Ein Ornament in menschlichem Gewand

The Irrepressibles

Text:

Das Konzept erinnert an Fischerspooner, doch kommen sie im Gewande des Barock daher und verspüren den Drang, vollkommen in der Pose des Tableau vivant aufzugehen: Angeführt vom Countertenor Jamie McDermott, suchen The Irrepressibles aus London zwischen Mode, Musik und Performance-Kunst den spektakulären Auftritt. Mit klassischem Instrumentarium spielen sie eingängige Songs, McDermott singt dazu mit flatterndem Antony-Vibrato, und als Bühne lassen sie sich schwimmende Baldachine bauen. Dieses Gesamtkunstwerk aus expressiver Künstlichkeit und schwülstigem Melodrama beschreibt Jamie McDermott mit dem schillernden Begriff der ›Flamboyance‹. Wenn Klaus Nomi das noch erleben dürfte!


Foto: © Michael Heilgemeir / Spex

Am Ende des ersten und zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends haben im Pop klassische Instrumente und entsprechende musikalische Formate Hochkonjunktur. Sei es das gerade erschienene neue Album von Owen Pallett, das vollgepackt ist mit dekonstruierten Streicherarrangements, die Pallett – den man hier und dort schon als »Paganini des Pop« bezeichnet – mit der preisgünstig zu habenden Tschechischen Philharmonie in Prag eingespielt hat. Oder der kunstliedhafte Kammermusikpop von Antony and the Johnsons. Auf den ersten Blick passen The Irrepressibles aus London sehr gut in diese Reihe. Doch wo sich seine Zeitgenossen klassischer Musikformate und Instrumentierung eher im Sinne eines distinkten Zitats bedienen, springt Jamie McDermott, das Mastermind der zehnköpfigen Performance-Gruppe, voll ins klebrige Streicherbad – und das nicht nur musikalisch.

    Die Musik des Debütalbums »Mirror Mirror«, die mit Ausnahme von Keyboard, spärlich eingesetztem Schlagwerk und McDermotts Westerngitarre ausnahmslos von Streichinstrumenten wie Violinen und Celli sowie von Vibrafon, Oboen oder Querflöten getragen wird, ist die eine Sache – die Auftritte von The Irrepressibles sind die andere. Um einen Eindruck davon zu bekommen, wie exaltiert und aufwendig aufeinander abgestimmt sie sind, reicht es, sich den Zusammenschnitt vergangener Konzerte anzusehen, der sich – unterlegt mit der ersten Single des Albums »In this Shirt« – auf der Homepage der Band findet: The Irrepressibles inszenieren ausgetüftelte, groß auftragende Shows (oder eher Performances), die tief im Stilfundus des Barock wildern. So glich etwa im letzten Jahr beim südenglischen Latitude-Festival ihre Bühne einer Art Baldachin, der im Stile pompöser Unterhaltungsinszenierungen am Hofe absolutistischer Herrscher auf einem See inmitten einer grandiosen englischen Parklandschaft schwamm. Für einen Auftritt im Rahmen einer Barock-Ausstellung im Londoner Victoria and Albert Museum im Juni letzten Jahres wurde eine Art ›Performance-Würfel‹ gleich in der Mitte des Ausstellungsraumes platziert, zwischen den in Gold gefassten Kunstwerken.


