Sie denken immer nur an das Eine?

Die Psychotherapie-Serie »In Treatment«

Text: Christoph Dreher, Christine Lang

Die verblüffende HBO-Serie »In Treatment« spielt fast ausschließlich in der Praxis eines Psychotherapeuten und konzentriert sich dabei auf das, was gutes Fernsehen schon immer ausmachte: Sitzen und Reden.


Still: © 2009 Lacey Terrell / HBO

Auf den ersten Blick erscheint »In Treatment« als das genaue Gegenteil seiner Vorläufer, jener bahnbrechenden HBO-Programme wie »The Sopranos«, »The Wire«, »OZ« oder »Deadwood«. Prägte diese Serien eine komplexe Personen- und Narrationsstruktur, so herrscht bei »In Treatment« reinster Minimalismus. Eine Standardfolge sieht so aus: zwei Personen in einem Raum. Redend. 25 Minuten. Fertig. »In Treatment« ist eine US-amerikanische Coverversion der israelischen Serie »Be Tipul«, die von Hagai Levi entwickelt wurde. Bei einem Symposium an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, das beiden Serien gewidmet war, stellte einer der vier amerikanischen Produzenten (zu ihnen gehört auch Mark Wahlberg) die Frage, warum eigentlich vorher noch niemand auf die Idee gekommen sei, so eine TV-Serie zu machen. Die Frage ist insofern berechtigt, als »Be Tipul« beziehungsweise »In Treatment« das zeigen, was Fernsehen im Kern immer schon ausmachte, und wo es auch heute noch ganz bei sich ist: Leute sitzen und reden.

    Amerikanische Talkshows, früher mit Dick Cavett und Jimmy Carson, heute mit Jay Leno oder David Letterman; Zwiegespräche wie das zwischen dem ehemaligen Spiegel-Chefredakteur Günther Gaus und Hannah Arendt 1964 in seiner Sendereihe »Zur Person«; der Schlagabtausch zwischen Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit, Springers Feder Matthias Walden und dem konservativen Historiker Golo Mann 1968 im Österreichischen Fernsehen – alles Sternstunden eines im Wesentlichen auf Reden basierenden Fernsehprogramms. Erst kürzlich kam die Dramatisierung eines berühmten Rededuells zwischen dem US-Präsidenten Richard Nixon und dem TV-Entertainer David Frost ins Kino. »In Treatment« kann also darauf vertrauen, dass es grundsätzlich chancenreich ist, eine Serie fast ausschließlich auf Gesprächen basieren zu lassen. Genau das hat man getan, in aller Konsequenz. Nur dass es in diesem Fall eben Therapiegespräche sind, denen man zusieht.

    Bis auf wenige Ausnahmen ist Handlungsort der Serie entweder die Praxis des Therapeuten Dr. Paul Weston, oder aber die seiner Therapeutin Gina. An jedem Tag von Montag bis Donnerstag hat Weston einen Patienten, wobei auf eine interessante Mischung geachtet wurde. Die Montags-Patientin – somit auch die erste der Serie – ist Laura. Sie wird von einer Sex-Fixierung geplagt und macht, wie man schnell erfährt, dem Therapeuten Avancen. Sie rührt damit am wichtigsten Tabu in der Beziehung zwischen Therapeut und Patient, weshalb Paul ihr sagen muss: »I’m not an option!« Nicht nur ist man so thematisch sofort in medias res, man wird auch bald erfahren, dass der Therapeut den massiven Verlockungen nicht so einfach widerstehen kann – dass also auch er ›nur ein Mensch ist‹, schlimmer: ›nur ein Mann‹. Zudem einer, der privat alles andere als problemfrei ist, kriselt doch seine Ehe, und auch mit den Kindern ist nicht alles im Lot. Der Grundkonflikt von Paul zwischen romantischer Sehnsucht und professionellem Wissen um emotionale ›Übertragung‹ und ›Gegenübertragung‹ durchzieht dramaturgisch die gesamte erste Staffel.

    Auch die anderen Patienten ›haben es in sich‹: Der selbstbewusste Bomberpilot Alex kommt zwar zu ihm (am Dienstag), weil er bei einem Einsatz im Irak versehentlich eine Moschee bombardiert und damit 16 Kinder auf dem Gewissen hat. Aber der Beau ist es gewohnt, alles unter Kontrolle zu haben, und er ist nicht bereit, sich einfach so einem Therapeuten »unterzuordnen«, den er »schließlich bezahlt«. So bringt ihn Pauls Therapeutenwitz »Der Patient hat niemals Recht!« auch kurz aus der Fassung. Am Mittwoch kommt Sophie, eine 16-jährige Schülerin, die einen Autounfall hatte, den sie, wie man im Laufe der Serie erfährt, provoziert hatte. Es war nicht das erste Mal, dass sie etwas unternahm, was sich als Selbstmordversuch bezeichnen ließe … Am Donnerstag findet die Paartherapie statt: Jake und Amy wollen wissen, ob sie ein Kind bekommen oder es lieber abtreiben lassen sollen. Am Freitag schließlich geht Paul selbst zur Therapie, zu Gina, die zuletzt vor zehn Jahren seine Supervisorin war. Alex’ Vater: »Der dritte Weltkrieg wird kommen, all diese Leute, die diese Psychotherapien gemacht haben, hunderttausende Dollar dafür ausgegeben haben – sie sind die Ersten, die den Kopf verlieren werden.«

