Vater, Mutter, Monsterkind

»Splice« von Vincenzo Natali

Text: Harald Peters

Vincenzo Natali (»Cube«) und Guillermo del Toro (»Hellboy«, »Pans Labyrinth«) haben beide ein Faible für märchenhaften Meta-Horror, der über plumpe Effekte erhaben ist. In ihrem ersten gemeinsamen Film »Splice« ergründen Natali als Regisseur und del Toro als Produzent die moralischen Abgründe der Zivilisation, erzählt als schleimtriefende Wissenschaftsparabel.


Bild: © 2010 Senator

Elsa (Sarah Polley) und Clive (Adrien Brody) haben es geschafft. Das junge zusammenwohnende und miteinander arbeitende Biochemiker-Pärchen ziert das Cover des Technik-Magazins »Wired« (das Titelbild erinnert allerdings eher an das Musikmagazin »The Wire«, und Elsa und Clive sehen aus, als ob sie ein Dutzend Grammys nach Hause geholt hätten). Gemeinsam haben die beiden Science-Shootingstars aus dem DNA-Cocktail verschiedener Spezies zwei undefinierbare Superviecher gezüchtet, die zwar recht gewöhnungsbedürftig unförmig aussehen, für die Medizin aber eine wahre Schatzkammer darstellen. Mithilfe eines Super-Proteins, das die Wesen in sich tragen, könnten sich bald alle schrecklichen Krankheiten behandeln lassen: Parkinson, Diabetes, sogar Krebs – die Chancen auf Heilung scheinen schier grenzenlos.

    Elsa, Clive und ihr Team aus hochambitionierten, szenigen Naturwissenschaftlern haben die wurmartigen Fleischhaufen liebevoll Ginger und Fred getauft, und wie ihre beiden Namensverwandten aus der traumtänzerischen Welt Hollywoods verstehen sich Ginger und Fred unter dem hormonellen Zauber des Fortpflanzungstriebs auf Anhieb wunderbar. Kaum kriechen sie aufeinander zu, beginnt schon die Paarung. Doch genmanipulierte Kriechtiere allein machen ehrgeizige Forscher noch nicht glücklich. Deshalb bringt Elsa zusätzlich eine Kreuzung mit menschlichem Erbgut auf den Weg. Warum? Weil es möglich ist – weil sie es kann. Clive äußert zwar noch Bedenken ethischer, juristischer und praktischer Natur, doch da ist es schon zu spät: In dem riesigen Gebärmuttertank eines kühlraumblauen Kellerlabors wächst es bereits heran, das neue Ding, und es wächst und wächst und wächst.


VIDEOSplice – Das Genexperiment (Trailer)

    Für seinen neuen, mittlerweile vierten Film »Splice« hat der kanadische Regisseur Vincenzo Natali sich am Frankenstein-Motiv zu schaffen gemacht. Deshalb trägt Elsa auch ihren schönen, heute eher ungebräuchlichen Namen – so wie Doktor Frankensteins Tochter in den »Frankenstein«-Adaptionen mit Bela Lugosi (»Frankensteins Sohn« von 1939, »Frankenstein kehrt wieder« von 1942 und »Frankenstein trifft den Wolfsmenschen« aus dem Jahr 1943). Doch ist solch ein Verweis, sind Inspiration und Zitate überhaupt für einen Regisseur wie Natali niemals genug.

    Man denke nur an sein Kinodebüt »Cube« (1997), jenen eindrucksvollen Film über sieben unglückselige Menschen, die sich plötzlich in einem Riesenwürfel wiederfinden, der aus unzähligen kubischen Parzellen zusammengesetzt ist – eine Mischung aus White Cube und Rubik’s Cube. Der unfreiwillige Aufenthalt im Würfel wird zum Überlebensparcours, denn das Labyrinth aus Kuben ist mit allerhand tödlichen Fallen versehen. Oberflächlich betrachtet war »Cube« vor allem fies – bei genauerem Hinsehen ging er aber auch in die Tiefe. Denn wenn die Insassen nicht gerade nach Art des Kinderlieds »Zehn kleine Negerlein« ausgemerzt wurden, philosophierten sie über ihre Situation und paraphrasierten bald alle möglichen geisteswissenschaftlichen Theorien zu Macht, Gesellschaft und dem Sein an sich. Vincenzo Natali spielte nicht nur mit dem Schicksal seiner Filmfiguren, er spielte auch mit verdeckten Karten Philosophen-Skat: Leibniz sticht Sartre sticht Foucault.

    In »Splice« sind es nicht vorrangig die Werke der großen Denker, aus denen Natali zitiert. Vielmehr verweist der Regisseur direkt in die Filmgeschichte, also auch nicht zuallererst auf Mary Shelleys Gothic-Roman »Frankenstein«, sondern auf dessen Hollywood-Verfilmungen aus der Ära des Zweiten Weltkriegs. Daneben fühlt man sich an die britischen Hammer-Horror-Filme der fünfziger und sechziger Jahre erinnert, und auch David Cronenberg scheint es Natali nachhaltig angetan zu haben – im Grunde steckt in »Splice« von jedem Cronenberg-Film etwas, aus »Die Fliege« genauso wie aus »eXistenZ«. Natürlich ruft der Regisseur auch das kollektive Kinogedächtnis in Bezug auf alle möglichen außerirdischen Filmkreaturen des Science-Fiction-Genres an: Das Wesen, das Elsa mithilfe ihrer eigenen Chromosomen erschafft, erinnert anfänglich an eine Mischung aus Ridley Scotts »Alien« und David Lynchs Minimonster aus »Eraserhead«, entdeckt dann aber verspielt wie E.T. (es gibt auch so ähnliche glucksende Geräusche von sich) eine süsse Vorliebe für Zuckerdragees, um sich schließlich als bizarres Mischwesen zu entpuppen, wie es die griechische Mythologie nicht schöner hätte ersingen können.

