Fortsetzung der Romantik mit den Mitteln von Techno

Pantha du Prince

Text: Philipp Ekardt, Jan Kedves

Sein ganz eigener Sound-Entwurf zwischen Klangforschung und romantischer Motivik hat Hendrik Weber alias Pantha du Prince in der Welt der Clubs zum Star gemacht. Nun hat der Produzent sein neues Album »Black Noise« fertiggestellt. Statt auf seinem Stammlabel Dial erscheint es bei Rough Trade: Geoff Travis war ein so großer Fan des Vorgängers »This Bliss«, dass er Weber anbot, den Nachfolger zu veröffentlichen. Tatsächlich ist »Black Noise« ein großer Wurf. Auf dem Album verbinden sich hyperreale Glockensounds und das Schaben eines Schweizer Schuttbergs, der einst ein ganzes Dorf begrub, zu gespenstisch alpinem Eiskristalltechno.


Fotos: © Dominic Dupont / Spex

Mit der Romantik und dem Techno ist es so eine Sache: Das streng funktionalistische Prinzip und die kalte Ästhetik des Sounds scheinen mit landläufigen Ideen von Romantik nur schwer vereinbar. In den Produzentenstudios dominiert heute dennoch Romantik, in Form von Maschinenliebe und Detroit-Sehnsucht. Um die alten Helden aus der großen Stadt der Industrieruinen ist ein gehöriger Kult entstanden, genauso um die groovenden Silberkistchen der Marke Roland. Gemeinsam bilden Mensch und Maschine eine kanonische Konstellation, auf die sich Technoproduzenten beziehen, und die sie nach Belieben sampeln und kopieren können, ohne als einfallslos zu gelten. Im Gegenteil: Je originalgetreuer heute eine Kevin-Saunderson- oder Mad-Mike-Emulation, desto höher angesehen ihr Erzeuger. Noch paradoxer wird es, wenn sich beschriebener Ahnenkult mit ungebrochener Wald- und Wiesenromantik verbindet. Beispiel Dominik Eulberg: Er posiert mit Jägerhut im deutschen Mischwald und nennt seine von Komplexität vollständig befreiten Tracks »Die Wildschweinsuhle« oder »Heimische Gefilde«.

    Der Produzent Hendrik Weber, früher Bassist bei der Hamburger Band Stella, steht mit seinem verwegenen Pseudonym Pantha du Prince für einen romantischen Techno der völlig anderen Sorte. Weber sucht nicht die Blaue Blume in imaginierten postindustriellen Landstrichen, und auch in Heimatszenarien à la Eulberg verirrt er sich nicht. Seine Technostücke, die er selbst als für das »Setting Club« produzierte »abstrakte elektroakustische Musik« betrachtet, funktionieren, obwohl – oder gerade weil – sie die Funktionalitätsstandards des Techno häufig missachten.

    Statt etwa in Track- oder Song-Strukturen zu arbeiten, baut Weber seine Stücke aus bis zu sechs symphonisch ineinandergreifenden Motiven auf, er verwendet Sounds, deren Ursprung außerhalb des üblichen Techno-Referenzrahmens liegt, und er setzt Breaks nicht an gelernte Stellen, sondern platziert sie quer, sodass euphorisierende Vergemeinschaftungsreflexe nicht bedient werden. Schon sein vielgelobtes Album »This Bliss«, erschienen 2007 auf Dial, erweckte dabei den Eindruck von romantischem Konzeptualismus. Es enthielt mit »Saturn Strobe« einen melancholischen Klassik-Techno-Hybriden, den Weber erzeugte, indem er über einer Bassdrum solange die Hallfahnen eines Stücks des zeitgenössischen britischen Komponisten Howard Skempton übereinanderschichtete, bis in dem Track nicht mehr das BBC Symphony Orchestra zu hören war (von dem die Samplevorlage stammte), sondern nur noch dessen ›Geist‹. Die kulturhistorische Phase der Romantik habe ihn tatsächlich durch und durch erschüttert, bestätigt Weber: »Entgrenzung, Weite, Sehnsucht: An diesen Motiven werde ich mich wohl immer abarbeiten. Es geht mir aber auch um einen Bruch mit der plattitüdenhaften Romantik-Auffassung, die gemeinhin herrscht. Ich will in meiner Musik Zerklüftungen sichtbar machen, Paradoxien herausarbeiten, nicht einer Volkstümlichkeit verfallen.«

