Unaufhaltsam gen Himmel streben

Dem Video zu Phillip Sollmanns alias Efdemins neuem Track »There Will Be Singning« ist mit minimalen Mitteln eine beeindruckende Sogwirkung gelungen: Die Kamera (genauer: eine Canon 5d Mark II Spigelreflex, daneben eine kleine Sony HDV) fährt zunächst langsam über in Schwarz-Weiß- und Sepia-Tönen gehaltene Fotografien, wechselt mit ansteigendem Tempo und gesteigerter Clap- und Beat-Zahl die Geschwindigkeit, um schließlich von abrupten Schnitten unterbrochen zu werden. Dabei erinnert das Erzählprinzip des Videos an den Kunstsender Ikono.tv, innerhalb dessen Programms Kunstwerke langsam von einer hochauflösenden Kameralinse abgetastet bzw. einzelne Bildausschnitte detailliert fokussiert werden.

    Man sieht nüchterne, sachliche Stahl-Beton-Glasbauten aus dem Chicago der 1950er Jahre, größtenteils die Lake Shore Drive Apartments – Gebäude die scheinbar unaufhaltsam gen Himmel streben. Menschen haben innerhalb dieser Fotografien kaum Platz, und so sieht man in den Fenstern der Häuserfassaden auch kaum Bewohner oder deren Spuren – meist blitzen nur Reflektionen der jeweils gegenüberliegenden Häuserschlucht auf. Dabei zeigt das Musikvideo zu »There Will Be Singing« keine aktuellen Bilder, keine moderne Architektur: Das Ausgangsmaterial stammt aus diversen Architektur-Bildbänden, Archiv-Material also. Das Musikvideo wird so zu einem romantisch rückwärts gewandten Clip, der auch die Geschichte des Albums weitererzählt: Wo sich Efdemins »Chicago« an den musikalischen Wurzeln der amerikanischen Industrie-, Fleisch- und Kriminalitätsmetropole abarbeitet, reflektieren das Artwork der kürzlich auf Dial Records erschienenen Platte und das Musikvideo die kühle Architektur der Großstadt am Michigansee.


VIDEO: Efdemin – There Will Be Singing

    Realisiert wurde der Clip zu »There Will Be Singing« von der Berliner Multimedia- und Designagentur Jutojo, erstmals gezeigt wurden die Aufnahmen im temporären Berlin-Shop von Dial Records während des Gallery Weekends Berlin – damals noch in einer deutlich längeren Fassung. Toby Cornish, neben Julie Gayard und Johannes Braun Teil von Jutojo, erläuterte im Kurzinterview die Vorgeschichte des Clips:

Was war eure Motivation bzw. Grundidee für den Clip?
    Toby Cornish: Phillip (Sollmann) erzählte uns, dass er noch nie in Chicago war und neben den vielfältigen musikalischen Einflüssen der Stadt auch visuelle Referenzen zum Modernismus von Mies van der Rohe und der kühlen romantischen Moderne abbilden wollte. Er kannte Chicago nur aus Büchern – was eine Art Sehnsucht erzeugte. Also schlug er vor, Stillbilder aus Büchern als Vorlage zu benutzen.

Warum habt ihr den ruhenden Blick, statische Bilder gewählt, anstelle von Bewegtbildmaterial bzw. eigenen Videoaufnahmen?
     Toby: Wir hatten bereits Erfahrung mit dem Zusammenschnitt von Stillbildern. Diese setzten meistens Scans mit einem Animationsprogramm in Bewegung, daher fanden wir es nun spannend, die Bilder mit einer Kamera ›in echt‹ zu filmen – so, wie man Standbilder früher mit Fahrten und Zooms auf einem Tricktisch für Fernsehdokus erzeugte. Da wir jedoch keinen Tricktisch hatten, bauten wir ein Brett auf Schienen, um die Bücher mit einem kleinen Seil und einem Motor an der Kamera vorbeizuziehen. Legendär in diesem Fach ist für mich als Engländer der Satz im Abspann der meisten BBC-Dokumentationen: »Rostrum-camera: Ken Morse«. Auf diese Weise konnte man dann viel mehr als nur das Motiv an sich zeigen. Das Buch wird auch zum Protagonist, der Effekt unterschiedlicher Lichteinstellungen und die Unschärfen im Makrobereich durch Buchseiten, die nicht ganz flach lagen.

Die an sich ruhigen Stadtmotive der Fotografien werden von schnellen Schnitten und Kamerafahrten gebrochen. Warum habt ihr auf dynamischere Motive verzichtet?
    Toby: Eigentlich enthält das gesamte Video nur Bewegtbildmaterial – wenn man Filmarchivbilder von Chicago genommen hätte, wäre es ein ganz anderes Konzept . Dabei ging es gerade um diese Verfremdung der Bilder und die zwei oder drei Ebenen, die dadurch entstehen: Gebäude / Foto vom Gebäude / Foto auf Papier im Buch / Buch auf Brett vor der Kamera / die Hand / – was, denke ich, dem Video seine Spannung verleiht. Es gibt da es keine andere ›Handlung‹. Ein Hauch von »Blow Up« war auch dabei: Die Suche nach Handlung oder einer Leiche in den Fensterdetails, so wie die sichtbaren privaten Gegenstände – eine Nachttischlampe im 20. Stock oder die Schatten von Passanten auf dem Bürgersteig. Dramaturgisch geht es Anfangs eher um die Stadt an sich. Nachdem wir die Buchkanten zeigen immer mehr um das Abbild der Stadt. Und schließlich um die Eigenschaften vom Buchdruck und wie man damit gewollt umgehen kann.

    Anfangs stellten wir uns ausschließlich ganz lange, langsame Kamerafahrten über die Bilder vor. Aber je länger wir die Bilder zur Musik abspielten, desto mehr fiel die Entscheidung zugunsten eines rhythmischeren Schnitts – was vielleicht auch damit zu tun hat, dass dieses Video hauptsächlich im Internet zu sehen sein würde, wo Geduld leider kaum Platz hat. Außerdem wollten wir mit den Bildern die Musik eher klassisch, zumindest rhythmisch, unterstützen – das Video funktioniert letztendlich doch als Bildträger für die Musik.

 

STREAM: Efdemin – Chicago

Efdemin (DJ):
02.06. Frankfurt – Tanzhaus West
11.06. Jena – Kassablanca
25.06. Berlin – Panoramabar (mit Rndm, Map.ache, Sevensol)
17.07. Hamburg – Uebel & Gefährlich