Die Serie zum Gesetz

Es ist wie verflucht: Wenn in Deutschland einmal TV-Serien entstehen, die den Vergleich mit amerikanischen HBO- oder britischen BBC-Standards nicht zu scheuen brauchen, werden sie entweder bald abgesetzt, oder sie stürzen eine Produktionsfirma in die Pleite. Letzteres musste die Berliner Producerin Kathrin Bullemer miterleben, als sie den aufwendigen Zehnteiler »Im Angesicht des Verbrechens« des Regisseurs Dominik Graf stemmte. Arte zeigt die Serie ab heute immer Dienstags und Samstags, im Folgenden finden sich Auszüge aus Ralf Krämers langem Interview zum Status Quo der deutschen Serienlandschaft (aus der aktuellen Spex #326) mit Bullemer, dem Kölner Drehbuchautor Orkun Ertener und dem Kölner Film- und Fernsehwissenschaftler Christian Junklewitz, der hauptberuflich Redakteur des Serienportals Serienjunkies.de ist.

Frau Bullemer, was unterscheidet »Im Angesicht des Verbrechens« von anderen deutschen Serien?
    Kathrin Bullemer: »Im Angesicht des Verbrechens« ist eine Miniserie, die nicht besonders episodisch strukturiert ist. Das Konzept folgt eher dem epischen Rahmen eines Romans. Es geht in sieben großen Erzählsträngen unter anderem um die Verführungen, denen Berliner Polizisten ausgesetzt sind. Da gibt es viele Dialoge, teilweise in Russisch mit Untertiteln. Eine Folge besteht aus 80 bis 90 Szenen. Das sind doppelt so viele wie in anderen 45-Minütern. Die Schnittfrequenz entspricht der eines abendfüllenden Spielfilms, auf halb so wenig Zeit. Das kommt im wahrsten Sinne des Wortes als große Dichte beim Zuschauer an. Und trotzdem nehmen sich Serien normalerweise nicht so viel Zeit zum Erzählen. Wenn zum Beispiel in der zweiten Hälfte von »Im Angesicht…« die Protagonisten eine Reise in die Ukraine unternehmen, dann geht der Zuschauer mit ihnen auf Reise. In den meisten Serien würde da jemand aus der Tür gehen und wieder rein kommen, und dazwischen war er eben in der Ukraine. Die Reise würde nur nacherzählt, aber die räumliche Verortung, in einem Milieu etwa, fände einfach nicht statt. Natürlich spielen in solchen Fällen oft die Produktionskosten kosten die entscheidende Rolle. Zum Stil von Dominik Graf, der Regisseur von »Im Angesicht des Verbrechens«, gehört es hingegen, in verschiedenen Räumen, aus dem Zeitgefühl der Figuren heraus und in einem ganz persönlichen Rhythmus zu erzählen.

