Zeitreise in synthetischer Klarheit

Cold Cave

Text: Ralf Krämer

Das Schreien hat ein Ende. Als würde der historische Übergang von Punk zu Wave als Blaupause für seine persönliche Entwicklung herhalten, hat Wesley Eisold aus Philadelphia dem Hardcore seiner früheren Bands Give Up The Ghost und Some Girls laut Servus gesagt. Nun singt (!) er richtig, zum Beispiel Zeilen wie »Look outside, world is exploding / Stay inside, so never knowing« im Titeltrack des Cold-Cave-Debütalbums »Love Comes Close«. Man versteht jedes Wort. Eine Melodie ist nicht nur erkennbar, sie wird durch ihre Wiederholungen sogar manifestiert. An die Stelle des Gitarrengewitters ist synthetische Klarheit aus Yamaha- und Casio-Keyboards getreten.

Cold Cave Eva Tuerbl Spex #324 Vorschub
Keine Formation der Gegenwart: Dominick Fernow, Caralee McElroy, Wesley Eisold als Cold Cave (v.l.n.r.)
Foto: © Eva Tuerbl / Spex

    Eisold phrasiert weltentrückt cool, melancholisch, neuromantisch – wie Ian Curtis, aber entspannt. Ist das ein musikalischer Wellness-Urlaub nach einem berufsbedingten Hörsturz? Eisold verneint: »Ich wollte einfach mal alleine Musik machen, ohne auf die Hilfe von anderen angewiesen zu sein.« Er zog sich zum Home-Recording zurück, mit Synthesizern und Drum-Maschine. Heraus kamen neun Songs, denen raffiniert mit leichten Klang- und Beat-Verschiebungen eigene Identitäten zugeeignet wurden, die aber im Ganzen ein stilechtes Wave-Album bilden. Es klingt, als sei es tatsächlich vor einem Vierteljahrhundert entstanden. Entsprechend empfindet Eisold sein nun doch zur Band ausgebautes Projekt Cold Cave nicht als Formation der Gegenwart.

    »Zeitreisen sind möglich«, kommt es ihm in den Sinn, wenn er mit den beiden Multi-Instrumentalisten Caralee McElroy (vorher bei Xiu Xiu) und Dominick Fernow etwa »Heaven Was Full« performt – als würde Fad Gadget über einem frühen Demo von Human League seine Stimme in den Hall erheben. Frühes Demo deshalb, weil das Schöne an Cold Cave auch in ihrer Haltung liegt. Man meint hier Musikern beim neugierigen Austesten, beim spielerischen Staunen über neue Möglichkeiten zuzuhören – nicht beim abgebrühten Recyceln altbewährter Muster.

 

»Love Comes Close« von Cold Cave ist bereits erschienen (Matador / Beggars / Indigo), im Mai spielen Cold Cave einige Konzerte in Europa.


VIDEO: Cold Cave - Life Magazine
Regie: Aaron Brown, Ben Chappell

Cold Cave Live:
16.05. Hamburg - Uebel & Gefahrlich
20.05. Berlin - Bang Bang Club
21.05. Offenbach – Hafen 2
22.05. CH-St. Gallen - Theater Palace
23.05. CH-Fribourg - Fri-Son

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1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Nicht ausruhen!:

    [...] stammende Gruppe veröffentlichte im Winter letzten Jahres zwar auch ein Album – die eiskalte Synthesizer-Punk-Platte »Love Comes Close« –, ruhte sich anschließend aber nicht auf guter Presse und Publikumszuspruch aus, [...]

     
 
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