Die Bauern von Kreuzberg

Urban Gardening

Text: Marie Brunn

2009 grub der urbane Wohlstandsmensch die Erde um, auf der Suche nach Natur, Nahrung und Nähe.

Jahresrückblick 2009 Urban GardeningLandwirtschaft in der Stadt hat Zukunft. Und das nicht nur, weil Trendsetterin Michelle Obama hinterm Weißen Haus einen biodynamischen Gemüsegarten pflegt, weil die stadtmüden Gärtner im Geiste einem Magazin wie ›Landlust‹ zu einer Auflage von 400.000 Exemplaren verhelfen und Schrebergärten wieder schick sind. Nein, das Morgen fängt im Heute an. So fördert etwa die japanische Regierung aus Sorge um Nahrungsmittelknappheit und Arbeitsplatzverlusten in Großstädten sogenannte »Plant Factories« – riesige, künstlich beleuchtete und klimatisierte, hygienisch streng überwachte Gewächshäuser auf ehemaligen Büroetagen. Auch wenn aufgrund der optimierten Bedingungen täglich Erntezeit ist und auf giftige Pestizide angeblich verzichtet werden kann, bleibt es schwer vorstellbar, dass Cybergärten mit ihren Retortenfrüchten und dem hohen Energieverbrauch tatsächlich eine Stadt mit Nahrung versorgen könnten. Dagegen entpuppt sich die urbane Bienenzucht in London, Paris, Tokio oder Washington als potentielle Überlebensnische für die vom Aussterben bedrohten Insekten. Die Imkerei auf den Dächern der Metropolen verbreitet sich nicht nur als ein Frischlufthobby, sie hat auch einen angenehmen Nebeneffekt: Stadthonig.

    Auch in Berlin grünt es im Gemüsebeet. Hier gründeten Marco Claussen und Robert Shaw 2009 die »Prinzessinnengärten«, ein landwirtschaftliches Projekt auf einer 6.000 Quadratmeter großen Brache mitten in Kreuzberg. Hier rangieren unter freiem Himmel bewegliche Hochbeete auf einem Fundament flexibler Anbauarchitektur. Die biologischen Richtlinien der Bepflanzung mit Pflücksalaten, Radieschen, Fenchel und Pak Choi werden gewahrt. Doch der organischtechnoide Touch ist nur die eine Seite. Schließlich stammt das Vorbild für die Prinzessinnengärten aus Kuba. Dort dient die ›agricultura urbana‹ in Städten wie Havanna und Santiago nicht nur als Versorgungsquelle in der real sozialistischen Mangelwirtschaft, sondern auch als sozialer Kitt: Agrikultur als Gemeinschaftsprojekt und Kontaktbörse. Claussen und Shaw laden ihre Nachbarschaft per E-Mail zur samstäglichen Radieschen-Aussaat ein, bei Bedarf vergeben sie auch Patenschaften für Einzelbeete. So sehen sie ihre Gärten als einen Ort, an dem sich »unwahrscheinliche Begegnungen« herstellen lassen.

    Was wie Fahrradfahren und Vegetarismus lange Jahre als Lebensphilosophie von Hippie-Fundamentalisten galt, bietet also plötzlich Identifikationspotential für eine große Anzahl von Leuten jenseits der Müsli-Fraktion. Städtischen Raum urbar zu machen, ist heutzutage mehr als eine ökologisch geprägte Sozialutopie oder potenzielles Selbstversorgertum in historischer Erinnerung an Kriegs- und andere Krisenzeiten. Es ist auch mehr als temporärer Baulückenexotismus. Menschen wie Claussen und Shaw geben städtischen Freiflächen nicht nur eine Funktion, sondern auch eine soziale Identität. Eben ganz anders als die obligatorische, oft seelenlose Grünanlage, die der Soziologe und Spaziergangswissenschaftler Lucius Burckhardt einmal treffend als funktional-hygienisches »Niemandsland« beschrieb.

 

Foto: © 2009 Marco Clausen

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