Die Unbeholfenheit ist passé

Hot Chip One Life Stand CoverWenn jetzt aller Orten darüber gegrübelt wird, was uns aus dem vergangenen Jahrzehnt erhalten bleibt, dann wird die Bilanz ziemlich mies ausfallen: Terror, Klimawandel, Kriege und Krisen. Da kommt »One Life Stand« gerade recht, das vierte Album von Hot Chip, die wie keine andere Band für einen positiven Trend der Nullerjahre stehen: den Aufstieg des Nerds.

    Hot Chip, die »Band total neuen Typs« (vgl. Spex #312), wurde 2000 gegründet, einige Jahre nach Google und einige Jahre vor Facebook. Diese Verortung ist nicht ganz beliebig, denn während die Unternehmer-Nerds das Jahrzehnt wirtschaftlich prägten (ohne dabei halb soviel Häme abzubekommen wie zuvor noch Bill Gates), halfen Hot Chip mit, die Ökonomie der Coolness umzukrempeln. Das Ergebnis: Heute sind Schnurrbärte, dicke Brillengestelle und digitale Armbanduhren Szene-Insignien. Und auch das Kokettieren mit dem Strebertum, wie es zum Nerdtum dazugehört, ist zum Muss geworden – was nichts so gut zeigt wie »Going Rogue«, die Biografie der weltweit führenden Anti-Intellektuellen Sarah Palin, in der sie sich mehrfach selbst als Nerd bezeichnet. Und was macht der Ur-Nerd? Der freut sich, denn er wollte er ja schon immer populär sein. Außerdem freut er sich, dass alle nach seiner neuen Platte tanzen.

    Sie wollten nur Popmusik machen, sagten Hot Chip beharrlich, wenn sie mal wieder für ihre Zusammenführung von Indierock und Minimal House gefeiert wurden. Mit »One Life Stand« ist ihnen nun ihre mit Abstand poppigste Platte gelungen. Zwei Jahre nach »Made in the Dark« haben Hot Chip das Studio ausgefegt und ihr Soundrepertoire sortiert. Die behauptete Unbeholfenheit, die sie modisch zu ihrem Erkennungszeichen gemacht haben und die bisher auch musikalisch immer wieder durchschlug, ist passé. Keine verstolperten Beats mehr, kein inszeniertes Amateurgebastel. Auch der krude Humor gehört der Vergangenheit an, mit dem die Band bei »Shake a Fist« plötzlich den Track unterbrach und ansagte: »Bevor es hier weitergeht, zeige ich euch ein Spiel. Es heißt ›Geräusche aus dem Studio‹.« – und dann folgte eine Minute lang Noise.

    Interessante Geräusche sind auf »One Life Stand« immer noch zu hören, aber sie sind viel vorsichtiger eingesetzt: Euro-Trash-Anleihen bei »I Feel Better«, gedämpfte Bläser und Chorproben-Vocals bei »Slush«, ein exzentrischer Beat bei »We Have Love«. Die Kompositionen sind immer noch komplex, aber nicht mehr so wild zusammenschraubt. Sie bauen auf ein solides Gerüst aus Schlagzeug, Bass und Keyboards auf. Hot Chip klingen dieses Mal noch mehr nach einer Band als nach einem Schlafzimmerprojekt. Und das komplette Album läuft mit sanfter Dramaturgie durch, glatter und gemäßigter als die Vorgängeralben. Kurz: Hot Chip haben eine Platte aufgenommen, die Bewohner von Altbau-WGs 2010 vor echte Herausforderungen stellen wird: Zum Abendessen was von The Whitest Boy Alive, oder doch lieber »One Life Stand«? Das geht soweit, dass auf »Alley Cats« die zweite Gesangsstimme dann auch nach Erlend Øye klingt, dem schärfsten Mitbewerber um den Titel des Alpha-Nerds. (Es passt zu Hot Chip, dass sie Berichten zufolge auf ihrem Album stattdessen mit dem Progrocker Charles Hayward von den legendären This Heat kollaboriert haben.)

    Droht also die maximale Enttäuschung für alle gestandenen Hot-Chip-Fans? Bedingt. Wer an Hot Chip bisher mochte, dass man so schön auseinanderlöten konnte, was die Herren zu ihren Tracks verbaut hatten, der wird auch bei »One Life Stand« auf seine Kosten kommen, nur muss er diesmal eben etwas genauer hinhören. Auch die Texte tänzeln immer noch mit subtiler Ironie um ihre Referenzen: »I only want to be your one life stand«, heißt es im Titelsong, »tell me, do you stand by your man?« Der Gesang bleibt sanft gehaucht, am oberen Ende der Oktave wird er schön brüchig. Und »Brothers«, das zärtlichste Liebeslied, ist natürlich keinem Mädchen, sondern den Kumpels gewidmet. Nicht zuletzt ist »One Life Stand« also ein Album voller kleiner, feiner Hits. Der Durchmarsch des Nerds ist gelungen, das Jahrzehnt hiermit offiziell beendet.

 


VIDEO: Hot Chip – One Life Stand


STREAM: Hot Chip – One Life Stand (Carl Craigs PCP Remix)


STREAM: Hot Chip – One Life Stand (Joris Voorn Dusty Flower Remix)

»One Life Stand« von Hot Chip erscheint am 29. Januar 2010 (Parlophone / EMI), Spex präsentiert ihre Tour im März:
10.03. Köln – Live Music Hall
11.03. Hamburg – Uebel & Gefährlich
12.03. Berlin – Astra Kulturhaus
14.03. Frankfurt – Mousonturm