Four Tet

There is Love in You

Text: Aram Lintzel, Jan Kedves, Andreas Reihse, Michael Lutz

Four Tet There is Love in You Pop-Briefing Spex #324    LINTZEL: Ein gutes Album mit einigen Überraschungsmomenten und interessanten Wechseln und Schwüngen in der Klangarchitektur. Four Tets knöcherner Avant-Funk erzeugt an manchen Stellen eine fast schon klaustrophobische Enge, die dann an entscheidenden Stellen in ein sehnsuchtsvolles Unendliche-Weite-Feeling hinübergleitet. Das kann man auch kitschig finden, vor allem wenn allzu proggig aufgefahren wird. Aber aus den Sackgassen, in die eine zu selbstgewisse Virtuosität gerät – Drum’n’Bass konnte ein Lied davon singen – hat Four Tet gelernt. Außerdem ist die Kitschproduktion längst nicht die ganze Geschichte: Cut-up-House-Momente, knackig festgezurrte Beats, Trashfilm-Sounds, gespenstische Gesangsfetzen, Alice-Coltrane-haftes und undefinierbare (Innen-)Körperklänge schaffen einen Flow der Fragmente, in den man gerne eintaucht. Fragt sich nur, welche Liebe im Albumtitel gemeint ist: die intime oder die universelle? Die Musik gibt darauf keine Antwort, denn ohne sich festzulegen, changiert sie zwischen öffentlicher und privater Semantik, zwischen Rave und Salon sozusagen.

    REIHSE: Schön gesagt! Erstaunlich leichtfüssig und elegant für den sonst oft schlaumeierischen, progressiven Kieran Hebden von Fridge alias Four Tet.

    KEDVES: Weiß man eigentlich Genaueres über Kieran Hebdens Rave- und Ecstasy-Jugend? Die erste Hälfte dieses Albums klingt zumindest so, als verarbeite der Mann hier Flashbacks an die Open-Air-Raves und Chill-out-Lounges der frühen Neunziger. Sprich: Man fühlt sich an die Momente erinnert, die früher halbesoterische Techno-Tracks wie Orbitals »Halcyon« oder Opus IIIs »It’s a Fine Day« herstellten, beide mit den Vocals der ätherisch armwedelnden Kirsty Hawkshaw. Oder, später, auch Blaze’ »Lovelee Dae« – es stellt sich hier eine Art unpeinlicher ›Wir haben uns alle lieb‹-Effekt ein. Hebden verwendet zwar ein gedrosselteres Tempo und ein akustischeres Klangrepertoire – aber die Wirkung ist dieselbe. Insofern lässt sich die Frage, welche Liebe im Titel gemeint ist – die ›intime‹ oder die ›universelle‹ –, wohl auch so beantworten: Es gibt nur eine. Und zwar die, die warm nach innen und außen strahlt, wenn man den Finger tief ins MDMA-Tütchen gesteckt hat.

    LUTZ: Die früheren Arbeiten von Kieran Hebden ließen sich als Genre-Exercises in Folktronica, freier Improvisation und kosmischem Jazz katalogisieren. Auf »Rounds«, dem dritten Album aus dem Jahr 2003, kanalisierte Hebden dann seine Ansätze in eine beispiellos progressive Suche nach neuen Klang- und Rhythmusschemata. Wenn zum Ende dieses Jahrzehnts die defi nitiven Platten der nuller Jahre zusammengetragen werden, muss »Rounds« auf jeden Fall genannt werden. Was danach kam, war im Vergleich dazu zwar etwas langweiliger, wurde dem Tüftler ob dieses visionären Wurfs aber gerne verziehen. Nun hebt Hebden mit »There Is Love In You« zu einem neuen Gipfelsturm an. Die dem Album entnommene 12-Inch-Single »Love Cry«, deren physische Version internationale Online-Retailer bezeichnenderweise schon während der Pre-Order-Phase ausverkauften, ist eines der wunderbarsten Stücke in Four Tets gesamtem Repertoire: Aus einem dumpf-flirrenden Fundament schält sich nach und nach eine subtile Melodielinie heraus, die sich zur Mitte des über neun Minuten langen Tracks zu einem ekstatisch agitierenden Schrei (dem »Love Cry«) aufschwingt. An dieser Stelle nimmt Hebden auch den Bassfilter raus – was in der Club-Situation garantiert den totalen Freak-out einfährt. Man hat buchstäblich das Gefühl, dass diese Musik Vitalität in die Adern pumpt. Dass Kieran Hebdens Sound nicht längst zum akustischen Wallpaper verkommen ist, hat einen einfachen Grund: Er ist zu schwer zu kopieren.

 

STREAM: Four Tet - There is Love in You

LABEL: Domino Record Co | VERTRIEB: Indigo | : 29.01.2010

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