Ihr werdet schon noch Augen machen
James Cameron und das 3D-Kino
Text: Tomasso SchultzeAngekündigt wird nicht weniger als eine neue Revolution des Kinos. 3D ist das Zauberwort, und »Avatar«, James Camerons erster Film seit »Titanic« von 1997, soll es auf großem Parkett richten. Gedanken zur Dimensionalität des Films und der Imaginationskraft des Kinozuschauers.
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Still: © 2009 Twentieth Century Fox
James Cameron soll die Zukunft des Kinos sichern. Wieder einmal. Wie damals, als er dem modernen Actionkino mit »Terminator« ein Gesicht und mit Arnold Schwarzenegger einen Körper gab. Wie damals, als er mit der Materialschlacht der Übermütter in »Aliens – Die Rückkehr« bewies, dass größer nicht unbedingt besser ist, aber ein Sequel doch immerhin ebenso gut wie das Original sein kann. Wie damals, als er mit dem Wasserfinger in »Abyss – Abgrund des Todes« einen neuen Standard in der Ära der CGI-Effekte setzte und in »Terminator 2« vorführte, dass Computer-Generated Imagery integraler Bestandteil einer Erzählung sein kann. Oder wie zuletzt, als er zeigte, dass ein 250 Millionen Dollar teurer Film nicht nur schwarze Zahlen schreiben, sondern auch der erfolgreichste Blockbuster aller Zeiten werden kann. Zwölf Jahre sind seither vergangen. Zwölf Jahre, die der unfehlbare Technokrat Cameron, nach »Titanic« um geschätzte 50 Millionen Dollar reicher, damit zubrachte, sich bei der Oscar-Verleihung mit seinem albernen Urschrei »I’m the king of the world« erstmals eine Blöße zu geben, neue Kameras für Unterwasseraufnahmen zu entwickeln – und sich schließlich in die Brust zu werfen für etwas, das er als nächsten notwendigen Schritt in der Evolution des Kinos empfand: stereoskopisches 3D.
»You go back, Jack, do it again / Wheel turnin’ ’round and ’round«. Wenn Cameron etwas sagt, dann hört man zu. So etwa, als er im März 2005 den Schulterschluss mit George Lucas, Robert Zemeckis und Robert Rodriguez übte und der Kinowelt von einem Bedürfnis der Menschen nach dreidimensionalen Bildern vorschwärmte, von dem diese zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nichts wussten (wie zum Beweis gibt es ein herrlich affiges Foto der vier Filmemacher mit 3D- Brillen – Camerons zweite Blöße, wenn man so will). Bis dahin war 3D ein vergessenes Relikt vergangener Kinotage, das als technologischer Fortschritt immer gerne so wichtig gewesen wäre wie die Einführung des Ton- oder des Farbfilms oder wenigstens des Breitwandformats. Aber am Ende, nach vergeblichen Experimenten renommierter Regisseure wie Hitchcock mit »Bei Anruf Mord«, blieb 3D doch immer das, was es im Grunde seines Herzens bis heute ist: ein Gimmick, ein Novelty-Gag, dazu angetan, minderwertige Effektgenrefilme der Güteklasse C aufzuwerten, indem man dem Kinozuschauer Pfeile, Äxte oder Speere buchstäblich um die Ohren fliegen lässt. Das ist ein Mal lustig. Beim zweiten Mal schon nicht mehr so. Einen bleibenden Eindruck hinterließ 3D nie.
Mehr als fünfzig Jahre später scheint sich das damalige Versprechen, dank dreidimen- sionaler Bildgestaltung noch intensiver ins Kinoerlebnis involviert zu werden, doch noch zu erfüllen. Wir schreiben das Jahr 2009, ›the year that 3D broke‹ (Empire). Das ist einerseits dem technologischen Fortschritt geschuldet: Bei entsprechender Vorführung mit Digitalprojektoren und stereoskopischen Brillen ist die dreidimensionale Wahrnehmung rein qualitativ satter und aufregender als mit den damaligen Rot-Grün-Brillen. Als Rammbock für die Umrüstung analoger Abspielstätten auf digital (Reizwort: der digitale Rollout) hat 3D seine Arbeit bereits getan – wie auch als Umsatzbringer einer nur vermeintlich darbenden Branche: Anfangs des Jahres gab es in den USA gerade mal 1.000 Leinwände, die für 3D-Projektion gerüstet waren, mittlerweile sind es 2.500. Die schon jetzt erzielten Umsätze mit 3D-Filmen, für die Kinos Aufschläge auf den regulären Ticketpreis um die drei Euro erheben, sind beachtlich, gerade im direkten Vergleich mit der 2D- Auswertung besagter Filme. Das wirtschaftliche Modell funktioniert. Aber was genau bedeutet das für das Medium Film?
3D ist zunächst eine zwingende Weiterentwicklung des Überwältigungskinos, dessen Ziel stets ›immersion‹ ist – der Zustand völliger Vereinnahmung des Zuschauers durch die Kinohandlung. Anders als im modernen Kino eines Godard oder Losey, das Distanz zum Zuschauer zuließ, um ihm nicht sein Urteilsvermögen zu rauben und stattdessen einen offenen Dialog mit dem Gesehenen zu ermöglichen. ›Immersion‹ hat Tradition im Erzählkino der Traumfabrik, galt aber in Hollywoods goldenen Zeiten als Stilmittel für Katastrophen-, Science-Fiction- oder Genreszenarien – niedere Unterhaltung verglichen mit der A-Klasse, in der teure Literaturverfilmungen rangierten. Die Machtverhältnisse haben sich verkehrt: Im heutigen Kino müssen die Tentpole-Pictures, die entsprechend budgetierten und platzierten Zugpferde der Studios, die zahlungswillige Zielgruppe der 16- bis 25-Jährigen bedienen, indem sie ihr Publikum mitreißen und in eine virtuelle Realität eintauchen lassen.
