Sei Du selbst und Du bist schön

»Precious – Das Leben ist kostbar« von Lee Daniels

Text: Barbara Schweizerhof

In der Tradition von Filmen wie »Die Farbe Lila« und »Dangerous Minds« erzählt Lee Richards »Precious – Das Leben ist kostbar« von der Vergegenwärtigung eines Außenseiterschicksals. Dank seiner außergewöhnlich drastischen Konsequenz, sogar Mariah Carey verzichtete in einer Nebenrolle auf ihren üblichen Glamour, erhielt »Precious …« als Geheimtipp zwei Oscars für das beste adaptierte Drehbuch und die beste Nebenrolle.

Machen wir uns nichts vor: Die Geschichte einer übergewichtigen, schwarzen 16-Jährigen in Harlem, die zum zweiten Mal vom eigenen Vater schwanger ist und deshalb aus der Schule fliegt, gehört nicht gerade zu jener Sorte Film, die ins Kino lockt. Nicht umsonst wurden, um in der Popkultur von ›ganz unten‹ zu berichten, verschiedene Verkaufsstrategien entwickelt. Eine besteht im vollen Einsatz des Thrills der Düsternis: so drastisch, finster und hoffnungslos, dass es fasziniert. Die populärste Strategie ist jedoch die Ermutigungsgeschichte, die Inspirationserzählung, in der Licht am Ende des Tunnels sichtbar ist oder gleich ganze Lebensträume wahr werden. Die amerikanische Filmgeschichte ist voll von solchen Erzählungen, die oft genug auch noch das Siegel ›based on a true story‹ tragen. »Precious«, der nicht auf einer wahren Geschichte beruht, sondern auf dem Debütroman »Push« der Performance-Poetin Sapphire, bringt das Kunststück fertig, beide Strategien gleichzeitig zu bedienen: Einerseits wird der Zuschauer in anhaltende Erschütterung und Schockstarre versetzt, andererseits mit Zuversicht und Mut versorgt.

    Das erweist sich durchaus als notwendig. Denn in der Figur der 16-jährigen Claireece ›Precious‹ Jones kommen Probleme zusammen, die schon beim Erscheinen des Romans 1996 vielen Kritikern »zu viel« waren. Precious ist nicht ›nur‹ übergewichtig, schwarz und vom eigenen Vater schwanger, sie wird auch von der eigenen Mutter gedemütigt, geschlagen und missbraucht, kann weder lesen noch schreiben, hat bereits mit zwölf Jahren ein Kind mit Downsyndrom zur Welt gebracht, ebenfalls gezeugt vom drogensüchtigen Vater, der sie zudem, fast ahnt man es schon, mit HIV infiziert hat. Dabei liegt der eigentliche Horror, der von diesem Film ausgeht, in der bündigen Darlegung, wie eng all diese Elendserscheinungen zusammenhängen, wie sich das eine aus dem anderen ergibt, Missbrauch und Lernstörungen, Selbsthass und Übergewicht, Drogensucht, Inzest und Krankheit.

    Den Weg heraus aus solchen Teufelskreisen bietet die Bildung, diese Überzeugung pfl egt man nirgendwo so ausgiebig wie in den USA. Precious wird zwar wegen ihrer Schwangerschaft von der regulären Schule verwiesen, kommt aber in ein Alternativprogramm. Ihre Lehrerin dort ist eine schöne Frau: Ms. Rain, mit Vornamen Blu, stellt sich selbst mit dem Satz vor: »I love to teach.« Endlich erhält das Mädchen die nötige Ermutigung, zu lernen und sich seiner selbst bewusster zu werden. Was im nächsten Schritt bedeutet: genug Selbstbewusstsein zu entwickeln, um sich aus der schrecklichen Situation zu befreien.

