Professionell und unbeeindruckt

Janelle Monáe, Bread & Butter, Flughafen Tempelhof, 9. Juli 2010, Berlin

Text: Walter W. Wacht

Da hilft selbst das beste Haarspray nicht: der bretthart zur Tolle toupierte Afro hält nicht länger Stand. Die afroamerikanische Soul-Sängerin Janelle Monáe ist gerade in der Mitte ihres rund 45-minütigen Sets im Rahmen der Modemesse Bread & Butter angelangt, als ihre Frisur hitzebedingt kollabiert. Kein Wunder: 37 Grad Celsius zeigt das Thermometer auf dem Rollfeld des früheren Verkehrsflughafens Berlin Tempelhof an, und die gefühlte Temperatur liegt weitaus höher. Die 24-jährige Monáe trägt's mit Fassung, rückt die Haare zurecht und setzt ihre furiose Live-Show fort.

    Monáe, bekannt für ihre tollkühnen Tanzeinlagen, wurde von den Veranstaltern der Modemesse für ihr Showcase samt Schlagzeuger, Gitarrist und Bassist sowie zwei Tänzern in einen knapp 16 Quadratmeter großen, bühnenähnlichen Brutkasten gepfercht, dazu ist sie – ganz ihrem Image treu bleibend (vgl. Spex #324) – hoch zugeknöpft. Flache schwarz-weiße Lederschuhe, schwarze Anzughose und eine bis zum Hals geschlossene Langarmbluse mit wuchtigen Schulterpolstern trägt sie – ein krasser Kontrast zum Messepublikum vor der Bühne: Dort dominieren Sonnenbrillen, kurze Hosen, Wife-beater bei vielen Herren, Bikini-Oberteile und Sommerkleidchen bei den Damen sowie Flip-Flops aller Couleur – den exklusiven Auftritt einer zutiefst modischen Musiksensation auf dem nach Selbstverständnis wichtigsten Mode-Event der Hauptstadt hatte man sich eigentlich etwas anders vorgestellt.

    Janelle Monáe gibt sich professionell und unbeeindruckt von Temperaturen und Beach-Party-Atmosphäre und liefert ein bis zum Schluss mitreißendes Konzert, das lediglich durch den katastrophal laut abgemischten Sound getrübt wurde. Für die Songs ihrer »Metropolis: The Chase Suite«-EP und ihres neuen Albums »The ArchAndroid« (mehr dazu in Spex #328) treibt die Sängerin ihre voluminöse Stimme immer wieder in die Höhe. Auf ihre Füße wird da kaum geachtet, bis sich Monáe gegen Ende der Show unters Publikum mischt. Begleitet von ihren unter dunklen Roben und venezianischen Masken verborgenen Tänzern wirbelt die zierliche Sängerin durch die knapp 200 Zuschauer, geht Michael-Jackson-gleich auf die Zehenspitzen und wirft sich leicht in die Knie. Zu diesem Bild passt auch gut, dass sie dem King of Pop zuvor bereits Tribut gezollt hat: Sie sang »Smile« von Charlie Chaplin, das erklärte Lieblingslied von Michael Jackson.


STREAM: Janelle Monáe - Faster / Cold War

    Diese Ballade wirkt trotz Monáes starker Stimme und dem berührenden Vortrag schon etwas überzogen, beinahe hätte es das zuvor ebenfalls gespielte bluesige Interlude des »Stars-spangled Banner« an Kitsch übertroffen. Bei allem guten Stil Monáes bzw. ihrer Hit- und Tempofreude in Stücken wie »Faster«, »Cold War«, »Dance or Die« oder »Tightrope« merkt man eben doch, dass man es hier mit einem (angehenden) US-amerikanischen Pop-Sternchen zu tun hat, für den Patriotimus und die obligatorische Ballade zu einem Konzert respektive Album einfach fest dazugehören – auch wenn man mit dem »Metropolis«-Cyborg-Überbau und der erfundenen Identität Cindy Mayweather noch so sehr die Zwänge des Funktionierens als Produkt zu legitimieren versucht.

 

»The ArchAndroid« von Janelle Monáe erscheint am 23. Juli 2010 (Warner Music), eine Deutschland-Tour im September ist bereits in Vorbereitung.

Fotos: © Bread & Butter Berlin 2010

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1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Nah am Menschen:

    [...] Cyborg bleibt im »Cold War«-Video außen vor. Janelle Monáe alias Cindi Mayweather alias Androiden-Mädchen #57821, die derzeit musikalisch aufregendste unter den ›Maschinenfrauen‹ im Pop, gibt sich [...]

     
 
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