Future Islands

In Evening Air

Text: Lukas Dubro, Thomas Hübener, Christoph Braun

Future Islands In Evening Air Cover Pop-Briefing TonträgerDubro: Eine geniale 80s-Platte, nichts anderes ist das neue Album der Future Islands aus Baltimore geworden. Auf »In the Evening Air« fügt die Band gekonnt Elemente aus den Genres New Wave, Post Punk und Synthpop zu einem vielschichtigen Sound zusammen, den sie selbst als »Post Waffe« bezeichnet. In allen neun Songs von »In Evening Air« beweist die Gruppe dabei nicht nur, dass sie geschickt zitieren, sondern auch großartig arrangieren kann. Der hitverdächtige Song »Vireo’s Ehe« veranschaulicht wieso: Das Stück beginnt mit einem zackigen Gitarrenstakkato à la Gang of Four, zu dem sich einige Takte später der angezerrte schnörkellose Bass William Cashions gesellt. Dieser harmoniert wunderbar mit dem flotten elektronischen Beat und könnte in seiner Art aus »Unknown Pleasures« stammen, dem ersten Album der New-Wave-Pioniere Joy Division. Über dieses Grundgerüst legt Keyboarder J. Gerrit Welmers schließlich seine sphärischen und flächigen Synthesizer, die an den Synthpop von Talk Talk, Heaven 17 oder O.M.D. erinnern und dem Punksound eine angenehme klangliche Tiefe verleihen. Ein weiteres für die 80er-Jahre typisches Merkmal ist die melancholische Gesangsmelodie Samuel T. Herrings, die kurz nach den Synthies einsetzt und im Refrain, verstärkt durch den damals ebenfalls gern verwendeten Reverb-Effekt ihren pathetischen Höhepunkt erreicht. Die Schichtung von Synthpop- und Punk-Elementen variieren die drei Musiker in jedem Stück und verleihen dem Album auf diese Weise eine erfrischende Klangvielfalt. Somit ist die Musik von »In the Evenning Air« eine ernstzunehmende Perspektive für die zuletzt äußerst monoton vor sich hinrockenden Postpunk-Bands aus Großbritannien.


STREAM: Future Islands - Tin Man

    Hübener: Der Umgang mit dem Attribut »genial« ist an dieser Stelle doch ein wenig leichtfertig. Richtig ist: Das Jahrzehnt, auf das die Band zurückzugreifen nicht müde wird, sind die 80er Jahre. An Retroismus als solchem mag man inzwischen auch gar nicht mehr herummäkeln. Schade ist es aber schon, dass sich die Future Islands auf die klangliche Simulation eines winzigen Ausschnitts aus dem Strauß des damals Möglichen beschränken. Denn bei dem Trio handelt es sich um eine weitere aus der kaum noch übersehbaren Reihe von Bands, die ohne Joy Division und New Order nicht denkbar wären. Ein beständig pulsierender  Grummelbass à la Peter Hook als Leadinstrument, leirige Frostsynthies, die sich mit sakralen Orgelklängen abwechseln, treibendes Drum Programming: Fertig ist die graue Silhouette eines industrieansiedlungsreichen Vorortes, in dem man das Blau des Himmels wegen fehlender Filteranlagen nur selten zu Gesicht bekommt. Das heisere und kratzige Schnarren des sich mit berserkerhafter Intensität artikulierenden Sängers, der gewiss auf keine Vergangenheit in einem Schulchor zurückblicken kann, dürfte mit seiner manchmal etwas überambitionierten Mixtur aus Tom-Waits-Greinen, Joe-Cocker-Spasmen und Drill-Instructor-Nachdruck polarisieren.


