Im goldenen Licht eines Parkplatzes
»A Single Man« von Tom Ford
Text: Esther BussIn »A Single Man« zeigt sich Modedesigner und Regiedebütant Tom Ford wenig interessiert am ›period picture‹.

Christopher Isherwoods 1964 erschienener Roman »A Single Man« beginnt mit dem Erwachen eines unspezifischen »es«, das sich nach einem morgendlichen Ritual in George Falconer verwandelt, einen 58-jährigen schwulen Briten, der als Literaturprofessor in Los Angeles lehrt. Der Kern dieser ›George-Werdung‹ ist das Ankleiden, was Isherwood als eine notwendige Form der Maskerade beschreibt: »Ankleiden muss es sich, denn es will ja raus und unter die Menschen gehen, und diese anderen Wesen sollen es ja identifizieren können, für sie muss sein Auftreten statthaft und annehmbar sein«. Dieser Moment des ›Dressing-up‹ gilt in Tom Fords Verfilmung jedoch nicht nur für George, der von Colin Firth gespielt wird, sondern für den Film an sich. Denn »A Single Man« macht vor allem den Eindruck eines Maßanzugs, makellos, elegant und äußerst luxuriös.
Nun überrascht es nicht wirklich, dass ein Modedesigner wie Tom Ford, der als Retter des Labels Gucci in die Modegeschichte einging und seit einigen Jahren erfolgreich eine eigene Linie betreibt, sich als Regisseur besonders ausgiebig um das ›Aussehen‹ seines Films kümmert. So streift er denn auch seiner Hauptfigur den visuellen Stil wie ein Outfit seiner neuesten Kollektion über. Im Wesentlichen werden zwei verschiedene Looks präsentiert: graue Bilder mit fahlem Licht und ausgebleichten Farben für depressive Gefühlszustände (die sich taub anfühlende Realität) und sattes, farbenprächtiges Technicolor im Zustand von Glück oder Lebendigkeit (Rückblenden, Traumsequenzen, Fantasien). Die psychologisierende Bildsprache des Films ist zweifelsohne etwas plump.
»A Single Man« spielt an einem einzigen Tag, es ist der 30. November 1962 – eine Gegenwart, die für George immer noch von der schmerzhaften Erinnerung an den Unfalltod seines langjährigen Lebensgefährten besetzt ist. Die Zeitangabe wird schon bald mit einer historischen Markierung verknüpft, nämlich der Kubakrise und der damit verbundenen Angst, dass sich der Kalte Krieg in einen ›realen‹ verwandeln könnte. Diese Anbindung an ein historisches Jetzt dient jedoch kaum dazu, das persönliche Schicksal der Figur mit den gesellschaftlichen Konditionen der Zeit kurzzuschließen – wie es etwa in der Fernsehserie »Mad Men« der Fall ist, die ungefähr zur selben Zeit spielt –, sondern allein, um die emotionale Distanz der Figur zu Geschichte und Weltgeschehen deutlich zu machen. Seine Umwelt ist George ziemlich egal – er plant den Tag mit seinem Selbstmord zu beenden. Doch durch unerwartete flüchtige Begegnungen, nicht zuletzt mit Kenny, dem neugierigen Studenten mit dem rosigen Modelgesicht und dem flauschigen Wollpullover, dringt ganz buchstäblich Farbe in Georges Leben.
Im Vergleich mit Fords aggressiven, aufgesexten Anzeigenkampagnen für Gucci wirkt »A Single Man« erstaunlich prüde. Es gibt zwar ein paar gut durchtrainierte nackte Männeroberkörper zu sehen, doch von einem schwulen Begehren erzählen diese Bilder kaum. Nur einmal kommt es zwischen George und dem schönen Stricher Carlos zu einem offensiv inszenierten erotischen Moment. Im goldenen Licht eines Parkplatzes rauchen sie eine Zigarette zusammen, Carlos bläst George lasziv den Qualm ins Gesicht. Diese entfernte Anspielung auf Jean Genets homoerotischen Kurzfilm »Ein Liebeslied« (»Un Chant d’Amour«, 1950) wirkt wie ein Abziehbild im Vintage-Design – die Radikalität der Vorlage ist von der glanzvollen Oberfläche allerdings gänzlich verschluckt worden.
»A Single Man« USA 2009 Regie: Tom Ford.
Mit Colin Firth, Julianne Moore, Nicholas Hoult u. a., 99 Min. (Senator) Kinostart: 08.04.2010
Bilder: © 2009 Senator Film

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Guter Film!
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