    Ähnliches hat man zwar oft gesehen, doch das Besondere von »Precious« steckt im Detail – einem Detail, das in diesem Fall das Gegenteil von kleinteilig ist: Es liegt in der Gestalt der Figur, in ihrem massigen Körper. Paradoxerweise sind es ja neben den Alten die unübersehbar Dicken, die gesellschaftlich zu Unsichtbaren werden; man nimmt sie allenfalls als störendes, massiges ›Zuviel‹ wahr. Precious hat die häufig gehörte Beschimpfung längst als Selbstbeschreibung übernommen und spricht in ihren inneren Monologen von sich als »my fat ass« und davon, dass andere sie als »ugly black grease to be wiped away« betrachten. Auch der Kinozuschauer würde über diese dumpfe Gestalt schnell hinwegblicken, wäre da nicht die Stimme aus dem Off.

    In kurzen, einfachen Sätzen beschreibt Precious ihre Situation von ›innen‹, bildet einen prägnanten Kontrast zur Dumpfheit und Unartikuliertheit ihrer Gestalt. Der Ton ist resignativ, aber zugleich auch überraschend gegenwärtig. »The other day I cried, I felt stupid, but you know what: fuck that day. That’s why God or whoever makes new days.« Das Wunder dieses Films besteht nun darin, wie er diese beiden Elemente als Emanzipationsprozess zusammenkommen lässt: der massige Körper, der zugleich Gefängnis und Schutzpanzer dieser missbrauchten Seele ist, und wie er mehr und mehr belebt, ausgefüllt wird von der Agilität und dem Scharfsinn dieser Stimme. Das Gesicht, das zu Beginn wie erstarrt scheint im Ausdruck von Selbstekel, zeigt Empfindsamkeit, reißt im Lachen auf und wird immer stolzer und schöner. Die 24-jährige Schauspielerin Gabourey Sidibe, die Precious verkörpert, ›leiht‹ ihrer Debütrolle nicht den Glamour des eigenen Schauspielerdaseins, sie stellt ihn mit ihr, durch sie erst her. Lange hat man das in der Gegenkultur geborene Versprechen ›Sei du selbst und du bist schön‹ nicht mehr so glaubwürdig umgesetzt gesehen.

    Diese Entwicklung spiegelt sich auf unerwartete Weise in den im Film ausgespielten Tagträumen von Glamour und Scheinwerferlicht, in die Precious sich immer dann flüchtet, wenn ihre Situation besonders unerträglich wird. Es sind stereotype Mädchenfantasien: Precious, Autogramme gebend auf dem roten Teppich; Precious, umringt von Kameras. Diese Fantasien erzählen nichts über ihre Person, aber viel über ihre Bedürftigkeit. Einmal stellt sie sich einen schlanken blonden weißen Teenager als ihr Spiegelbild vor – Fluchtfantasien kennen keine Political Correctness. Doch am Ende hat Precious diese Imaginationen nicht mehr nötig. Sie ist in der eigenen Gegenwart angekommen. Die erste Ahnung dieses ›Hier und Jetzt‹ hat sie, als sie in der neuen Schule das erste Mal spricht. »How does that make you feel?«, fragt Ms. Blu. »Makes me feel here«, ist ihre klare Antwort.

    Wie man für das Gefühl der Gegenwart auf Glamour verzichtet, machen der Hauptfi gur auf ganz unironische Weise außerdem zwei veritable Popstars in ihren Nebenrollen vor. Lenny Kravitz spielt den Krankenpfleger John, der Precious bei der Geburt ihres zweiten Kindes betreut und auf so coole Weise Anstöße zum gesunden Essen gibt, dass der ›lockere‹ Star dahinter stets erkennbar bleibt. Mariah Carey dagegen schlüpft so nahtlos in die Rolle der Sozialamtsangestellten, dass man seinen Augen kaum trauen mag. Nicht nur ihr Verzicht auf Schminke und sonstige Auftakelei trägt dazu bei, sondern vor allem die Haltung der Figur. Careys Mrs. Weiss hört vor allem zu. Statt Sozialpädagogenemphase nach dem Motto ›Du kannst mir alles erzählen‹ kommt allenfalls ein trockenes »Ich muss das wissen«. Precious beginnt zu reden, endlich.

