Matthew Herbert

One One / ReComposed Mahler Symphony X

Text: Andreas Reihse, Ralf Krämer, Thomas Hübener, Anne Waak

Matthew Herbert One One Spex #326 Pop-Briefing TonrägerReihse: Nach seinem großartig anmaßenden Anti-Sampling-Manifest P.C.C.O.M. (Personal Contract for the Composition of Music), mit dem er sich 2005 fast so viele Freunde und Feinde machte wie zehn Jahre zuvor Lars von Trier mit seinem ›Dogma‹, versiegte der Strom relevanter Veröffentlichungen von Matthew Herbert abrupt. Schlimmer noch: Im Unterschied zu den Dogma-Filmen, die mit der Zeit immer bahnbrechender ausfielen, legte Herbert mit seinen unsäglichen Big-Band-Platten schreckliche Plagiate großer Swing-Aufnahmen vor. Auf »One One« nun gibt er den Brit-Barden. Leider ist er dabei nicht so witty wie Momus, besitzt er weniger Pop-Appeal als Jarvis Cocker und ist musikalisch lange nicht so frei wie Richard D. James. »One One« ist der erste Teil einer Trilogie – angekündigt sind für den Sommer: »One Club«, die dekonstruierte Aufzeichnung eines Herbert-Auftritts im Frankfurter Club Robert Johnson, und für den Winter: »One Pig«, die Audiobiografie (s)eines Schweins von der Wiege bis zur Schlachtbank. Die Stücke auf »One One« tragen die Namen internationaler Städte, gegen »One Pig« haben Tierschutzorganisationen bereits Protest angemeldet.

    Krämer: Hört man die post-manifesten Platten von Matthew Herbert, muss man sich immer erst durch einen Konzeptwald holzen, bevor man zur Musik vordringt. Nicht nur geht es auf »One One« um Städte – das Album bildet konzeptuell angeblich auch den Ablauf eines Tages ab. In »Leipzig« wird angedeutet, dass es sich bei diesem Track um eine Aufnahme zur Nacht handelt – Herbert singt davon, wie in der Messestadt nokturn Pillen eingeworfen werden. Will man sich dann die Frage stellen, ob der drei Nummern später folgende Track mit dem Namen des kalifornischen Rentnerparadieses »Palm Springs« die sengende Mittagszeit markiert? Auf diesem repetiert Herbert das etwas dämlich-neohippieeske Beat-Pattern »Pa-Pa-Pa-Pa Peace Peace, Pa-Pa-Pa-Pa, Please Please«. Und das bedeutet zugleich: Wir hören erstmals Matthews Stimme – übrigens so intim-nah am Mikrofon, dass einem auch beim Flüstern kein Atmer entgeht. Natürlich verpasst er auch nicht die Gelegenheit anzumerken, sein Gesangsdebüt sei daher besonders ›persönlich‹ ausgefallen. Mit sich selbst im Chor erinnert Herbert von der Harmonik her bisweilen an Crosby, Stills und Nash. Mit bewährt sanfter Versponnenheit gluckert und blubbert und rauscht es Soundebenen tiefer – gleichförmig zieht der Tag am Künstler vorbei. So egal, wie die titelgebenden Städtenamen scheinen, so wurscht bleibt die Tageszeit. Im dunklen Studio ist es eben immer Nacht. »This is home now«, säuselt er in dem Track »Berlin«. Der Verdacht drängt sich auf, er meine nicht die Stadt, sondern eine Bar gleichen Namens – in welcher die Gäste mit Nouveau-Techno-Jazz (französische Aussprache) gefoltert werden.


