James Holden

DJ-Kicks

Text: Robert Defcon, Gerd Janson, Holger Klein, Christoph Braun

James Holden DJ-Kicks Pop-Briefing Spex #326Defcon: Mechanisches Rattern, Piepen, atmosphärisches Filter-Rauschen. Die Grillen zirpen als der moogeske Lead-Synth und kurz danach der treibende Arpeggiator einsetzen und Mr. Watermark verkündet: »You are listening to James Holden, ›DJ-Kicks‹, coming late May on !K7 Records«. Musikalische Assoziation: »Shine On You Crazy Diamond« von Pink Floyd, während ein erstes technoides 808-Drum-Pattern mit Low-Pass-Filter reingeschraubt wird, nach wenigen Takten von housigen Sampling-Drums abgelöst. Jetzt, der CD-Track-Marker zeigt schon Track 2 an, schwindet der Lead-Synth und öffnet den Klangraum für ein weirdes Vocalsample, einen einzelnen harten Gitarrrenakkord, der das fortlaufende, harmonisch eher dunkle, mit kurzem Delay versehene Arpeggiogedudel für einige Takte unterbricht, um schließlich in den neu beginnenden Arpeggiogroove als Element integriert zu werden. Doch nur für kurze Zeit.

    Über 67 Minuten entfaltet sich auf James Holdens »DJ-Kicks«-Mixtape ein deeper, tranciger Klangteppich aus miteinander verwobenen Schichten aus Atmos, Klängen und Grooves. Minimaler, deeper Discohouse mit Oldschool-Referenzen, blubbernd, bassend und warm, dabei immer wieder noisy und experimentell, dank meist freundlicher Harmonik und tribaler Drummings kann man auch Neu! assoziieren, auch in  ihrer gelegentlichen Sentimentalität und Besinnlichkeit. Als Pornosoundtrack bei John Stagliano genauso geeignet wie als Begleitmusik zur gepflegten Konversation, sophisticated nicht nur durch komplexe Klangschichtung, sondern auch durch die abseitige  Auswahl der gemixten Tracks. Hier steht ein eigensinniger Kopf an den Reglern, der souveränes Club-Handwerk delivert. Unterm Strich zu sehr Krautrock-Klangdusche.

    Janson: James Holden ist ein einmaliger Eigenbrödler. Als pubertierender Schmalhans mit einem Hang zur Mathematik und Computermusik (ergo ein Nerd wie er im Buche steht) den bombastigen und gruseligen Trance-Sounds britischer DJs wie Sasha oder Paul Oakenfold verfallen, galt er schnell als Wunderkind in dieser der Szene. Aus dem Liebling wurde aber bald ein Nestbeschmutzer. Holden war und ist zu störrisch, hippiesk und querdenkerisch für jene Plastikwelt, der kein Stadion groß genug sein konnte. Diese Ausgabe der traditionellen Mix-CD-Serie »DJ-Kicks« zeigt erneut warum. Die Form von Trance, die er und sein konvenabel benanntes Label Border Community propagieren ist keine musikalische Gattung, sondern tatsächlich – wie vom Indianer-Sympathisanten und Omen-Legende DJ Dag in einer Litanei jahrelang betont – Einstellungssache. Hätte Dag seinen Worten jemals Taten folgen lassen, James Holden könnte sein Adept sein. Unter den zwanzig Stücken findet sich kaum eines, dass man in den handelsüblichen Maxi-Single-Auslagen des DJ-Ladens an der Ecke (oder im weltweiten Netz) finden könnte. Caribou, die Lucky Dragons, Kieran Hebden und Steve Reid, und SS Pyramid Snake werden in einem dionysischen Mahlstrom zu der großartigsten und ungewöhnlichsten Tanzmusik ohne Tadel und mit atemberaubender Pfiffigkeit kombiniert – miteinander, übereinander und ineinander. Das alles ist mit einer Spannung und Musikalität versehen, die beispiellos ist. Ein Solitär, der seinesgleichen sucht.

