Get Well Soon

Vexations

Text: Jan Kedves, Wibke Wetzker, Max Dax, Ralf Krämer

Get Well Soon Vexations Tonträger Pop-Briefing Spex #324    KEDVES: Konstantin Gropper alias Get Well Soon begeht den Fehler, die Idealspiellänge von Alben zu missachten. 14 Tracks, die hier zusammen eine Spieldauer von über einer Stunde ergeben – ein nachvollziehbarer Spannungsbogen will da nicht erkennbar werden. Man muss es wohl als Hinweis darauf werten, dass der Künstler zu verliebt ist in sein eigenes Schaffen. Auch von schwächeren Songs kann er sich nicht trennen. Dabei hilft in solchen Fällen noch immer die Devise: Kill your darlings.

    WETZKER: Als jemand, der einen Abschluss an der Popakademie Mannheim in der Tasche hat, sind ihm diese goldenen Regeln aber gewiss bekannt, und er bricht sie wissentlich. Das Album präsentiert sich wie ein prallst gefülltes Tagebuch mit vielfachen Querverweisen und Zitaten. Das musste ja aus allen Nähten platzen.

    DAX: Nicht jedes Zitat ist zielführend. Allein der Titel des Albums ist eine Anmaßung – und als ob sich Gropper dessen bewusst wäre, spielt er gleich im ersten Song »Nausea« bei Minute 2:47 demütig das Motiv einer »Vexation« von Erik Satie auf einem Glockenspiel nach. Dabei ist dieser erste Song in seinem Wunsch nach internationaler Weichheit irgendwie auch sympathisch, die Musik ist beeindruckt von den stillstehenden Filmmusik-Kompositionen Eleni Karaindrous, aber auch vom schmierigen Pathos Thom Yorkes. Das geht in der Kombination natürlich nicht gut, es kann nicht gut gehen.

    KEDVES: Es ist also Schlaumeiermusik der schlimmsten Sorte?

    DAX: Es ist vor allem Namedropping der schlimmsten Sorte. Gropper diktiert in jedes Mikrofon, dass sein Album ein »Konzeptalbum zum Thema Stoizismus« sei und mindestens die folgenden Bezüge aufweise: »Werner Herzog, Seneca, Georg Büchner, Homer, Peter Sloterdijk, Elisabeth Kübler-Ross, Sartre, die neuesten Erkenntnisse der Konfliktforschung, die Frage, ob Zorn ein menschlicher Grundzug ist, sowie die Angst eines jeden Künstlers vor der Irrelevanz (durch die Augen von Moby Dick betrachtet).«

    KEDVES: Interessant und merkwürdig zugleich ist, dass es bei den Bläserarrangements, etwa in dem besten Song des Albums, »5 Steps / 7 Swords«, stets unklar bleibt, ob sie vom Balkan stammen oder ob es sich um Südstaaten-Trauermärsche handelt.

    DAX: Die Kombination aus zu vielen Songs, zu vielen Ideen und zu viel Können, außerdem Groppers vor Pathos gelegentlich triefende Stimme – diese Designer-Cleverness ist schon fast tragisch, angesichts dieses einen fantastischen Songs, den er 2008 auf seinem super Album »Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon« veröffentlicht hatte: Der Song hieß »If this Hat Is Missing I Have Gone Hunting« und bestach durch seine unverfrorenen Cheerleader-Chöre. Hier, also vor zwei Jahren, schien Gopper noch eine wirkliche ›Direction‹ zu haben, er konnte sich tatsächlich auf sich selbst als seinen eigenen Regisseur noch verlassen.

    KRÄMER: Im Vergleich zum Debüt erstaunt Groppers gleichmütiger Gesang. Ja, er entsetzt fast. Stoa hin oder her. Er hat Hand und Ohr für Atmosphäre, bis dato aber nur für eine einzige, was wiederum im erstaunlichen Gegensatz zur Reichhaltigkeit seiner Arrangements steht. Hier passiert sehr viel, klingt aber am Ende wie ein Nachhall von James Last, der Element of Crime zu einer Art Weihnachts-Musical verarbeitet. Ohne Heilige Familie freilich, menschenleer.

    WETZKER: Kennt jemand Get Well Soons Cover des Roxette-Songs »It Must Have Been Love«? Wenn Roxette im Original so geklungen hätten, hätte man nie dazu feiern, tanzen und knutschen können, man hätte einsam und traurig in der Ecke gesessen.

    KEDVES: Get Well Soon sollte sich aufs Produzieren von Songs konzentrieren und jemand anderem das Zusammenstellen dieser Songs zu knackigen EPs überlassen.

    DAX: Und dieser jemand kann man ja selbst sein: Man stellt sich aus dem Überfluss eine EP mit den Stücken »We Are Free«, »Red Nose Day«, »That Love« und vor allem »5 Steps / 7 Swords« zusammen, die zusammengenommen ein tolles, kurzes Album abgegeben hätten. Denn auf diesen vier Songs hat Gropper seine Emotionen insofern im Griff, als dass er sie zwar zulässt, aber eben nicht zum Klischee ihrer selbst verkommen lässt.

 


VIDEO: Get Well Soon - Angry Young man
MP3: Get Well Soon -
5 Steps / 7 Words

LABEL: City Slang | VERTRIEB: Universal Music | : 22.01.2010

Diesen Artikel kommentieren?

Du musst dich anmelden, um einen Kommentar schreiben zu können.

Solltest du noch kein Benutzerprofil haben, so kannst du dich hier registrieren. Bitte beachte: wir schätzen die Debatte, allerdings bevorzugt mit echten Menschen. Dein Username sollte daher aus Deinem vollen Namen, wenigstens aus Deinem Vornamen bestehen.

1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Blog vs. Print: Aber wer ist Charles Bronson? « Four sheets to the wind in Copenhagen:

    [...] um sich die Hilflosigkeit dieses Unterfangens vor Augen zu führen, reicht es schon, sich das „Pop-Briefing“ über Get Well Soons neue Platte Vexation durchzulesen. Vier Autoren „diskutieren“ die LP, [...]

     
 
MySpex
Willkommen auf Spex.de
Du bist derzeit nicht angemeldet.
Um Artikel kommentieren zu können, musst du dich registrieren bzw. anmelden. Solltest du bereits auf Facebook registriert sein, so kannst Du auch diesen Login nutzen.

Login
Registrieren
 


Spex International
Read more English Spex articles

Blogs

-->