    Und trotz alledem wäre der Film vielleicht am Ende doch bloß Ermutigungskitsch, würde sich bestens in jene Oprah-Winfrey-Kultur einfügen, die den Opfern stets ihre Einfühlung leiht (wobei Winfrey nach der Premiere in Sundance im Januar 2009 eine Produzentenrolle übernahm, die für das Marketing des Films in den USA nicht unwichtig war), gäbe es nicht eine Figur, die alles Versöhnliche mit nachhaltiger Bitternis und Schrecken durchsetzt. Die Rede ist von Mary, Precious’ von Mo’Nique gespielter Mutter. Die ist nicht nur schlecht und bösartig, sie dünstet die Frustrationen eines Lebens in Armut und Unbildung förmlich aus. Missgunst und Rachsucht auf alle, die es besser haben als sie, sprechen ihr aus jeder Pore. Als ›Welfare Queen‹, die das übelste Vorurteil noch weit übertrifft, verbringt sie ihre Tage hinter ständig zugezogenen Gardinen dauerrauchend vor dem Fernseher, attackiert ihre Tochter mit ihren Launen vollkommen hemmungslos, verbal wie körperlich. Und wenn sie sich im haut engen geblümten Catsuit schön macht, hat man tatsächlich den Eindruck, ein gefährliches, übelgelauntes Raubtier vor sich zu sehen.

    Am Ende, wenn Mary bei Mrs. Weiss gierig auf die Fortzahlung des Kindergeldes insistiert, legt Mo’Nique in einem langen Monolog ihre Figur bloß. Es ist ein Auftritt, der unter die Haut geht, weil die Schauspielerin, die in den USA vor allem als TV-Comedian bekannt wurde und seit Oktober eine eigene Late-Night-Show hat, unter der Oberfl äche von Bösartigkeit, Hinterhältigkeit und Aggression das nackte Elend dieser Frau sichtbar macht. Man erkennt, dass es Marys eigene, ewig ungestillte Bedürftigkeit nach Liebe und Aufmerksamkeit ist, die sie blind macht für die Nöte, ja für die Existenz der Tochter, und man weiß nicht, ob man sie verurteilen oder doch einen Anflug von Mitleid empfinden soll.

    In einer merkwürdigen Welle der Anerkennung für die Darstellung des ›Bösen‹ – man denke an die vielen Auszeichnungen für Christoph Waltz’ Verkörperung eines SS-Offiziers in »Inglourious Basterds«! – hat Mo’Nique für diese Rolle bereits eine ganze Reihe von Preisen bekommen, darunter den Golden Globe als Beste Nebendarstellerin. Man kann die diversen Jurys verstehen, denn wo einem Gabourey Sidibes Precious ans Herz wächst, ist es Mo’Niques Mary, die umso stärker fasziniert, die sich einprägt und einen nicht mehr loslässt. In der schwierigen Balance von Horror und Hoffnung, die Regisseur Lee Daniels mit diesem Film wagt, mischt ihre Figur die Frage nach Opfer und Täter neu auf und sorgt dafür, dass am Ende nicht die Rührseligkeit allein triumphiert.

 

»Precious – Das Leben ist kostbar« USA 2009, Regie: Lee Daniels.
Mit Gabourey Sidibe, Mo’Nique, Mariah Carey, Lenny Kravitz u. a., 110 Min. (Prokino) Kinostart: 25.03.10

Bild: 2009 Prokino

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3 Kommentare:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von 25.03.: Bushido goes Black-Metal : ByteFM Magazin:

    [...] in der Spex ist der Kinofilm Precious, ein Geheimtipp, der zwei Oscars für das beste adaptierte Drehbuch und [...]

     
  2. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Lee Daniels Film »Precious« und amerikanische Sozialpolitik « a c h t m i l l i a r d e n . c o m:

    [...] Jones, die in einer in jeder Hinsicht dysfunktionalen Familie aufwächst. Barbara Schweizerhof, die den Film für Spex rezensiert, schreibt: Precious ist nicht ›nur‹ übergewichtig, schwarz und vom eigenen Vater schwanger, [...]

     
  3. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Schlafende Hunde « Abendkaffee:

    [...] sah ich “Precious” und bin sehr entzückt. In der Spex gab es dazu eine wundervolle Rezension zu lesen, die so ziemlich jeden Gedanken von mir aufgreift und ergänzt. Mehr als sehenswert und [...]

     
 
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