Sie erwähnten die Kostenkalkulation als limitierenden Faktor des Erzählens. Die Produktionsfirma Typhoon AG meldete im Laufe der Dreharbeiten von »Im Angesicht des Verbrechens« Insolvenz an. Muss man sich für eine gut erzählte Serie finanziell ruinieren?
    Bullemer: Bei »Im Angesicht des Verbrechens« handelte es sich um eine extrem unberechenbare Situation, die durch Verzögerungen im Drehplan entstand. Das Budget musste aufgestockt werden, nur leider hat der Sender erst Geld nachgeschossen, als der Insolvenzverwalter bereits zu Besuch gewesen war. Nach einer Unterbrechung von zwei, drei Monaten konnten die Dreharbeiten aber relativ normal zu Ende geführt werden. Aber um ihre Frage zu beantworten: Ist es eine Frage des Geldes? – Im Prinzip ja. Für mehr Geld gibt es mehr Qualität.
    Christian Junklewitz: Ich glaube nicht unbedingt, dass Qualität eine Frage des Geldes ist. So abgedroschen das klingen mag, aber es läuft auf Mut hinaus. Und das heißt auch persönlicher Mut von den Entscheidungsträgern, von den Redakteuren, die das Fernsehprogramm gestalten. Das ist natürlich leicht gesagt, denn dazu gehört auch eine Unternehmenskultur, die Mut fördert. Wenn die Geschäftsleitung von ProSieben sagt: Wir müssen 25 Prozent Rendite haben, um unsere Hedgefonds zufrieden zu stellen, dann bezahlt der Serien-Redakteur seinen Mut wohlmöglich mit dem Arbeitsplatz.
    Orkun Ertener: Klar, jeder ist sich in seinem Beruf selbst der Nächste, aber damit die Autoren gute Serienstoffe entwickeln können, muss in der Tat auch mehr Geld für die Entwicklung der Stoffe in Umlauf kommen. Zusätzlich bedarf es einer Bereitschaft der Sender, neue Dinge auszuprobieren, auch wenn nicht absehbar ist, ob sie funktionieren. In Deutschland mischen sich die Verantwortlichen bei den Sendern viel zu stark in die Produktion einer Serie ein. Dabei ist das gar nicht nötig: Ich als Autor will ja auch populär erzählen. Ich möchte möglichst viele Menschen erreichen und trotzdem anspruchsvoll bleiben.
    Bullemer: Allerdings ist die Mentalität unserer Autoren oft eine andere, als zum Beispiel in den USA. Viele wollen eher allein arbeiten, sind kaum bereit, sich für Teams zu öffnen und sich mit Co-Autoren täglich im Büro zu treffen, wie das bei den meisten US-Serienproduktionen der Fall ist. In Deutschland gibt es das eigentlich nur bei den Serien, die täglich laufen. Und daraus ergibt sich ein seltsamer Dünkel unter Autoren. Ein Filmstudent hat mir einmal gesagt: »Ich habe gehört, wenn ich für eine Telenovela schreibe, bin ich versaut und kann für nichts anderes mehr schreiben.« Das verstehe ich nicht. Natürlich besitzen die Inhalte einer Soap ein anderes Niveau als etwa »Im Angesicht des Verbrechens«, aber ich selbst habe für Dailys gearbeitet – das ist ein harter Job und auch eine gute Schule.


VIDEOIm Angesicht des Verbrechens (Trailer)

Frau Bullemer, auf welchem Sendeplatz wird »Im Angesicht des Verbrechens« ausgestrahlt, wenn die Serie auf Arte anläuft?
    Bullemer: Es werden zwei Folgen pro Woche ausgestrahlt: einmal dienstags und einmal samstags, jeweils um 22 Uhr. Sechs Monate später wird »Im Angesicht…« dann noch mal in der ARD gezeigt, am Freitagabend, wahrscheinlich um 21.45 Uhr, auf dem Wiederholungstermin des »Tatort«.
    Junklewitz: Das klingt wie ein Todesurteil mit Voransage. Auf keinem anderen Sender endet um diese Zeit ein Programmpunkt – mit einer Umschaltwelle ist also nicht zu rechnen. Und die wenigen Zuschauer, die sich gezielt für »Im Angesicht des Verbechens« entscheiden würden, haben sie dann wahrscheinlich schon auf Arte gesehen, was nun mal ein Nischenkanal ist. Außerdem läuft in der Primetime am Freitag meist so eine Degeto-Schnulze wie »Ich trag dich bis ans Ende der Welt.« Deren Publikum wird nach fünf Minuten »Im Angesicht des Verbrechens« abschalten. Das verdeutlicht aufs Neue, dass »Kriminaldauerdienst« und »Im Angesicht des Verbrechens« politisch motivierte Leuchtturmproduktionen sind, mit denen die Öffentlich-Rechtlichen ihre Gebühren rechtfertigen. Hat man vorübergehenden Mut zum Risiko bewiesen und sind erst einmal die Kritikerpreise gewonnen, dann notiert man die Trophäe in den Jahresendbericht an die Aufsichtsgremien und plötzlich heißt es: Tschüss, »KDD«. Das wirft nun wirklich kein gutes Licht auf die öffentlich-rechtlichen Sender.
    Simon Sutton, der Präsident von HBO, wurde einmal gefragt: Warum kommt HBO nicht nach Deutschland? Er sagte: »Wieso, ihr habt doch ARD und ZDF. HBO ist das ARD und ZDF der USA!« Und er hat Recht: HBO hat etwa 40 Millionen Abonnenten, das statistische Bundesamt zählt bei uns 39 Millionen Privathaushalte mit Fernsehgeräten – alles zumindest potentielle GEZ-Zahler.

 

»Im Angesicht des Verbrechens« startet am 27. April ab 22:05 Uhr auf Arte. Das gesamte Gespräch mit Kathrin Bullemer, Orkun Ertener und Christian Junklewitz findet sich in der aktuellen Ausgabe Spex #326, ab sofort am Kiosk oder im Abo erhältlich.

Alle Stills: »Im Angesicht des Verbrechens«, © ARD 2010