    Klein: James Holden mag vieles sein. Ein Mann, der delivert, das ist er ganz sicher nicht. Der schüchtern wirkende Engländer ist gerade nicht der souveräne Club-Handwerker, der mal eben auf der Tanzfläche ein Rohr verlegt, wenn Not am Mann ist. Seinem »DJ-Kicks«-Mix fehlt auch die Eignung zur erfrischenden Klangdusche am Sonntagnachmittag. Das Bild des Mahlstroms mit seinen gefährlichen Wasserwirbeln trifft es hier viel eher. Holden gelingt es, das angesichts der Schwemme von DJ-Radio-Streams und Soundcloud längst entwertete Genre der Mix-CD wieder aufregend erscheinen zu lassen. Mit Clubmusik im herkömmlichen Sinne hat dies nur noch am Rande zu tun. Wie Gerd Janson ganz richtig bemerkt hat, bedient sich James Holden auf seiner »DJ-Kicks« mehrheitlich bei Quellen, die sich üblicherweise nicht in der Serato-Bibliothek eines DJs befinden. Auch vermeidet er es, aus seiner »DJ-Kicks« ein Schaulaufen für sein Label zu machen. Nur Luke Abbott ist mit einem neuen Stück (»Soft Attacks«) sowie einem Remix für die Kölner Band MIT vertreten. Eine Kickdrum kommt in diesem Wall of Sound nur vereinzelt zum Tragen, und wenn sie dann mit Legowelts »Flight of the Jupiter« doch einsetzt, öffnen sich alle Schleusen. Doch auch schon vor dem großen Wumms ist das Energielevel der sich zwischen noisig-psychedelischem Shoegaze-Trance, Kraut-Techno und Fuzz-Ambient bewegenden Tracks nahezu konstant auf hohem Level. Hier und da fühlt sich das an wie die Techno-Version von Spacemen 3. Großartig der Moment, in dem der Holden-Remix von Mogwais »The Sun Smells Too Loud« auf »Departure« von Kieran Hebden und Steve Reid trifft.

    Braun: Oh ja, »The Sun Smells Too Loud« – dieser bislang unveröffentlichte Remix strahlt aus der Mitte dieses Arrangements heraus und treibt das Geschehen an. Ein in der Sonne gebleichtes Gelage aus tribalen Drums und Laser-Effekten und diversen, sich in Dissonanzen ergehenden Gitarren und Synthesizer-Spuren. Wie überhaupt jene Tracks aus diesen »DJ-Kicks« herausragen, an denen der Border-Community-Chef selbst Hand angelegt hat. Neben »The Sun Smells Too Loud« ist das »Triangle Folds«. Im obligatorischen Exklusiv-Track für die Mix-Serie von !K7 steigen Bleep-Figuren bis in höchste Hertz-Regionen auf, um von der je nächsten abgelöst zu werden. Ein irres Hochschweben und Abschmieren! Das immer wiederkehrende Thema der Beats ist dabei das Ticken der Uhr. Es dient James Holden als Einstieg in den Mix, um fortan Konsistenz herzustellen, sei es in Luke Abbotts »Soft Attacks«, in »Triangle Folds« oder im gleichsam fantastischen »Auto Dimmer« von Black-Dice-Mitglied Eric Copeland. Doch so, wie dieses Uhrticken immer ganz anders klingt als zuvor, so geht James Holden hier mit der Zeit um: Er spiegelt sie in ungezählten Fragmenten wieder, wunderbar. Getrübt wird der lichte Moment lediglich von einer Cover-Gestaltung, die überholt wirkt. Darüber hinaus hat das pseudolustige Helden-Porträt mitsamt Sonnenkranz und bolschewistisch abgewandelter, römischer Kapitalschrift weder etwas mit der Musik zu tun, noch mit diesem DJ.

 


STREAM: James Holden - Triangle Folds

LABEL: !K7 Records | VERTRIEB: Al!ve | : 28.05.2010

James Holden Live:
12.06. Berlin - Watergate (mit Margot, Mitja Prinz, The Cheapers, Robin Drimalski)

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1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Neues Material aus dem Wobble-Kosmos:

    [...] Apropos »DJ-Kicks«: In Kürze steht wie bereits ausführlich erwähnt auf !K7 Records die Veröffentlichung von Steve Goodmans alias Kode9s Beitrag zur »DJ-Kicks«-Reihe an, der Mix des Hyperdub-Gründers wird am 18. Juni veröffentlicht. Vorab kann man sich mit neuem Material aus dem Wobble-Kosmos aufwärmen: Zum einen mit »Washed Out«, dem exklusiven Track von Kode9s »DJ-Kicks«, zum zweiten mit einem 15-minütigen Mini-Mix der Platte und zuletzt mit Kode9s Mittneunziger-Jungle-Set, das er für die neueste Ausgabe des Fact-Magazine-Podcasts abgemischt hat. [...]

     
 
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