringt, ist nur Teil eines Trends, der das gesamte Vampirgenre erfasst hat. Seit geraumer Zeit – und hier müssen wir nicht bis zu Anne Rice’ revolutionären Vampirromanen zurückgehen – gestalten nämlich weibliche Autoren den Genreduktus nach den Bedürfnissen ihrer überwiegend weiblichen (und überwältigend großen) Leserschaft.
Die Amerikanerin Laurell K. Hamilton etwa führt seit den neunziger Jahren eine Serie von Mystery-Detektivgeschichten fort, in denen ihre Heldin Anita Blake nicht nur Vampire pfählt, sondern auch romantische Mondscheinstunden mit Werwölfen verbringt und sogar zur ›Sex-Sklavin‹ des Obervampirs wird. Neben jeder Menge Groschenromanflair greift Hamilton eine Idee auf, die auch der Sookie-Stackhouse-Reihe von Charlaine Harris ein wohlwollendes Nicken seitens der Literaturkritiker einbrachte: Vampire werden zu legalen Bürgern der USA, die auf allen Ebenen um Gleichberechtigung streiten. Die Allegorie auf eine Einwanderungsnation mit Integrationsdefiziten ist nicht zu übersehen, aber Harris und Hamilton belassen es nicht bei der sozialkritischen Volte mit Fangzähnen. Sie machen den modernen Vampir zur Projektionsfläche für romantische Eskapaden (oder gleich zum ›Sexmonster‹) und führen ihn so ein gutes Stück weit zurück an seinen Ursprung: in die unendliche Welt der Fantasie.
So wiederholt sich in entgegengesetzter Richtung jener Paradigmenwechsel, den das Vampirgenre Mitte des letzten Jahrhunderts durchlief. 1954 verpasste der amerikanische Schriftsteller Richard Metheson der Figur des lichtscheuen Blutsaugers mit seinem Buch »I Am Legend« einen Realitätsschock und überführte sie in den Zeitgeist der McCarthy-Ära. Eine Seuche lieferte das naturwissenschaftliche Erklärungsmodell für den Vampirismus. Fortan wurde der Vampir als missverstandenes und zivilisationsgemachtes Individuum am Rande der Gesellschaft lokalisiert. Für all seine mystischen Eigenarten schien es plötzlich eine Erklärung zu geben, und damit konnten sie auch nach Belieben aus der Welt geschafft werden (Spiegelbild? Warum nicht. Kruzifixe? Kein Problem). Lediglich Blutdurst und eine ausgeprägte Libido blieben erhalten. Letztere bestimmt die kulturelle Identität des Vampirs (um Fortpflanzung ging es ihm nie – und was ist Bluttrinken weiter als eine erotisierte Nahrungsaufnahme?). Genau hier setzten die Geschichten von Bella Swan, Sookie Stackhouse und Anita Blake an: Sie entreißen ein potentes Fantasiegeschöpf wie den Vampir seiner Pragmatisierung.

Still: »Eclipse: Bis(s) zum Abendrot«, © 2010 Concorde
Während »Twilight« den Vampir mit derselben Faszination adaptiert, die auch in der symbolischen Herausforderung eines Keuschheitsgürtels liegt, geht es in »True Blood«, der HBO-Serie nach Charlaine Harris’ erwähnten Vampirgeschichten, forscher ans Werk. Sex wird hier gezeigt, nicht herbeigedichtet. Aber auch »Six Feet Under«-Schöpfer Alan Ball steuert die Beziehung zwischen der weiblichen Hauptfigur Sookie und ihrem Vampir-Liebhaber Bill in die Bahnen weiblich konnotierter Idealvorstellungen. Die Menschen-Männer in »True Blood« sind traumatisierte Kriegsveteranen, gefährliche Massenmörder oder naive Nymphomanen – kein Wunder also, dass sich die Kellnerin Sookie (Anna Paquin) zu einem Vampir hingezogen fühlt.
Grundsätzlich wird die vampirische Libido in »True Blood« geradezu ökonomisiert: Vampire sind Sexobjekte, ihre Fans nennen sich ›fangbangers‹, manche Vampire bezahlen Prostituierte, um sie beißen zu dürfen, und Vampirblut wird unter dem Kürzel ›V‹ auch als hochprozentiges Aphrodisiakum verkauft, das bei Menschen zur Abhängigkeit führt. Gleichzeitig ist Vampirsex tabuisiert, und Vampire werden diskriminiert (die Legalisierung der Vampir-Ehe stellt das emanzipatorische Finale der ersten Staffel dar). Dagegen zeigt sich Sookie unvoreingenommen und fasziniert von Vampiren. Und nicht nur darin ähnelt sie Bella aus »Twilight«: Sookie ist Jungfrau (mit Mitte zwanzig!), und während sich der Rest der Kleinstadtbevölkerung die Seele aus dem Leib rammelt, wartet sie auf ›den Richtigen‹. Denn ›das erste Mal‹, so Sookie, »ist eine der wichtigsten Erfahrungen im Leben eines Mädchens«.
