Fantas Schimun

Variationen über die Freiheit eines anderen

Text: Max Dax, Wibke Wetzker, Thomas Hübener

Fantas Schimun Variationen über die Freiheit eines anderen Tonträger Pop-Briefing Spex #324    DAX: Fantas Schimun kommt aus Wien, und die erste Assoziation, die sich beim Hören ihres Debütalbums einstellt, ist eine freundliche: Sie beschreitet ebenso experimentelle wie pop-affine Wege wie die in London lebende Brasilianerin Cibelle. Sie singt auf Deutsch und auf Englisch. Ihr Minimalismus erfordert viel Aufmerksamkeit – auf »Variationen über die Freiheit eines anderen« hören wir kaum mehr als ihre Stimme, eine Akustikgitarre und gelegentliche, an Yo La Tengo erinnernde Gitarren-Feedbacks, manchmal auch den Sound einer Drum-Machine. Doch wird der Hörer belohnt: Die oft unvorhersehbaren Harmoniewechsel und Arrangements entfalten sich bei mehrmaligem Hören, sie bleiben hängen. Zerstörung und Aufbau von Schönheit stehen hier nah beieinander.

    WETZKER: Einige Elemente wirken dennoch sehr aufgesetzt. Der Noise-Schluss etwa bei dem Song »Schlager d’amour« funktioniert wie ein Kontrapunkt zum vorangegangenen süssen Gesang, als wolle sie dem Verdacht, womöglich einfach nur hübschen, gebrochenen Jazzpop zu machen, vorauseilend etwas Krach entgegensetzen. Dann betitelt sie das Ganze noch naseweis mit »Schlager«, um kenntlich zu machen, dass sie weiß, was sie tut. Auch die Einspielungen von Vogelgezwitscher und durch den Stereomix ratternden Zügen wollen nicht so recht mit der Musik harmonieren, stören das Popkonzept aber auch nicht konsequent genug. In atmosphärischen Werken wie der Konzeptplatte von Soap & Skin entstanden durch Field-Recordings dieser Art düstere Klangwelten, bei Fantas Schimun fehlt diese Schlüssigkeit.

    DAX: Zum Vogelgezwitscher ist zu sagen, dass es eben kein Field-Recording ist, sondern ein verzerrter Loop, der nur so klingt wie Vogelgezwitscher. Das muss man nicht toll finden, ist aber etwas völlig anderes als ein ausgestellter Naturalismus. Tatsächlich sticht aber der Vergleich mit Soap & Skin: Fantas Schimun formuliert eine autarke (weibliche) Autorenposition. Man könnte auch Gustav ins Gespräch werfen, interessanterweise sind alle drei Österreicherinnen. Fantas Schimun hat ein Album aufgenommen, das als modernes Folkalbum bewertet werden muss. Und daraus ergeben sich neue Fragen: In welcher Tradition bewegt sie sich? Sind die Soundscapes und die Abstraktionen, die sie bewusst einbringt, störend oder im Gegenteil nicht eher öffnend?

    HÜBENER: Eine verletzliche und wohl auch verletzte weibliche Singer/Songwriter-Sensibilität singt intimistisch eigentlich immer nur über zweierlei: den abwesenden Typen und die Unmöglichkeit der Liebe. Da sie weiß, dass man als ab- und aufgeklärte Postmodernistin nicht einfach so daherwimmern kann, stehen hier alle Signale auf Gebrochenheit. Es ist wie in Ecos »Nachschrift zum Namen der Rose«: Man weiß, dass man nicht mehr sagen kann: »Ich liebe dich.« Will man es dennoch sagen, muss man stattdessen zitieren und beispielsweise sagen: »Wie Liala, die Kitschromanautorin jetzt sagen würde: ›Ich liebe dich.‹« Man hätte also gesagt, was gesagt werden sollte, und sich gleichzeitig von der anachronistischen Form distanziert: Das ist das Tolle am Zitat.

    DAX: Die Texte verblassen in ihrer bemühten Cleverness leider hinter dem grandiosen Plattentitel »Variation über die Freiheit eines Anderen«. Das hier gegebene Versprechen wird nicht eingelöst, wenn es seltsam unsicher heißt: »Fear must die / You know it will take a while / Fear must die to / Paint the picture called / You and I« (in »Schlager d’Amour«). Das Gleiche ist der Fall, wenn sie auf Deutsch singt: »Mit mir sein / Zerstörtes Ich sein / Du du sein / Von dir verdaut sein / Ich bin allein allein / Kann nicht mehr M-ich sein« (in dem Song »Egal«). Schimuns Wortspiele verlieren enorm viel von ihrem Charme, wenn man sie liest, statt sie als Singsang zu hören.

    HÜBENER: Vermutlich will Fantas Schimun wirklich die Liebe besingen und den einen Mann, dessen Rolle ja auch die ist, dass man nicht alleine sterben will. Aber sie steht sich mit ihrer Schlauheit auch im Weg, sie scheint eben doch nicht aus ihrer Haut zu können und singt daher nicht einfach über Blumen, Tiere oder Schaltkreise. Das wäre ja eine Option. Das wäre ein Weg in die Abstraktion, eine Ausbruchsmöglichkeit aus der eigenen, neurotischen Selbstbezüglichkeitsfalle. Dabei ist Schimun eigentlich richtig gut! Ihre Vorbilder sind mit Sicherheit die Quarks, Ella Fitzgerald, Vincent Gallo und Beth Gibbons.

    DAX: Schimuns akustisches Pop-Album erscheint übrigens als Doppelpack gemeinsam mit einem musikalischen Hörspiel über ›Easy Rocket‹-Weltraumreisen zum Mars mit dem Titel »Der Himmel ist blau, vielleicht«. Das hört man sich genau einmal an – und dann nie wieder.

 

LABEL: ZickZack | VERTRIEB: Broken Silence | : 22.01.2010

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