    Was die Religion dem konservativen, kriegstreiberischen Amerika an Antworten bereithält, das bietet die Psychoanalyse dem aufgeklärten, modernen und kritischen Amerika. Als Paul vom Vater seines Patienten Alex nach obigem Zitat vorgeworfen wird, dass die Gespräche mit einem Fremden nicht heilsamer sein könnten als die mit der eigenen Familie und dass die Psychotherapie seinen Sohn vielleicht sogar umgebracht habe, gerät Paul ins Zweifeln: Was nützt es, sich über sich selbst bewusst zu sein? Wäre ein völlig austherapierter Mensch nicht zwangsläufig ein paralysierter, handlungsunfähiger Krüppel? In seiner eigenen Sitzung bei Gina resümiert Paul niedergeschlagen: »Weißt du, wen ich beneide? Die Autoren. Sie entwerfen die Figuren, mit denen sie Zeit verbringen möchten. Und dann entscheiden sie, ob sie sie leben lassen oder ob sie sterben, ob sie glücklich oder unglücklich sind.« Hier wird die Spanne deutlich, in der sich »In Treatment« virtuos bewegt: ein realistisch inszeniertes Lehrstück über die moderne Psychoanalyse, bei dem durchscheinende Bezüge zur realen Welt die immersive Wirkung nicht stören – das ist etwas, was US-Autoren besonders gut können.

    Traditionell stehen die etwa zeitgleich entstandenen Disziplinen Film und Psychologie in vielfältiger Wechselbeziehung zueinander. Das reicht vom Transponieren der Traumdeutung in surrealistische Kinoavantgarde (von Buñuel bis Lynch) über die Umsetzung psychologischer Erkenntnisse bei Hitchcock bis zur Thematisierung des Analytiker-Patienten-Verhältnisses in den Komödien Woody Allens, der bereits in seinem ersten Kinoauftritt von 1965, »What’s New Pussycat?«, auf der Couch lag. Auch zu Zeiten des Stummfilms wurde das Ur-Setting von Couch und Fauteuil schon zum Filmthema: in Louis J. Gasniers Komödie »The Boomerang« (1925) und dann, ernsthafter, in G.-W. Pabsts »Geheimnisse einer Seele« (1926). Zuletzt wurde das psychoanalytische Therapiegespräch für ein weltweites Laienpublikum durch die »Sopranos« populär, deren Originalität zu einem nicht geringen Teil auf der Idee beruhte, den Mafiaboss Tony Soprano zur Therapie zu schicken – zu allem Überfluss auch noch zu einer Therapeutin! In »In Treatment« werden Psychotherapie und Darstellung in idealer Weise miteinander verschränkt, die Dramaturgie deckt sich mit dem Sujet der Serie: Auf Basis eines in der Vergangenheit liegenden Ereignisses wird das Geschehen retrospektiv aufgedeckt. »In Treatment« stellt sich so als ein analytisches Drama dar, in Tradition des pièce bien faite des 19. Jahrhunderts, also des gut aufgebauten, fünfaktigen Theaterstücks, dem die Dramen Henrik Ibsens folgen wie heute hauptsächlich der Kriminalfilm. Dabei liegt auch auf performativer Ebene eine interessante Verschränkung vor, quasi eine Spiegelung der Psychotherapie selbst: Die Therapie versucht das hinter der Fassade Liegende zu ergründen, Schauspiel versucht das verborgene Innerliche auf der Oberfläche sichtbar zu machen. Der Zuschauer von »In Treatment« wird quasi zum Therapeuten und zum Detektiv, der in den Gesichtern Geheimnisse und zukünftiges Geschehen abzulesen versucht.

    Die Besetzung, in dieser Hinsicht von besonderer Bedeutung, ist in idealer Weise gelungen: Sowohl Gabriel Byrne als professionell beherrschter Therapeut als auch Glynn Turman (Alex’ Vater) und Mia Wasikowska (Sophie) zeigen Meisterleistungen des nuanciert psychologischen Schauspiels, ohne in Manierismen des Method-Acting zu verfallen. Deswegen kann es sich »In Treatment« auch leisten, auf spektakuläre filmische Mittel zu verzichten. Die Gespräche sind meist streng nach dem traditionellen Schuss-Gegenschuss-Verfahren gefilmt und montiert, es überwiegen nahe und halbnahe Einstellungen. Nicht zuletzt ist es verblüffend, wie hier in einer Phase umfassender Re-Medialisierung, also der Verschiebung der Schwerpunkte in der Medienwelt vom Kino und dem traditionellen Fernsehen hin zu Kabel-TV, DVD und Internet, und zugleich der revolutionäreren Innovation der Erzähltechniken und Autorenschaft im Bereich des ›Quality-TV‹, die Rückbesinnung auf bestimmte Traditionen und die Reduktion der Mittel einen bedeutenden Beitrag zu ebendieser Revolution zu leisten imstande sind – und damit auch, lustigerweise, zur Rettung des Abendlands im Sinne des Kulturpessimismus.

 

Ab dem 15. Februar 2010 zeigt 3Sat die erste Staffel »In Treatment« zwei Wochen lang von Montag bis Freitag in jeweils halbstündigen Doppelfolgen ab 21:00 Uhr, danach Mittwochs ab 22:25 Uhr in Doppelfolgen.

»In Treatment« (Season One), USA 2008, Regie u. a. Rodriguez Garcia, geschrieben von Rodriguez Garcia, Amy Lipman u. a., mit Gabriel Byrne, Dianne Wiest, Michelle Forbes u. v. a., 1.290 Min., 9 DVDs (HBO), UK-Import
»In Treatment« (Season Two), USA 2008, div. Regisseure, mit Gabriel Byrne, Hope Davis, Mike Doyle, Glynn Turman u. v. a., ca. 850 Min., 7 DVDs (HBO), US-Import

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