CocoRosie

Grey Oceans

Text: Thomas Hübener, Max Dax, Lukas Dubro, Anne Waak, Christoph Braun

CocoRosie GreyOceans Pop-Briefing Tonträger Spex326Hübener: Sie haben immer noch den wunderbar zerbrechlichen Billie-Holiday-Blues und reihen Soulperlen zu funkelnden Ketten, aber diese werden nicht mehr vom Fön begleitet oder einem defekten Anrufbeantworter anvertraut. Konnte auf den ersten Platten CocoRosies noch der Eindruck entstehen, hier wolle jemand besonders neurotisch auffallen, so steht spätestens mit diesem vierten Album fest: Die sind so, die wissen, was sie tun, und sie tun es mit unglaublicher Passion.

    Dax: Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch: Joanna Newsoms Album »Ys«, »A Book of Songs for Anne Marie« von Baby Dee und »The Crying Light« von Antony and the Johnsons. CocoRosie sind ein weiterer Beweis für den allgemein zu beobachtenden Trend, dass Kunstmusik, die man bis dato als ›E‹ wie ›Erwachsenenmusik‹ bezeichnete, längst zum größten Musikgenre jenseits der elektronischen Drogenmusik avanciert ist.

    Hübener: Man hört hier verfremdete gregorianische Gesänge, dekonstruiertes Doo-Wop-Stottern, ein Honky-Tonk-Piano, mit echtem Schlagwerk gespielte Drum’n’Bass-Patterns, indische Tablâs und Bâyâs, Vogelgezwitscher und einiges Mögliche und Unmögliche mehr. Das Phänomenale an diesem Instrumentarium ist, dass sich das Wundertütchen der akustischen Kuriositäten beim Ausschütten zum überzeugenden Klangkaleidoskop wandelt. Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: »Grey Oceans« ist das beste Album, das CocoRosie je aufgenommen haben. Liegt es an dem Jazzpianisten Gael Rakotondrabe aus La Réunion, der hier zum vollwertigen dritten Bandmitglied avancierte? Von den musikalischen Ideen, die in den knapp fünfzig Minuten entfaltet werden, würden andere Künstler jedenfalls ganze Karrieren lang zehren.

    Dubro: Auf »Grey Oceans« bewegen sich CocoRosie weg vom Rap-Lied, hin zur verziert-verzettelten Collage. Ein Holzweg, denn die Momente, in denen Bianca und Sierra Casady sich nicht der Ausschweifung hingeben, sondern nur von wummerndem Beatboxing begleitet singen oder rappen, waren die besten des Vorgängeralbums »The Adventures of Ghosthorse and Stillborn«. Eigentlich war zu erwarten gewesen, dass das neue Album genau hier anknüpfen und als weiteren Schritt mit Features bekannter Rapper daherkommen würde. Doch die Hiphop-Elemente finden sich lediglich gebündelt in dem Track »The Moon Asked the Crow«, einer der Höhepunkte der Platte. Er zeigt ein weiteres Mal, wo die eigentliche Stärke CocoRosies liegt: nämlich im minimalistischen Songwriting. Drumherum gruppiert sich ein undurchsichtiges Dickicht aus länglichen Klangexperimenten, genauer: sich überlagernden Tonspuren und Arrangement-Clustern.

    Waak: CocoRosie enttäuschen also Erwartungen? Gut für sie und eine höchst subjektive Sichtweise. Gerade das Ausschweifende, CocoRosies Hang zur Missachtung von Songstrukturen und die immer an der Schwelle zum Gequake zu verortenden Gesänge sind doch ihre zum Stilprinzip erhobene und hier einmal mehr voll ausgespielte Stärke. Und nicht – ausgerechnet! – Minimalismus.

    Braun: Auf »Grey Oceans« geht eine Idee auf, an der CocoRosie lange gearbeitet haben, und allein deshalb ist dieses Album eine Überraschung. Nach der Veröffentlichung von »La maison de mon rêve« kamen sie kurzfristig aus der Spur, hier bestechen sie nun mit konzeptueller Strenge. Die Schlüsselzeile zum Verständnis des Albums ertönt im Titelsong, wenn Bianca mit englischem Fantasie-Akzent und einem Attitüdenmix aus T. Rex und Björk singt, sie schaue sich selbst zu wie »einem alten Fernseher«. Das Kunstlied CocoRosies mit all seinem Trash und all seiner Schönheit entsteht aus einer Beobachterposition heraus. So entpuppt sich das, was hier aus dem »Wundertütchen« geschüttet wird, bei jedem Hören als Berechnung, als äußerste Kalkulation. So als hätte das Trio sich einander wechselseitig innerliche Sounds entlockt und daraus ein minutiöses Skript erstellt. In seiner Komplexität erzeugt »Grey Oceans« am Ende einen Nachhall. ›Ernsthaftigkeit‹ mag bei Joanna Newsom traurige Behauptung bleiben. Hier entsteht sie en passant.

 

LABEL: Souterrain Transmissions / Sub Pop | VERTRIEB: Cooperative Music / Universal Music | : 30.04.2010


STREAM: CocoRosie - Grey Oceans

CocoRosie Live:
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19.05. LU-Esch-Alzette - Kulturfabrik
17.07. CH-Montreux - Jazz Festival
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21.07. Kassel - KulturZelt
23.07. Jena - KulturArena
27.07. A-Wien - Arena Open Air

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3 Kommentare:
  1. housefactory:

    Ach wie schoen, dass sie wieder so grosse Beachtung finden, freut mich sehr. Auf ArtiBerlin wurde auch ueber CocoRosie berichtet.

    http://www.artiberlin.de/article/CocoRosie-Grey_Oceans

     
  2. housefactory:

    ich finde das neue album durchauß gelungen! http://www.artiberlin.de/article/CocoRosie-Grey_Oceans

     
  3. Dieser Kommentar ist ein Trackback von CocoRosie: «frei und unsichtbar»:

    [...] abgesehen davon liefert CocoRosies neues Album Grey Oceans den perfekten Soundtrack für die kalte Jahreszeit. Das Video hier poste ich für meine [...]

     
 
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