Wie Bella und Edward in »Twilight« lernen sich auch Sookie und Bill in einem Moment übersinnlicher Erschütterung kennen. Oder besser: Sie erkennen, dass sie füreinander bestimmt sind. Dabei spielt es eine nicht unerhebliche Rolle, dass Sookie ihre außergewöhnliche Fähigkeit des Gedankenlesens bei Vampir Bill nicht zur Anwendung bringen kann. Da geht es ihr wie Edward, dessen vampirisches Gimmick im freien Zugang zur menschlichen Gedankenwelt liegt, und nur Bella widersteht dieser telekinetischen Spionage. Einander kennenzulernen, wird so zur großen Herausforderung, auch wenn die körperliche Anziehung unerträglich groß ist: Vampirmann und Menschenfrau müssen sich langsam aneinander herantasten. Bella und Edward tun das in nächtelangen Gesprächen, in »True Blood« leckt Bill vorsichtig wie ein Kätzchen die Wunden der lebensgefährlich verletzten Sookie (Vampirspeichel besitzt in der Serie heilende Wirkungen).
»True Blood« benutzt also ähnliche Schlüsseleffekte wie »Twilight«, nur eben raffinierter und logischer. So erklärt sich Sookies späte Jungfräulichkeit mit der unerträglichen Intimität, die aus dem freien Zugang zu den Köpfen ihrer potenziellen Liebhaber resultiert. Bella hingegen will sich mit ihrem Traumvampir um jeden Preis vereinen, aber Edward, dieser fiese Kontrollfetischist, lässt sie zappeln: »Wenn ich es mache, dann für immer.«
Bei Meyer werden Biss, Penetration, Volljährigkeit und Heirat zur Kausalkette. In »True Blood« ist bereits der Spielraum zwischen Beißen und Sex durchdifferenziert: Wie viel, wo und mit welcher Intensität gebissen wird, hängt ganz von der Gelegenheit ab. Beide Paare sind aber ›totally exclusive‹, was das Blutsaugen betrifft. Getrunken wird zu Hause, da ist der Vampirmann treu. Schließlich ermöglicht ihm die feste Bindung an eine Menschenfrau ein zivilisiertes Dasein und zugleich das gelegentliche Ausleben seiner weniger gesellschaftsfähigen Seite.
Während sich Bella und Edward also bis in alle Ewigkeit Zeit lassen, tun es Sookie und Bill im letzten Drittel der ersten Serienstaffel. Und natürlich ist es (nach Sookies Aussage) »perfekt«! Vampirmänner, so die moderne weibliche Auffassung, erfüllen Wünsche, die ›gewöhnliche‹ Männer offenlassen. Sie haben einen ausgeprägten Beschützerinstinkt, sehen fantastisch aus, besitzen moralische Werte und können ihre Triebe kontrollieren. Trotzdem sind sie geheimnisvoll. Kurz: Der Alltag wird nie langweilig mit ihnen. So haben die Frauen aus der alten (Männer-)Fantasie des lüsternen Wegelagerers, der seine weiblichen Opfer erst betörte, um sie dann gefügig zu machen, das Beste gemacht, ohne den Spieß einfach umzudrehen (was wohl der Tarantino-Ansatz gewesen wäre): Sie haben sich den Blutsauger schön gedacht. Der Gentleman-Vampir ist eine Erleichterung, für Frau und Vampir.
»Eclipse: Bis(s) zum Abendrot« läuft am 15. Juli 2010 in den Kinos an (USA 2010 Regie: David Slade. Mit Kristen Stewart, Robert Pattinson, Taylor Lautner u. a., 124 Minuten, Concorde). Auf DVD erschienen sind bereits »Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen« (USA 2008 Regie: Catherine Hardwicke, 117 Minuten, DVD, Concorde, 10.06.2009) und »New Moon – Bis(s) zur Mittagsstunde« (USA 2009 Regie: Chris Weitz, 126 Minuten, DVD, Concorde 15.04.2010). Die erste Staffel der Serie »True Blood« ist ebenfalls bereits auf DVD erschienen (USA 2008, Regie: Alan Ball. Mit Anna Paquin, Stephen Moyer u. a., 720 Minuten, DVD, Warner Home Video, 09.04.2010).
VIDEO: Twilight Eclipse (Trailer)
VIDEO: True Blood (Trailer)

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