VIDEO: Matthew Herbert - Leipzig

    Hübener: Momus, der hier ins Spiel gebracht wurde, ist vom Sentiment her gar keine so unpassende Referenz: Herberts Distanzierung beim Singen, die leise Melancholie, die sich doch nicht allzu sehr in die Dinge dieser Welt hineinziehen lässt, sondern sich gleichsam beim Panoramablick im Gleitflug über sie einstellt, ist mit der des schottischen Sängers und Songwriters verwandt. Auch musikalisch erinnert das Album gelegentlich an die ruhigen, subkutanen Qualitäten von »The Philosophy of Momus« von 1995. But indeed: Die Verschmitztheit dieses lächelnden Melancholikers und »Tender Perverts« ist bis dato nicht erreicht – leider seit Beginn des 21. Jahrhunderts auch von Momus selbst nicht mehr. Manchmal klingt Herbert auf »One One« psychedelisch-drowsy …

    Waak: … was laut Oxford Dictionary nichts anderes bedeutet als ›einschläfernd‹ oder ›schlaftrunken‹.

    Hübener: Faszinierend und rätselhaft ist, dass man sich etwas so Unspektakuläres trotz allem wiederholt anhören mag. Nichts erzwingt hier Aufmerksamkeit. Das Album funktioniert fast wie das Paradoxon eines ambienten Singer/Songwriter-Albums.

Matthew Herbert One One Spex #326 Pop-Briefing Tonräger    Krämer: Zurückgezogen und ganz allein in seinem Studio will Herbert »One One« aufgenommen haben. Möglicherweise hat er sich da als Geistesverwandten Gustav Mahlers entdeckt – zumindest ziert das Cover seines fast parallel erscheinenden Beitrags zur »Recomposed«-Reihe der Deutschen Grammophon das Komponierhäuserl des österreichischen Spätromantikers, in das Mahler sich, stets nur mit dem Nötigsten ausgestattet, gen Lebensende des Öfteren zur Klangniederschrift zurückzog. Mahler, mit seinen ausladenden Adagi, ist für den Freund Beethovens oder Bachs in etwa das, was der reine Ambient-Liebhaber dem tanzenden Elektroniker ist – irgendwie fremd und doch vertraut. So verwundert es nicht, dass sich Herbert keinen rhythmisch-prägnanten Gassenhauer der Gewichtsklasse »Bolero« vorknöpfte, wie es seine ihm vorangegangenen ›Recomposer‹ Carl Craig und Moritz von Oswald taten, sondern Mahlers Zehnte, seine letzte. Dass Herbert sich der annahm und sie ›rekomponierte‹, ergibt doppelt Sinn, denn sie blieb einst unvollendet – und etliche haben sich an ihr in »CSI«-Polizeimanier versucht und aus den verstreuten Fragmenten und Skizzen detektivisch ihre eigenen Versionen zusammengepuzzelt. Die Ergebnisse wiesen meist um die achtzig Minuten Spieldauer auf. Auskomponiert hatte Mahler zu Lebzeiten jedoch nur etwas mehr als eine halbe Stunde, und genau die hat der – vor neun Jahren ebenfalls durch einen frühen Tod um die Vollendung gebracht – Dirigent, Komponist, Psychiater und vorderasiatische Archäologe Giuseppe Sinopoli historisch korrekt für seinen Mahler-Zyklus eingespielt. Das Werk wurde 2002 auf Deutsche Grammophon veröffentlicht. Matthew Herbert wurde die Bearbeitung der Zehnten möglicherweise auch deshalb überantwortet, weil man bei der DG traditionell Menschen vertraut, die auf den Namen ›Herbert‹ (wie in ›von Karajan‹) hören. Als britischer Gentleman, der Herbert eben auch ist, ging er knapp und ehrfürchtig mit Sinopolis Einspielung um. Bis auf ein paar Scratches, Reverbs und etwas Soundgewitter gegen Schluss zieht die Musik, in ihre Spuren zerlegt, hier und da durch Flanger-Filter gejagt und allgemein neu sortiert, sanft am Hörer vorbei. Man hat viel Zeit, sich zu fragen: Was hat Herbert da überhaupt gemacht? Tut man ihm Unrecht, wenn man behauptet: Das hat er nebenbei zurechtgehackt? Und schon driften die Gedanken ins Uferlose: Hatte Sinopoli, der auch eine Oper über die berühmte Freud-Schülerin Lou Salomé komponierte, deshalb solche Ehrfurcht vor dieser Zehnten, weil Mahler in der Kompositionsphase an Liebeskummer litt und keinen Geringeren als Dr. Freud selbst konsultierte? Und warum spuckt Google als Erstes die Spex.de-Seite über »In Treatment« aus, wenn man die Suchbegriffe »Matthew Herbert« und »Psycho« eingibt? (Anm. d. Red.: Dieses Suchergebnis ist mit Stand 25.05.2010 leider nicht rekonstruierbar)

