Der Muskel in aller Munde

Penis im Pop

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Nicht nur Rammstein, auch Bands wie The Flaming Lips oder Girls erkoren ›ihn‹ zum Hauptakteur ihrer Videos. Lady GaGa behauptete, einen zu haben, und Ja, Panik wollten ihn zerstören: 2009 war das Jahr des Penis im Pop. Während Michael Jackson sich auf der Leinwand ein letztes Mal an den Schritt fasste, probte man woanders den entspannten Umgang mit ironisierter Männlichkeit und rockistischer Schwanzmythologie.

Jahresrückblick 2009 Penis im Pop GirlsAls er im März 1969 bei einem Konzert in Miami die Hose fallen und die Wurst baumeln ließ, läutete Jim Morrison damit – so die gängige These – das Ende seiner Karriere ein. Der Doors-Frontmann verstieß mit seinem Strip, der als »Miami Incident« in die Geschichte einging, gegen die oberste Maxime des Rock’n’Roll: Ein Rockstar zeigt auf der Bühne nie seinen Schwanz, er fuhrwerkt stattdessen – weil es andauernd um ›ihn‹ geht – an Gitarrenhälsen herum oder wedelt suggestiv mit dem Mikro. Als Morrison blankzog (und dafür vor Gericht kam), implodierte das symbolische Machtzentrum des Rock. Morrison hatte das Geheimnis gelüftet.

    Vierzig Jahre später, im Zeitalter der Postpornografie, braucht sich kein Popstar mehr zu sorgen, als Verräter am Phallozentrismus verurteilt oder aus dem Zirkel der Bühnenhelden ausgeschlossen zu werden, bloß weil er irgendwo mal ›full frontal‹ zu sehen war. Im Gegenteil: 2009 war das Jahr des Penis im Pop. Überall wurde über männliche Geschlechtsteile geredet, und man bekam sie sogar zu sehen. Damit sind gar nicht mal die Ständer gemeint, die Rammstein in ihrem vollpornografischen »Pussy«-Video zeigten, denn die stammten natürlich nicht wirklich von Rammstein, sondern von Pornoprofis; digital untergeschummelte Ersatz-Teile gewissermaßen. Nein, woanders hatten sich die alten Ökonomien des Tabus (bzw. Tabubruchs), des Versteckens und Doubelns tatsächlich überlebt. Flaming-Lips-Sänger Wayne Coyne ließ sich im Video zu »Watching the Planets« von einer Horde Nudisten im Wald vollständig entkleiden. Das hatte nichts Sensationslüsternes, es wollte sich auch niemand darüber empören. Als das Shoegazer-Duo The Big Pink den Hype um sein Debütalbum mit halbschwulen Intimfotos anheizen wollte, fühlte sich auch niemand provoziert. Und bei Auftritten des Hamburger Rave-Kunst-Kollektivs HGich.T hing dem Publikum in der ersten Reihe der Pimmel des Oberchaoten der Truppe (der mit der Baustellenweste) im Gesicht, als ob es nichts Normaleres gäbe.

    Besonders deutlich wurde die Entwicklung zur Präsentierfreude und Lockerheit im Umgang mit dem befreiten Machtsymbol beim Anschauen von »This Is It«. Denn in der posthum produzierten Doku über Michael Jacksons letzte Konzertproben trat der Penis noch einmal in seiner alten Rolle auf: als großer Unbekannter, als eingequetschtes Mysterium. Jacksons notorischer »Crotch Grab« bestand darin, dass er seine Hand so suggestiv in den Schritt legte (über das zentrale Mojo des Pop also), dass durch den Handrücken die Krümmung seiner Beule nachvollzogen wurde, aber noch Luft zwischen Hand und Stoff blieb. So fasste er nichts wirklich an, und dieses ›Nichts‹ erschien sogar noch größer und mächtiger, als es in Wirklichkeit sein konnte.

    Woanders hat man für solch kunstvollkompliziertes Getue keine Verwendung mehr, der Penis wurde 2009 beim Namen genannt, ausgepackt und sogar fleißig dekonstruiert. Die feministischen Österreicher von Ja, Panik begleiteten die Veröffentlichung ihres Albums »The Angst and the Money« mit einem Manifest, in dem sie sich gegen die »allmächtige Liaison von Penis und Kapital« wendeten. Im Manifest zu ihrem Vorgängeralbum hatten sie sogar gefordert: »Schneidet die Penisse aus der Pop-Kultur! Reißt sie aus allen Künsten!« Lady GaGa erklärte Mitte April in der Sendung des britischen TV-Talkers Jonathan Ross: »I have a really big donkey-sized penis«, und setzte damit ein ›Gerücht‹ in die Welt, dessen Metaphorik nur der Klatschpresse nicht auffallen wollte. Natürlich hat Lady GaGa in Wahrheit eine »beautiful vagina« (wie die Sängerin in anderen Interviews betonte), aber eben ›auch‹ einen Penis – wenn man von dem Muskel mal absieht und in Betracht zieht, was er gemeinhin symbolisiert: Stärke, Penetranz und jede Menge Eigensinn. Parallel überraschten K.I.Z. als die ersten Rapper, die sich dem Tabu Mikropenis widmeten. Im Song »Das System (Die kleinen Dinge)« übten sie sich zusammen mit Sido in verbalem Downsizing: »Wenn ich wichs’, sieht es aus, als ob ich Pickel ausdrücke«. Im sonst von genitalem Superlativismus geplagten Hiphop durfte man die Hände aus den Hosentaschen nehmen und ausschütteln.

    Natürlich darf man fragen, wohin die Penis-Offensive im Pop noch führen wird. Möglicherweise ist das Ende der Fahnenstange auch schon erreicht? Viel expliziter und zugleich unmachistischer, als es das Duo Girls aus San Francisco in seinem Video »Lust for Life« vorführte, dürfte sich mit dem Symbol jedenfalls nicht mehr umgehen lassen: In dem Video dient – inspiriert vom Postporno-Film »Shortbus«, in dem es 2006 eine ähnliche Szene gab – der Ständer eines Jungen einem anderen Jungen als Mikrofon. Hier sieht man keinen ›Sex‹, hier schließt sich nur der Kreis aus rockistischer Schwanzmythologie, Zitat alter Tabus und entspannter, ironisierter neuer Männlichkeit. Eine treffendere Pointe hätte sich das Penisjahr 2009 zum Abschluss nicht wünschen können.

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