Pluralismus der Parallelwelten
Ein Rückblick auf die Berlinale 2010
Text: Wibke Wetzker
Still: Noah Baumbachs »Greenberg« © TOBIS Film
Der Berliner Kulturbetrieb stand in der vergangenen Woche ganz im Zeichen der 60. Berlinale. Auch Spex war auf den Filmfestspielen in der Hauptdstadt unterwegs, mit Schreibauftrag, Jurykompetenz und als Teil eines filmbegeisterten Publikums. Für Max Dax begann die Berlinale mit seiner Begrüßung als Mitglied der Kurzfilmjury im Rahmen der Eröffnungsgala im Berlinalepalast. Am Ende fiel auch sein Votum zu Gunsten eines Beitrags aus Schweden aus: »Händelse Vid Bank« von Ruben Östlund wurde mit der goldenen Trophäe für den besten internationalen Kurzfilm ausgezeichnet. Die Geschichte über einen gescheiterten Banküberfall wertete die Jury als gelungene »Reflektion unserer Zeit und wie diese von den Medien beeinflusst ist«, in seinem Spex-Blog »Dissonanz« reflektiert Dax eigene Beobachtungen der diesjährigen Berlinale.
Für die Medien ist solch ein Filmfest appetitanregendes Häppchen und gefundenes Fressen zugleich: Lob und Häme, beides wurde zu Genüge ausgeschüttet. Dabei kamen die Meinungsmacher in diesem Jahr nur schwer in Fahrt, startete der Wettbewerb doch mit leicht verdaulicher Filmkost: »Der Ghostwriter« von Roman Polanski und »Shutter Island« von Martin Scorsese rissen keinen Kritiker vom Hocker, zeichneten sich aber durch solides Filmhandwerk aus. Polanski bekam – zu Recht – den Bären für die beste Regie; ein Statement zur Rückenstärkung des strafverfolgten Regisseurs kann hinter der Entscheidung allerdings auch vermutet werden.
Begeisterung brachten die Medien vor allem Benjamin Heisenbergs »Der Räuber« und dem diesjährigen Gewinner des Goldenen Bären »Bal – Honey« von Semih Kaplanoglu entgegen. Buhrufe gab es hingegen für die deutschen Produktionen »Henri 4« (Jo Baier) und »Jud Süss – Film ohne Gewissen« (Oskar Roehler). Die Agentur von »Jud Süss« sprach allerdings in ihrer Presseerklärung von »lang anhaltendem Applaus« und »begeisterten Zuschauern« im Anschluss an die öffentliche Publikumspremiere – die Berlinale changierte im Pluralismus der Parallelwelten von Filmschaffenden, Filmfans und Filmkritikern.
Wenn sich alle mal einig waren, dann konnte man vom erhebenden Gefühl demokratischer Einheit sprechen, das die Festivallieblinge ausmacht. Etwa im Fall von Lisa Cholodenkos Beitrag »The Kids are all right«, dem auch der Teddy, der schwul-lesbischen Filmpreis zugesprochen wurde. Mit herzerwärmender Selbstverständlichkeit und Humor werden hier Geschlechterrollen und der moderne Mythos der Patchwork-Familie verhandelt. Auch der russische Film »How I ended this summer« von Alexei Popogrebsky gehörte zu den großen Sympathieträgern und wurde mit den Bären für beste Kamera und beste Darsteller bedacht. Der junge russische Schauspieler Grigori Dobrygin dürfte zu einer der vielversprechenden Entdeckungen der Berlinale zählen und muss jetzt ganz schnell Englisch lernen, damit er die Angebote aus Hollywood auch beantworten kann.
Und wo war Pop auf der Berlinale? Er steckte sowohl im James-Murphy-Soundtrack des sonst eher hinter den Erwartungen zurückbleibenden Noah Baumbach Films »Greenberg« (mit Ben Stiller in der Rolle eines neurotischen Anfangvierzigers auf Sinnsuche) als auch im Dokumentarfilm wie »Exit through the gift shop« des Street-Art-Künstlers Banksy. Deshalb wird der ein oder andere Berlinale-Beitrag gewiss in Spex noch zur Sprache kommen.

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