Abschied vom Ideal der objektiven Schönheit

Malcolm McLaren (22. Januar 1946 - 8. April 2010)

Text:

Malcolm McLaren ist gestern in einem Schweizer Hospital im Alter von 64 Jahren gestorben. Der Künstler, den man genauso als genialen Manager, Designer, Provokateur, Impresario, Ausbeuter und Pressemanipulator bezeichnen konnte, litt seit einigen Jahren an der seltenen Krebsart Mesotheliom, ohne dies publik zu machen. Sein Zustand schien lange Zeit stabil. Im Oktober brach die Krankheit erneut aus.


Foto: © Eva Tuerbl / Spex

     Mit McLaren, der in den Siebzigern als Manager der Sex Pistols berühmt wurde, verliert die Kunst- und Popwelt einen ihrer wichtigsten Vordenker. Inspiriert von Guy Debord, begann Mclaren nach seinem abgebrochenen Kunststudium am Londoner Goldsmiths College Anfang der siebziger Jahre, die revolutionären und antikapitalistischen Slogans der Situationistischen Internationale (»Verbieten ist verboten«, »Sei realistisch, verlange das Unmögliche«) geschäftstüchtig auf die Mode- und Musikproduktion anzuwenden. In dem Mitte September letzten Jahres geführten Mode-Interview erinnerte sich McLaren in Spex: »Diese Slogans gaben Leuten wie mir, die gerade von der Kunstakademie kamen, Ende der sechziger Jahre einen Freifahrtsschein. Ich verabschiedete mich von dem Ideal der objektiven Schönheit als der klassischen Vision von Kunst. Ich wollte aus Kunst etwas ganz anderes machen. Das konnte ich dann als Shop-Betreiber und als Manager dieser Ersatz-Popgruppe namens Sex Pistols. Mit den kleinen Sex-Attentätern dieser Band inszenierte ich kulturelle Terroranschläge zum Wohle unseres Planeten.« Weil auf die Bedeutung dieser ›kulturellen Terroranschläge‹ für Punk und dessen Ästhetik in den kommenden Tagen an anderen Stellen ausführlicher eingegangen werden wird, weisen wir hier stattdessen auf vier andere, ebenfalls entscheidende Stationen seiner Biografie hin.

1.) Malcolm McLaren war der Pionier des Guerilla- bzw. Temporary-Store-Konzepts: Wenn heute Labels wie Adidas oder Comme des Garçons wenige Wochen geöffnete und danach wieder verschwindende Pop-up-Stores konzipieren oder H&M für kurze Zeit strikt limitierte Designerkollektionen in die Filialen bringt, wird damit auf Big-Business-Level das fortgeführt, was McLaren in den Siebzigern mit seiner damaligen Frau Vivienne Westwood in der gemeinsamen Boutique in der Londoner King’s Road erprobte: Erst hieß sie Let It Rock, dann SEX, dann Seditionaries. Zwischendurch wurde der Laden geschlossen, umdekoriert und anschließend mit neuem Stil und Sortiment wieder eröffnet. Mal gab es Teddy-Boy-Klamotten, mal Fetisch-Outfits, mal Karl-Marx-Shirts.

2.) Malcolm McLaren war der Pionier des Pädo-Pop: Die von ihm Anfang der achtziger Jahre konzipierte New-Wave-Band Bow Wow Wow sorgte mit der minderjährigen, halbnackten Sängerin Annabella Lwin und dem dazugehörigen »Chicken Magazine«, einem fiktiven Pornoheft für Kinder, für Skandale. Ohne Bow Wow Wow wären heutige Teen-Sex-Popstars wie Uffie, Ke$ha oder Bunny Holiday undenkbar.

3.) Malcolm McLaren ebnete dem Hiphop den Weg in den Mainstream: Sein von Trevor Horn produziertes Album »Duck Rock« enthielt 1983 die Single »Buffalo Gals«, den ersten Charthit, in dem Scratching zu hören war. Für das Album kooperierte McLaren in New York außerdem mit den Tänzern der Rock Steady Crew, dem World Famous Supreme Team und dem Graffiti-Künstler Keith Haring.

4.) Malcolm McLaren erkannte als erster das popkulturelle Potential des Vogueings: Sein Musikvideo »Deep in Vogue« führte 1989 den schwulen New Yorker Underground-Laufstegtanz erstmals einem internationalen Publikum vor. Kurz darauf machte es ihm Madonna mit ihrem Video »Vogue« ungleich erfolgreicher nach – sie war zu der Zeit mit McLarens Partnerin, der Schauspielerin Lauren Hutton, befreundet und hatte durch sie vom Vogueing erfahren.

     Der Vogueing-Tänzer Willi Ninja, der 1988 von McLaren aus den New Yorker Ballrooms weggecastet und zum Star von »Deep in Vogue« gemacht worden war, erinnerte sich 2005, ein Jahr vor seinem Tod, in einem Interview für Zoo Magazine an seine Zeit mit McLaren: »Zwischen uns hat es gut funktioniert. Ich weiß noch, dass die Presse damals behauptete, ich sei sein neuer Lover. Die Überschrift lautete: ›Was ist aus Lauren Hutton geworden?‹ Ich habe Malcolm gefragt: ›Willst du nichts dagegen unternehmen?‹ Er meinte nur: ›Ach was, jede Publicity ist gute Publicity!‹« Weiter erinnerte sich Ninja daran, dass McLaren auf den Plattencovern von »Deep in Vogue« seinen Namen falsch schrieb und ihm keine Credits für die von ihm verfassten Lyrics zu »Deep in Vogue« gab: »Malcolm ist ein sehr intelligenter Mensch, aber er ist auch ein listiger Dämon. Wenn man ihm von einer Idee erzählt, bemüht er sich, sie vor einem zu realisieren. Man ist selbst schuld, wenn man nachher als Idiot dasteht. Man darf Malcolm nie etwas von einer Idee erzählen, die man selbst verwirklichen möchte.«

     Zu den eigenen Ideen, die McLaren durch seinen verfrühten Tod nicht mehr verwirklichen konnte, gehört ein Musical über den Couturier Christian Dior, an dem er seit Jahren arbeitete. In ihm sollte es um den Einfluss von Diors 1947 präsentiertem ›New Look‹ auf die Rock’n’Roll-Ästhetik der fünfziger und sechziger Jahre gehen.

     McLaren hinterlässt aus seiner Beziehung mit Vivienne Westwood den gemeinsamen Sohn Joseph Corré, den Gründer des Lingerie-Labels Agent Provocateur, sowie seine Partnerin Kim Young, mit der er in den letzten Jahren zusammen in New York lebte.

     Rest in peace, Malcolm.

 

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