Pantha du Prince Dominic Dupont Spex #324    Zur Erinnerung: In der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik – etwa zwischen 1800 und 1840 – begann man in Deutschland, später auch in England und Frankreich, sich für eine Öffnung der vorher geschlossenen klassizistischen Form zu begeistern. Sie vollzog sich über unendliche Verdopplung und Reflexionen. In der romantischen Literatur und Kunst beginnt man zu dieser Zeit, Figuren in Doppelgängern und wandernden Schatten zu spiegeln. Ornamente umspielen das Kunstwerk und verwischen seine Umgrenzung. Die Himmel auf Landschaftsgemälden – am berühmtesten die von Caspar David Friedrich – reißen auf in ungekannte Weiten. Paradoxe Existenzen wie Geister und Gespenster werden geliebt, gerade weil sie in unentschiedenen Zuständen – sind sie eingebildet oder tatsächlicher Spuk? – verharren. Solche Ambivalenzen werden nicht aufgelöst. Sie sind Bestandteil der romantischen Ästhetik, die zwischen Naturbetrachtung und hyperartifziellen Konstrukten schwankt.

    Hört man Hendrik Weber über seine Methoden der Klanggewinnung reden, fühlt man sich an solche Konzepte stark erinnert. So erzählt der Sohn aus einem hochmusikalischen Kasseler Elternhaus (Mutter: Klavierlehrerin, Vater: Chorsänger und Cellist), zur Soundgewinnung für sein neues Album »Black Noise« sei er mit zwei Musikerfreunden, Stephan Abry und Joachim Schütz, ins Zürcher Oberland gefahren, um sich dort in einem Haus einzuquartieren, das am Rande eines Schuttbergs steht, der 1816 ein komplettes Dorf unter sich begrub. Auf Expeditionen in die Natur hätten sie ihre Field Recorder angeschaltet und auf die Magie des Moments gewartet; oder die Magie selbst herbeigeführt, etwa, indem sie sich mit einer mitgebrachten E-Gitarre in den Wald stellten, die Saiten mit einem sogenannten E-Bow elektromagnetisch in Schwingung brachten und den so erzeugten im Wald stehenden Ton aufnahmen. Weber spricht im Zusammengang mit diesem Versuchsaufbau von »mehrfachen Faltungen von Zeichen, die sich irgendwann in Klang verlieren« – in fiesem Klopfen, in unbändigem Dröhnen, in wilden Frequenzspektren. Um aber nicht als Folktronic-Fetischist missverstanden zu werden, der seinen Platten ein Handbuch zu Quellen und exakter Bedeutung seiner Sounds beilegt, betont Weber auch, die im Berg eingefangenen Klänge hätten ihm nur als Rohmaterial gedient. Für ihre Verwendung im Clubkontext hätten sie »viel zu sehr auf der Naturseite« gestanden.

    In seinem Studio in Berlin zog er sie in sein Physical-Modeling-Programm, um sie zu morphen, zu shapen und zu modellieren. »Die Idee hinter diesem Prozess war, dass zwar jeder Klang, der auf dem Album zu hören ist, seine eigene Geschichte haben soll«, sagt Weber, und hier ist er ganz an Form und Material arbeitender Künstler: »Ich wollte die Klänge aber nicht roh belassen. Ich wollte sozusagen ihren Ursprung für den Club digital konservieren – und sie gleichzeitig in Künstlichkeit überführen.«

    Hört man nun das fantastisch gelungene Album »Black Noise«, gewinnen Webers Ausführungen sofort an Anschaulichkeit. Selten hat man Techno gehört, der die technologischen Aspekte seines Klangbilds so stark transzendiert, ohne dabei in Esoterik anzukommen. Das Album enthält klirrenden, von feinen Glöckchensounds zum Funkeln gebrachten und zugleich von düster-grollenden Bassmassiven durchfurchten Eiskristalltechno, der unter einen sternenklaren Himmel auf einem Alpengletscher genauso gut passt wie auf den Berghain-Floor. Die Gratwanderung zwischen alpinem Panorama und virtuellem Sounddesign gelingt, ganz besonders bei dem Stück »Stick to My Side«, in dem sich die Geräusche aufeinander schabender Steine zu einem Sound verbinden, der mit der Faszination der historischen Romantik für geologische Formationen und tektonische Dynamiken korrespondiert, wie man sie in den alpinen Gemälden Friedrichs oder den Berggedichten eines John Keats findet. Faszinierte an diesen Sujets damals, dass sie Zeitverhältnisse weit jenseits der Beobachtungsspanne eines Menschenlebens freilegten, so abstrahiert Weber sie nun zu Elementen seiner die Zeit dehnenden Stücke, die gerade nicht auf irgendeinen ›Natur-Ursprung‹ zurückführen.