    Die Hauptzutat zu »Splice« stammt allerdings von Sigmund Freud: Vincenzo Natali spielt die von Freud skizzierten ödipalen Verstrickungen gnadenlos bis zum hysterischen Ende durch. Elsa hegt mütterliche Gefühle für ihren Schützling, der gleichzeitig ihr genetischer Nachkomme und ihr wissenschaftliches Forschungsobjekt ist. Clive hingegen wollte immer eigene (›echte‹) Kinder mit Elsa und reagiert distanziert. Mehr als einmal versucht er sich des beängstigenden Wesens zu entledigen – immer scheitert sein Tötungsdrang an der Anpassungsfähigkeit der Kreatur. Der von Adrien Brody als wenig durchsetzungsfähiger Schluffi in Schlafanzughosen gespielte Clive steht voll unter dem Pantoffel seiner Partnerin – Sarah Polley tritt hier rundum überzeugend als psychopathische Top-Nervensäge auf –, und die steckt das Zwitterwesen neuer Gattung in niedliche Kleidchen: womit sich auch hier das weibliche Geschlecht siegreich manifestiert hätte.

    Es entwickelt sich eine Vater-Mutter-Monsterkind-Triade, in deren Verlauf dem Kind dann auch ein Name gegeben wird: Dren (rückwärts: Nerd) wächst schnell, und wie alle Kinder macht sie Krach. Deshalb überredet Elsa ihren Freund, das arme Ding aus seiner sterilen Kinderstube zu befreien, was allerdings nicht automatisch eine Befreiung aus der Isolation bedeutet – Dren ist und bleibt ein Geheimnis und ein Experiment. Und so zieht die kleine ›Familie‹ raus aufs Land, wie es so viele junge Eltern tun, sobald aus dem Abenteuerspielplatz Großstadt eine Gefahrenquelle wird.

    Drens neues Zuhause ist die abgelegene Farm, auf der auch Elsa aufwuchs. Raus zum spielen darf sie nicht, und auch nicht ins Haus, wo sich Elsa auf verheerende Weise dem Trauma ihrer Kindheit annährt, ohne daraus Lehren zu ziehen. Stattdessen richtet man Dren die Scheune her und versieht das Tor mit einem Sicherheitsschloss – natürlich zur Sicherheit des Kindes. Dass Dren von einem animalischen Instinkt geprägt ist, der nicht dem eines Haustiers entspricht, liegt spätestens ab dem Moment auf der Hand, als sie ihre Zähne in das warme Fleisch eines Häschens schlägt. Mit blutverschmiertem Gesicht lächelt sie Clive und Elsa schmatzend an. Elsa ist schockiert, wollte sie Dren doch zum Vegetarismus erziehen; Clive hingegen zeigt Verständnis. Und Clive zeigt noch etwas – womit wir wieder bei Freud angelangt wären: eine fatale Begierde für seine Ziehtochter, mit der er bei der inzwischen zur jungen Frau gereiften Dren offene Türen einrennt.

    Gerade zum Schluss hin entfaltet Natali in »Splice« ein sicheres Gespür für Unterhaltung im Sinne von B-Movie-Trash. Nur war das wohl kaum beabsichtigt, denn was sich am Anfang in nerdigen Pointen niederschlägt, kippt zum Ende in eine überzogene Verwurstung psychoanalytischer Allegorien. Da ist es von der Buntstiftzeichnung als Blick in die Seele des Kindes nicht weit bis zur Kastration, und es wird einem ganz schwindelig von der beschleunigten Fülle an Metamorphosen und Spiegelungen. Die Spannung, die Natali durchaus zu halten vermag, implodiert mit Einleitung des Finales und hinterlässt ein narratives Vakuum: Ab hier sind die Protagonisten nicht mehr Herr ihrer selbst – wenn sie es überhaupt je waren –, und der Regisseur lässt den Dingen ihren (allzu offensichtlichen) Lauf. Die visuell interessanten Gedankenspiele von Natalis Filmen »Cube«, »Cypher« und »Nothing« setzt »Splice« mitnichten fort. Wenig komplex unterzieht der Regisseur den filmischen Raum einer Zweiteilung zwischen Innen (Mikrokosmos der Labore) und Außen (Gottes freie Wildbahn), wobei die Scheune als Pforte von der einen in die andere Welt dient. Selbst in der Inszenierung der verkachelten Wissenschaftssphäre lässt Natali die gewohnte ästhetische Strenge fahren: Das Labor von Elsa und Clive befindet sich in einem unaufgeräumteren Zustand als die Stadtwohnung des Paares. Stattdessen widmet Natali seine gesamte gestalterische Aufmerksamkeit der Kreation seines Fantasiewesens.

    Dren – im Reifestadium vollkommen glaubwürdig von Delphine Chanéac gespielt – ist knieabwärts das Produkt moderner CGITechnik und erscheint trotz aller anatomischen Zauberhaftigkeiten weit weniger monströs als die Eltern, die Elsa und Clive nun eben doch sind. Und da schließt sich letztendlich der Kreis zu Natalis filmischen Wurzeln: Auch in »Cube« kehrte der Regisseur das Ungeheuerliche im Menschen nach außen und ließ die Maske der humanistischen Geisteslehre fallen – Leibniz hin, Foucault her.

 

»Splice – Das Genexperiment« Kanada, Frankreich 2009
Regie: Vincenzo Natali. Mit Adrien Brody, Sarah Polley u. a., 108 Minuten (Senator) Kinostart: 03. Juni 2010

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