Die Zukunft

Sisters & Brothers

Text: Ralf Krämer, Robert Defcon, Oskar Piegsa

Die Zukunft Sisters & Brothers Tonträger Pop-BriefingRalf Krämer: Ja, ist denn schon wieder Jakob Dylan? Sowohl bei diesem als auch bei Bernadette La Hengst, Knarf Rellöm und Guz von den Aeronauten, die sich zu dritt neuerdings Die Zukunft nennen, hören wir Westerngitarren und die sonore Stimme eines Cowboys, oft begleitet von weiblichem Harmoniegesang. Zwar liegen Lichtjahre zwischen den beiden Entwürfen, aber in beiden Fällen wird das Gefühl unendlicher Weiten verbreitet, die keinen Sonnenuntergang benötigen, um uns mit selbstgenügsamer Entspannung zu benetzen. Der Unterschied liegt neben der Produktion (dort teuer, hier billig) in der Geisteshaltung. Während Jakob Dylan unkonkret, und doch welterobernd die Frontier im Auge behält und singt »Nothing but the whole wide world for us / Nothing, nothing«, heißt es bei Die Zukunft konkret und lapidar: »Drogen nehmen und rumfahren« (Songtitel). Dieser ›Great Divide‹ wird auch in den übrigen elf Songs auf »Sisters & Brothers« deutlich: Das Spektrum reicht von bemüht-satirisch, wie in »Mittelstandsproblemcamp«, bis zu veritabel durchgeknallt, wie in »Oh Wrong«, gleichzeitig steigert sich die Platte von »uninteressant« bis »angenehm«.

    Robert Defcon: Gunter Gabriel meets Pop-Linke. Wo jener einst zum Sound von Trucker-Country »Hey Boss, ich brauch mehr Geld« intonierte, weiß Die Zukunft zu saumäßig produzierten bluesrockigen Klängen bereits, dass sie keine mehr hat. Schließlich liegt, wie Bernadette La Hengst säuselt, »der Riester-Antrag schon seit Jahren auf dem Schreibtisch« und schaut sie »mit den müden Augen meines Vaters an«. »Angst als Antrieb« – so lautet hier die politische Botschaft gegen den disziplinierenden Vater/Staat: Wenn man schon Angst hat, soll wenigstens jemand anderes daran schuld sein. Dabei ist Angstfreiheit (nochmal: Es geht um die Riester-Rente, nicht etwa um eine staatliche Morddrohung) als musikalische Haltung viel würdevoller – bei allem, was man kritisch zur neoliberalen Wende der Sozialpolitik unter Rot-Grün anmerken kann. Stattdessen bildet Die Zukunft mikrokulturelle Differenzierungskämpfe einer Linken ab, der die Themen ebenso wie die Vision verloren gegangen sind, die dann aber umso überzeugter bei – staatlich geförderten – ›Musik und Politik‹-Festivals vorgetragen werden können.

    Oskar Piegsa: Einzeln ist es La Hengst, Guz und Rellöm in der Vergangenheit auf ganz unterschiedliche Weise gelungen, dem Verdruss über die Verhältnisse zugängliche Musik abzuringen. Die Krux von »Brothers & Sisters« ist nun, dass man Die Zukunft an dieser Vergangenheit misst. Wenn sich das Trio in »Mittelstandsproblemcamp« einfallslos über den Bionade-Biedermeier lustig macht, wird ein Thema besungen, das zuvor – ganz ähnlich, aber besser – in den Songs »Der Idiot« von Knarf Rellöm und »Parisienne People« von Guz behandelt worden ist. In »Oh Wrong« und auch in der Coverversion von »Mein Bett stinkt« (im Original von der alten La-Hengst-Band Die Braut haut ins Auge) wird sogar ausdrücklich auf Vergangenes verwiesen. Ein offenes Ohr für Kleinkunst vorausgesetzt, ist »Brothers & Sisters« also idealerweise als Einladung zu verstehen, sich mit den früheren Soloalben der drei LiedermacherInnen dieser Band zu beschäftigen.

 

LABEL: Trikont | VERTRIEB: Indigo | : 30.04.2010

Die Zukunft Live:
06.08. Kassel - ARM
08.08. Aschaffenburg - Kommz Festival

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