VIDEO: Future Islands - As I Fall

    Die Texte gravitieren auf diesem zweiten Album der Amerikaner um eine oder mehrere zerbrochene Lieben. Beständig gibt es ein Du, das die Liebe ruiniert hat, das man nicht mehr berühren kann oder dem man zur Abwechslung mitteilt, wie gut man auch ohne es klarkomme. Es gibt »lost goodbyes« und »lonely tears« (»Walking Through That Door«), die Bildlichkeit ist herbstlich, Blätter fallen, und manchmal hat man den Eindruck, dass beim Texten eine Lyrik-Anthologie der englischen Romantik auf dem Schreibtisch lag – zum Beispiel dann, wenn man sich »alone at night / To Misery’s bed« (»An Apology«) begibt. Einige der Passagen wird man sich nicht auf Deutsch gesungen vorstellen können, ohne zu erröten. »You couldn’t possibly know how much you meant to me« (»Tin Man«) – das darf man denken und kommt ja vor, aber es so heulsusenhaft-distanzlos und unsublimiert in einem Song zu singen, geht doch zu weit. Leider gibt es also auch für die Texte keine Originalitätsawards zu verteilen. Die begriffliche Schublade für ihre Musik liefern die Future Islands dabei unklugerweise gleich mit, indem sie sie »Post Wave« taufen, eine Wortkreuzung aus »Post Punk« und »New Wave«. Rückwärtsgewandter und jetztfeindlicher geht es ja nun kaum noch! Und so stellt sich die Frage, wie verzweifelt man auf ein neues Editors-Album warten muss, um »An Evening Air« als melancholische Pausenmahlzeit willkommen zu heißen.


STREAM: Future Islands - In the Fall feat. Katrina Ford

    Braun: Der große Unterschied zwischen den Future Islands und Bands wie den Editors besteht im Umgang mit den Idealen. Während das Entertainment der Editors ja aus reinen Posen besteht, ja beinahe aus Joy-Division-Epigonentum, wählen sich die Future Islands die zutiefst melancholische Seite der New Wave lediglich als Form. Die kleiden sie allerdings ganz neu, ganz frisch aus. So kriegen sie diese Stimmung in vielen Nuancen hin. Wenn die Atmosphäre noch so sehr »Joy Division« ist, wie andere Kunstformen »David Lynch« wirken können. In so vielen Details sogar, wie es die Mancunians Joy Division selbst niemals formuliert haben. So klingt das Keyboard fast immer lebensbejahend, ja oft sogar fröhlich. Der Kontrast zum Gesang, der in den Rock-Momenten so Billy-Idol-mäßig übertreibt, dass es eine Freude ist, eröffnet dann einen tiefen, tiefen Spielraum. Wie aus dem Nichts streuen die Future Islands auf »In Evening Air« ihre Hymnen über die Erde.

 

LABEL: Thrill Jockey | VERTRIEB: NTT / RTD | : 03.05.2010

Spex präsentiert Future Islands Live:
16.09. Leipzig - Conne Island
17.09. Kassel - ARM
18.09. Würzburg - Café zum schönen René
19.09. München - Feierwerk
23.09. A-Wien - Arena
24.09. Dresden - Beatpol
27.09. Esslingen - Komma
09.10. CH-Dudingen - Café Bad Bonn
11.10. Bielefeld - AZ
13.10. Hamburg - Kulturhaus III&70
14.10. Köln - Sonic Ballroom
16.10. Berlin - Schokoladen

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3 Kommentare:
  1. kennedy:

    Gerade mal aufgelegt und zum ersten Mal nach langer Zeit entspannt durch die Bude getanzt. So muss sein.

     
  2. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Ins Viereck prügeln:

    [...] Highlights des Konzertjahres 2008, diesen Herbst kommt die Band mit ihrem aktuellen Album »In Evening Air« erneut auf Tour. Zur Einstimmung empfiehlt sich das Album-eröffnende Stück [...]

     
  3. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Song des Tages » Blog Archive » Future Islands: Tin Man:

    [...] MySpace, Spex, 78s.ch, Mister [...]

     
 
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