Seitdem John McTiernan in »Stirb langsam – Jetzt erst recht« als erster Regisseur Action mit der Handkamera drehte und Michael Bay mit »Bad Boys« ein Jahr später die Ära des Stakkatoschnitts einläutete, ist Beschleunigung das Gebot der Stunde – das vom Videogame vorgegebene Bestreben, Action nicht nur zu zeigen, sondern erlebbar zu machen. Dass der nächste Schritt des Genres das Verlassen des zweidimensionalen Raums ist, erscheint logisch. Er hat aber auch die totale Entschleunigung zur Folge: Je schneller der Schnitt, desto weniger funktioniert der 3D-Effekt, weil sich das Auge nach jedem Schnitt erst wieder auf die Dreidimensionalität einstellen muss. Aus diesem Grund wird das stereoskopische Kino auch von den renommiertesten Action-Regisseuren abgelehnt. Michael Bay zum Beispiel, der Mann, dem es gelingt, in zweieinhalb- stündigen Zerstörungsorgien alles in Schutt und Asche zu legen, aber die Grundzüge dessen, was eine Geschichte ausmacht, völlig unangetastet zu lassen, hat wiederholt darauf hingewiesen, dass sein Stil des Filmemachens völlig unvereinbar sei mit 3D.
Dass er damit ausgerechnet einem seiner vehementesten Kritiker, dem in den USA legendären Filmkritiker Roger Ebert von der Chicago Sun-Times das Wort redet, ist eine Ironie, die nicht unerwähnt bleiben darf. Ebert verweist darauf, dass es gerade das Wesen des Kinos ausmache, wenn sich zweidimensionale Bilder im Kopf des Zuschauers zu einer dreidimensionalen Erfahrung zusammensetzten. Es möge Filme geben, die er in 3D genossen habe, sagt Ebert, aber in jedem einzelnen Fall handle es sich um Filme, die er in 2D genauso genossen hätte. Und er argumentiert, dass gerade der Echtheitsanspruch des 3D-Kinos ein Irrtum sei: Zwar erlebe man die Welt dreidimensional, aber eben nicht auf die Weise, dass sich die Dreidimensionalität aus unserem Sichtfeld herausschält. Der Effekt sei verblüffend: Anstatt eine komplette Einbindung in die abgebildete Welt zu gewährleisten, sorge der 3D-Effekt im Gegenteil für eine disruptive Filmerfahrung: Man nimmt 3D immer als 3D wahr.
Mag 3D bislang auch gut für die Kinokasse gewesen sein, es fehlt immer noch der filmische Präzedenzfall, der jener als große Revolution apostrophierten Technologie auch einen künstlerischen Gewinn abtrotzt. Bisher war Pixars »Oben« die einzige Produktion, bei der ein dreidimensionaler Mehrgewinn zu erkennen war. Womit man wieder bei James Cameron wäre: Seine Rückkehr zum Erzählkino, »Avatar«, musste nun lange genug herhalten als Hoffnungsträger der 3D-Community. Wartet nur ab, ließ man Zweifler wissen, bis Camerons Neuer kommt, dann werdet ihr schon sehen. Aber was das genau sein soll, ist noch immer unklar. Der Starttermin steht fest, und aktuell herrscht eine Stimmung vorsichtiger Zurückhaltung und unverhohlener Schadenfreude, nachdem weder ein erster Trailer noch Ausschnitte von insgesamt fast zwanzig Minuten anlässlich des weltweit veranstalteten »Avatar«-Days wirklich begeistern konnten.
Sollte es möglich sein, dass der seit Jahren in Produktion und seit viel mehr Jahren in Vorbereitung befindliche Trip auf einen anderen Planeten tatsächlich nicht viel mehr zu bieten hat als visuelle Referenzen an eher vergessenswerte Animationsabenteuer wie »Ferngully« oder »Arthur und die Minimoys«? In Interviews wirkte es nicht so, als habe Cameron den Verstand verloren: Mit der gewohnt überzeugen- den Präzision beschrieb er die Fortschritte, die während der halbjährigen Drehzeit gemacht worden seien, erklärte, dass man den stereoskopischen Effekt mit Bedacht einsetzen müsse, je nach Schnittfrequenz mal stärker oder mal schwächer, dass er tatsächlich nur ein weiteres Werkzeug bei der Gestaltung eines Films sei. Es scheint so, als müsse Came- ron einfach nur vehement genug vorführen, dass sich schwiegermütterlich behandelte Spielereien zu richtungsweisende Meilensteine formen lassen und »Avatar« deshalb – als sich selbst erfüllende Prophezeiung – an den Erfolg von »Terminator« und »Titanic« anschließen wird. Sollte sich der Film hingegen nicht als Heilsbringer für die 3D-Technologie erweisen, dann bleibt es an Steven Spielberg, Tim Burton und Peter Jackson, den Kreuzzug fortzuführen, denn sie stehen mit ihren 3D-Produktionen bereits in den Startlöchern.
»Avatar - Aufbruch nach Pandora« USA 2009, Regie: James Cameron, 150 Min, ab 17. Dezember im Kino (Twentieth Century Fox)

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