STREAM: The Irrepressibles – Mirror Mirror

    Perfekt gerahmt erscheint so auch McDermott: Ob im Performance-Würfel oder unter dem Baldachin, der 29-jährige Sänger und Performer steht immer erhöht auf einer kleinen Drehbühne in der Mitte, um ihn herum seine musikalischen Mitstreiter, die allesamt gewandet sind in wundersame Kostüme von Jordan Hunt, der gleichzeitig der Violinist des Projekts ist und enge Beinkleider und opulente Oberbekleidung mit Federapplikationen, wulstigem Faltenwurf oder gleich monströs gefalteten Halskrausen entworfen hat. Die Haare der Bandmitglieder sind hoch auftoupiert oder mit aus ladendem Kopfputz geschmückt. Zackig, fast wie Marionetten bewegen sie sich in einer strengen Choreografie um ihr Mastermind, der die Arme mit großer Geste zu Schwingen ausbreitet und mit vollem Countertenor und einer gehörigen Portion Pathos seine Songs zum Besten gibt. Auf Pressefotos sieht man McDermott und die Seinen passenderweise gleich wie Zirkusartisten an langen Seilen durch die Luft schweben.

    The Irrepressibles sind weniger eine Band als ein ausladendes konzeptuelles Projekt, ein Zwitter irgendwo zwischen Mode, Musik und Performance-Kunst – und in dieser Hinsicht scheinen sie einem Projekt wie Fischerspooner gar nicht so unähnlich. Doch kommen sie eben im Gewande der Klassik daher und verspüren offensichtlicher einen Drang zu dem, was man in früheren Zeiten gerne ›Gesamtkunstwerk‹ genannt hat. »Die Musiker, das Set, die Beleuchtung und die Choreografie – alles kommt zusammen, um zu einer Art Spieluhr oder einer organischen Maschine zu werden, mit der die Anliegen der Musik ausgedrückt werden können«, erklärt der aus North Yorkshire stammende McDermott etwas schwülstig, wenn man ihn zum Hintergrund seiner Inszenierungen befragt. »Jedes Bandmitglied ist Element einer zur Landschaft gewordenen Klangkulisse.« Vielleicht trifft aber der Begriff des ›Zur-Landschaft-Werdens‹ die Visualisierungsstrategie von The Irrepressibles doch im Kern. Denn es geht hier weniger um Musiktheater, um Operette oder gar Oper, sondern vielmehr um das, was McDermott nicht ohne Nähe zur Terminologie des zeitgenössischen Kunstbetriebs »Moving Installation« oder »Performative Sculpture« nennt: eine Form des streng durchdesignten und konzeptualisierten Bildes, zusammengesetzt aus lebenden Akteuren.


VIDEOThe Irrepressibles Live

    McDermott denkt in gefrorenen Posen, in Stills, ja letztlich in einer Art ›Tableau vivant‹. »Es geht mir nicht so sehr darum, dass man als Zuschauer den Performern als solchen zusieht, sondern eher darum, dass die Zuschauer sehen, wie wir gemeinsam eine Form zusammensetzen. Es geht mir um ein Ornament in menschlichem Gewand.« Konsequenterweise fallen im Gespräch neben den erwartbaren Verweisen auf David Bowie, Queen oder Kate Bush dann auch Namen von großformatig-integral denkenden Bildenden Künstlern wie Matthew Barney oder der des amerikanischen Choreografen Busby Berkeley (1895–1976), der für eine lange Reihe von Hollywood-Filmen und Broadway-Musicals Armeen von Showgirls mit minimalen, aber exakten Choreografien zu lebenden Ornamenten und kaleidoskopartigen Spiegellabyrinthen aus Körpern drapierte und damit wohl am direktesten Pate für McDermotts Konzept steht.