    Reihse: Tja, es ist oft schwer zu beurteilen, ob es sich um große Kunst oder Scharlatanerie handelt. Im Zweifel für den Künstler. Der Besitz dieser Folge von »Recomposed« schadet jedenfalls nicht, sollte aber niemanden davon abhalten, auch die großartige Einspielung von Sinopoli zu erwerben.

    Krämer: Man sollte sich diese Mahler-Rekomposition jedenfalls über Kopfhörer anhören. Denn für Kopfhörer (in jeder Beziehung) ist diese Platte gemacht. Dann hört man, dass die neu erfundene Zehnte mit einem Field Recording beginnt. Vögel zwitschern, Holztüren und Dielen knarren. Wenn die Musik dann einsetzt, bricht als Erstes ein Bratschensolo in die Idylle, wie man es so isoliert nicht auf den Sinopoli-Bändern findet. Dann erst setzt das Orchester ein. Herbert macht aus Mahlers Sinfonie also zunächst ein Konzert für Bratschen. Dann spielt er mit einzelnen Motiven, extrahiert gewissermaßen ein Mahler-Konzentrat, drückt hin und wieder auf ›Stop‹, um den schweren Klang elektronisch zu verlängern – im Nachhall wird er immer leichter, bis das nächste Motiv beginnt. In Minute 28 ist es dann in der Tat das »Purgatorium« (so nannte Mahler auch einen der Sätze seiner Sinfonie), das unvermittelt, ohrenbetäubend, mit vollem Orchester und mit elektronischem Rauschen herandonnert. Ein Schock! Doch der Kunstverdacht erhärtet sich nicht. Hinter den Field Recordings steckt laut Herbert nämlich ein abstrakter Hörspielgedanke, der mit etwas aufgeschmiertem Authentizitätsgehabe Mahlers Psyche nachspüren soll. Das einleitende Bratschensolo wurde am Grab des Komponisten, am Rande Wiens neu eingespielt, weiterhin schloss Herbert ein Autoradio in einem Sarg ein, ließ darüber die Zehnte laufen und nahm sie von außen wieder auf. Produzenten-Taschenspielertricks. Kann man ja auch alles machen. Wer dabei aber erwischt wird, handelt sich den Vorwurf der Eso-Scharlatanerie ein. Sogar wenn das Ergebnis toll klingt.

 

LABEL: Accidental Records / Pias / Deutsche Grammophon | VBERTRIEB: RTD / Universal Music | : 12.04.2010 / 28.05.2010

<a href="http://accidentalrecords.bandcamp.com/album/one-one-2" _fcksavedurl="http://accidentalrecords.bandcamp.com/album/one-one-2">Manchester by Accidental Records</a>
STREAM: Matthew Herbert - One One


VIDEO: Matthew Herbert on »ReComposed Mahler Symphony X«

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2 Kommentare:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Nasenbluten-Techno mit Denkmal-Kickdrum:

    [...] Dienstag, den 7. September 2010 wird Matthew Herbert seinen Beitrag zur »ReComposed«-Reihe Live im Admiralspalast Berlin vorstellen. gemeinsam mit dem 80-köpfigen Konzerthausorchester [...]

     
  2. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Matthew Herbert:

    [...] Forschungsarbeit erscheint in diesem Herbst als dritter Teil der One-Trilogie (nach One One und One Club) auf seinem eigenen Label Accidental Records. Bereits frühzeitig hatte [...]

     
 
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