    Stattdessen entfaltet seine abstrakte elektronische Clubmusik eine Suggestionskraft, sodass man tatsächlich meint: Ja, so könnte man zum Klang von Felsen tanzen, wenn die Zeitskalen andere wären und wenn Gebirge sich zu klopfendem Puls auftäten. Man hört hier die Fortsetzung der Romantik mit den Mitteln von Techno. Auch, dass auf »Stick to My Side« zum ersten Mal im Pantha-du-Prince-Kosmos Gesang zu hören ist, fügt sich gut: Noah Lennox alias Panda Bear von Animal Collective klingt in dem Stück nicht mehr wie ein Beach Boy, sondern wie ein melancholischer Schlittengeist, dessen Lied nachts über den Gletscher weht. Kraft seines Titels bietet »Black Noise« auch noch eine ganz andere Erzählung: die des ominösen ›Schwarzen Rauschens‹, das – als unheilvoller Bruders des ›Weißen Rauschens‹ – unterhalb des Frequenzbereichs des menschlichen Ohres von Erdverschiebungen und nahenden Fluten kündet und die Tierwelt vor Unheil warnt, während der Mensch von Lawinen überrollt oder von Erdbeben verschluckt wird. Ins romantische Bild passt das perfekt. Außerdem bringt Weber auf »Black Noise« noch zwei eher unvermutete Motive der historischen Romantik gegeneinander in Stellung: den zweifelhaften Nationenbegriff und die Ironie. Während in der romantischen Epoche aus den Staaten Europas sich abkapselnde ›Völker‹ mit ›Heimat‹ wurden, zogen im romantischen Kunstwerk ironische Doppeldeutigkeiten ein.

    Ein Blick auf das Cover von »Black Noise« genügt und beide Themen sind präsent: Weber hat dort ein Ölbild des Malers G. Soller appropriiert, es zeigt den Königssee im Berchtesgadener Land, mit Kirche am Ufer, einsamem Paddlerpärchen auf dem Wasserspiegel und dem Watzmann im Hintergrund. Weite, Spiegelmotiv, Religion, deutsches Nationalheiligtum: alles dabei, was die Romantik an Sujets bietet. Die Ironie interveniert jedoch im Detail am oberen Rand des Bildes. Hendrik Weber grinst: »Im Grunde zeige ich auf dem Cover die Entmannung der deutschen Nation – dadurch, dass ich dem Watzmann die Spitzen abgeschnitten habe«.

 

»Black Noise« von Pantha du Prince erscheint am 5. Februar 2010 (Rough Trade / Beggars / Indigo). Am heutigen Freitag, den 22.01.2010, spielt er im Rahmen von Spex Live im Hamburger Club Uebel & Gefährlich, in deren Rahmen Pantha du Prince das Album mit einem Live-Set vorstellen wird, sind ab Mitternacht Karten an der Abendkasse erhältlich. Weiter aktuelle Live- und DJ-Termine von Pantha du Prince finden sich hier.

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2 Kommentare:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von » In eigener Sache: Zur Kritik an Spex auf ZEIT Online Spex Live:

    [...] verwendet, wir werden von nun an immer darauf hinweisen, wenn und wo zitiert wurde. Der in der Print-Ausgabe erschienene Artikel zu Pantha Du Prince wurde von Spex-Autor Philipp Ekardt und Spex-Redakteur Jan Kedves geschrieben, eine Vermischung des [...]

     
  2. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » 10 Jahre Dial:

    [...] Schatten, Christian Naujoks jagt Basswellen übers Tanzparkett und Pantha du Prince erweitert den Klangkosmos seines im Februar erscheinenden Albums mit »Fountain Drive« um einen weiteren Kristall-Geköppel-Track. [...]

     
 
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