Das Land der Träume

China

Text: Vera Tollmann

Spätestens seit 2008 scheint jedes Jahr ein China-Jahr zu sein – Tibet-Problematik hin oder her

Wie ein Buddha ruht Ai Weiwei in seinem Körper. Und es fiel schwer in diesem Herbst, seiner unverwüstlichen Statur auszuweichen. Dank intensiver Berichterstattung – die Süddeutsche Zeitung brachte zwei Doppelseiten zu Weiweis Ausstellung »So Sorry« im Münchner Haus der Kunst – wurde der Künstler und Aktivist 2009 zum Lieblingschinesen der Deutschen. Denn Ai Weiwei ist einer, der den Westen versteht. Ob Milchpulverskandal oder die verheerenden Erdbeben von Sichuan: Im unermüdlichen Demokratisierungskampf macht sich Weiwei stark für die Opfer des kommunistischen Regimes. Dafür wurde er von der chinesischen Polizei verprügelt. Gerettet haben ihn deutsche Ärzte in einem Münchner Krankenhaus.

    Überhaupt prägt die steigende Präsenz chinesischer Kunst in den vergangenen Jahren nachhaltig unser Bild vom modernen China. Zwar schluckt der Kunstmarkt seit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise nicht mehr die pop-realistische Mao-Kunst, die er zuvor noch zu schwindelerregenden Preisen an die Sammler brachte, aber noch immer ist es für die großen Player im Kunstbetrieb unerlässlich, einen Teil des eigenen Lebenslaufes auf chinesischem Territorium beschritten zu haben, am besten mit Zweitwohnsitz in Beijing – wie ihn fast jeder, der zum Jetset der Künstler und Kuratoren zählt, natürlich schon längst hat. Und auch außerhalb des Kunstkontextes gilt: Um China kommt eigentlich keiner mehr herum.

    China besitzt mit Abstand die größten Währungsreserven der Welt. Als das amerikanische Finanzsystem 2008 am Boden lag, war China ein bescheidener Retter in der Not. Im selben Jahr präsentierte sich die Volksrepublik der Weltöffentlichkeit im menschenfreundlichen Licht der Olympischen Spiele: ein Massenspektakel vor farbenfroher Kulisse. Im Oktober 2009 waren es dann die Feierlichkeiten der kommunistischen Partei Chinas zum 60. Jubiläum der Staatsgründung, die mit einer maoistischen Machtparade unangenehme Erinnerungen an Tage vor dem Fall des eisernen Vorhangs weckten.

    Anlässlich der Buchmesse in Frankfurt wurde in diesem Jahr ein allzu tradiertes Bild des Ehrengastes China vermittelt: exotische Geisha und grinsender Wackelbuddha, das waren die Kunstfiguren, welche zu Präsentationszwecken aus der chinesischen Kulturgeschichte ausgegraben wurden. Mit Blick in die Zukunft bleibt zu vermuten, dass es der Weltausstellung 2010 in Shanghai gelingen wird, neue Motive in das ambivalente Portfolio aus Mao-Kunst, Minderheiten-Unruhen und Olympischem Pomp einzufügen. Einen weiteren Grund für künftige Chinajahre könnte dann zum Beispiel ein erschwingliches Elektroauto der chinesischen Firma »BYD – Build your dream« liefern. Der Westen träumt nicht nur von China, sondern China bietet dem in die Jahre gekommenen Westen mittlerweile auch ganz reale Träume an.

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