Stachel im Fleisch der Aufwertung
Gentrifizierung
Text: Christoph TwickelChristoph Twickel, Co-Autor des Manifests »Not In Our Name, Marke Hamburg!«, über das Jahr des Widerstands gegen die Hamburger Turbo-Gentrifizierung. Das Protokoll führte Max Dax.
Die Stadtentwicklungspolitik in Hamburg orientiert sich ganz zentral daran, ein Image zu produzieren, das Investoren anlockt, nach dem Motto: Hamburg muss in Bordmagazinen glänzen, dafür müssen wir eine Kulissenstadt mit gut aussehenden Caffè-Latte-People und Mini-Fahrern vor Elbpanorama schaffen.
Allerdings ist man bei der Hamburg Marketing GmbH schlau genug, auch mit der Authentizität gewachsener Subkulturen zu werben. Das Portfolio ist sozusagen: Hafencity als Premiumlage – und als Szene-Dreingabe gibt’s noch die Schanze und St. Pauli. So kommt es dann, dass auf dem Titel der Werbebroschüren plötzlich die Goldenen Zitronen oder Tocotronic auftauchen. Mit dem Manifest »Not In Our Name, Marke Hamburg!« wollten wir klarstellen: Für diese Politik machen wir nicht die Statisten.
Hamburg befindet sich in der Turbo-Gentrifizierung. Einerseits wird gerade in Vierteln wie der Schanze und St. Pauli die typische, durchgentrifizierte Struktur mit Bars, Altbauten und ›kreativer‹ Szene zum Marktumfeld für große Ketten und Immobilienentwickler, die dort im ganz großen Stil Eigentumswohnungs-Quartiere bauen lassen. Andererseits basiert die städtische Politik der ›wachsenden Stadt‹ darauf, diese allmählichen, jahrelangen Aufwertungsprozesse einfach zu überspringen, indem man etwa so eine riesige Brachfläche wie die Hafencity aus der Retorte zu einem wohlhabenden Business- und Apartment-Distrikt entwickelt.
Natürlich gab und gibt es in Hamburg immer wieder Kämpfe zwischen der Koalition von Subkultur, Anwohnern und Politszene auf der einen Seite und städtischen und wirtschaftlichen Immobilienverwertern auf der anderen. Daraus resultieren auch Gentrifizierungsprozesse. Um die Hafenstraße und das Nachbarschafts-Kunstprojekt Park Fiction auf St. Pauli – beide in jahrelangen Kämpfen gegen die Stadt durchgesetzt – ist heute ein blühender Immobilienmarkt entstanden. Dennoch sind das eben auch Freiräume und Stachel im Fleisch der Aufwertung.
Natürlich will man uns von Seiten der Politik auf die Rolle der Subkultur-Lobbyisten reduzieren. »Not In Our Name, Marke Hamburg!«, die »Komm in die Gänge«-Aktion im Gängeviertel und die anderen »Recht auf Stadt«-Initiativen sind aber keine Kulturarbeiter-Interessensgemeinschaften. Es geht darum, gegen die fortschreitende Segregation der Städte anzustinken und Oasen für alle zu schaffen, oder besser: Schneisen in die unternehmerische Stadt zu schlagen. Der »Creative Class«-Ökonom Richard Florida hat einen »Hamburg Dialog« vorgeschlagen: dass Kreative, weil sie ja so eifrig für Wertsteigerungen auf dem Immobilienmarkt sorgen, auch einen Platz am Katzentisch der Stadtentwicklung verdient hätten, um dort Sonderkonditionen für sich herauszuschlagen.
Der Witz ist allerdings: In Hamburg geschieht das längst. Seit geraumer Zeit lockt die Stadtentwicklungspolitik Kreative per Sonderkonditionen gezielt in Stadtteile, um diese für Investoren interessant zu machen. Deshalb war die Besetzung des Gängeviertels eine so erfrischende Klarstellung: Jetzt gehen wir auch mal da hin, wo wir wirklich was wollen.

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