    Auch das Album »Mirror Mirror« ist geprägt von dieser Art der aufgefächerten Kaleidoskopie, es verbindet Auffaltungen und Überlagerungen, Fragmentierungen und Rekombinationen zu einem großen, eindeutig artifiziellen und doch organisch anmutenden Ganzen. Zugrunde liegt die eingängige Musik, die mit ihrer gleichbleibenden Instrumentierung und ihrem homogenen Klangbild dem gesamten Projekt erst Kohärenz verleiht. Auf deren Basis entfaltet McDermott mit seiner Countertenor-Stimme ein schillerndes Wechselspiel verschiedener Erzählpositionen, springt zwischen lyrischem Ich, imaginärem oder vielleicht auch realem Du hin und her oder schraubt gar seinen eigenen (echten) Namen ekstatisch kolorierend in luftige Höhen: »Jamie, Jamie«. In der nächsten Reprise toppt er das mit einem Reim auf »Know me, know me«, was, gewollt oder nicht, wie ein Verweis auf Klaus Nomis »The Nomi Song« wirkt – denn Nomi, der ja ebenfalls die Stile des Barock für sich nutzbar machte und dabei als alienhafte Kunstfigur ähnlich wie The Irrepressibles auf der Grenze zum Melodrama wandelte, intonierte in dem Stück die Frage »Will they know me?« auf derartige Weise, dass die Worte ›know me‹ phonetisch fast nicht mehr von seinem Künstlernamen zu unterscheiden waren. »Was in meiner Musik oft als Melodrama wahrgenommen wird, ist im Grunde genommen die Wirklichkeit meiner bisherigen Lebenserfahrungen, übersetzt in die Hyperrealität der Musik«, sagt McDermott. »Das Leben kann dramatisch und komplex sein, mit vielen subtilen Gefühlen und Farben. Ich wollte und will immer noch etwas schaffen, dass dieses Drama und diese Intensität adäquat abzubilden imstande ist.«

    Natürlich wird so auf den alten Mythos vom Künstler rekurriert, der ›ohne Beschränkung und Vorurteil, ohne Formeln und historische Referenzen‹, sondern nur mithilfe der ›Vision und eigenen Ausdruckskraft‹ sich darauf versteht, Welten aus dem Nichts zu erschaffen, und der gleichzeitig noch den Faktor Lebendigkeit als aktuelle Währung künstlerischer Produktion in den Ring wirft. Und doch ist die Lage hier nicht so unterkomplex, wie es solche Statements vermuten lassen könnten. Vielmehr funktionieren The Irrepressibles über eine unentwirrbare Vermengung von ›echt‹ und ›künstlich‹, von Leben und Bühne. Wer also angesichts des hohen Grades an Artifizialität und den Bezügen zur irgendwie sehr démodé daherkommenden Barock-Ästhetik an einen Begriff wie Camp denken muss, der liegt damit sicherlich nicht falsch – aber eben auch nicht ganz richtig. McDermott selbst benutzt lieber den Terminus ›flamboyant‹, den er in einer Art retroaktiver Kopplung mit der Barock-Epoche zusammenbringt.

    »Barock kann als Beschreibung für die emotionale Komplexität, Flamboyance und Ausdrucksstärke unserer Musik und ihrer visuellen Entsprechung tatsächlich verwendet werden«, sagt er und schiebt einen kleinen modehistorischen Exkurs hinterher: »In England schaffte man im Zuge der industriellen Revolution das barocke Kostüm als Herrenbekleidung ab. Seitdem dominiert der strenge nüchterne Anzug die Garderobe der Männer.« Und gegen diese Herrschaft des Anzugs und die mit ihm einhergehenden Leitideen für den bürgerlichen männlichen Gefühlshaushalt – Förmlichkeit, Beherrschung etc. – bringen The Irrepressibles ihre flammende, schwüls tigpathetische Barock-Ästhetik in Stellung: als Ausdruck eines flamboyanten, expressiv gelebten Lebens, das sich nicht in Authentizismen flüchten muss, um ehrlich zu sein.

 


STREAM: The Impressibles – In This Shirt (Will T. Duffin Remix)

Das Album »Mirror Mirror« von The Irrepressibles ist bereits erschienen (V2 Records / Cooperative Music / Universal Music). Spex präsentiert The Irrepressibles Live im Rahmen ihrer Europa-Tournee.

Spex präsentiert The Irrepressibles Live:
09.05. Frankfurt – Batschkapp
10.05. Berlin – Huxleys
11.05. Köln – Kulturkirche
12.05. München – Freiheizhalle

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