Einfach alles streichen

Nach seinem Quasi-Vintage-Porno-Viral für den Modeartikler Diesel, dem Nudeness-Zensur-Clip für The Brighton Port Authority und dem innovativen End-Credit-Musikvideo für den Justice-Remix von Lenny Kravitz bringt sich der Regisseur Keith Schofield für die neueste Single von Charlotte Gainsbourg und Beck noch einmal ins Gespräch. Erneut setzt der 30-jährige Amerikaner dabei auf die virale Verbreitung seines Videos. Lagen seinen vorangegangenen Clips aber Nacktheit bzw. ein schlüssiges Gesamtkonzept zugrunde, so erkennt man im Musikvideo zu »Heaven Can Wait« keine zusammenhängende Linie: Der Zuschauer wird mit zahlreichen Einzel-Motiven konfrontiert, einige davon kennt man als ›Digital Native‹ vermutlich sogar – Schofield ist ein großer Freund gefundener bzw. generischer Fotografie. Er habe einen mit rund 3.000 Bildern gefüllten Ordner auf dem Desktop seines Computers, sagt Schofield über sich selbst, aus dem er immer wieder Inspirationen für neue Arbeiten heraussuche, und der letztlich auch ausschlaggebend für die Entwicklung des Videos gewesen sei.

    Im E-Mail-Interview erklärte Schofield nun seine Motivation zu »Heaven Can Wait«, parallel dazu stellte er sich in einem langen ›offenen Brief‹ auf dem Musikvideo-Blog »Videoville« der zwischenzeitlich aufgebrandeten Kritik an dem Clip.

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Keith Schofield, wie entstand das Storyboard zu »Heaven Can Wait«? In einem sechs Seiten starken Treatment auf Ihrer Homepage hieß es, der Clip thematisiere »Leben, Tod, Technologie, Geschichte, Landwirtschaft und alles dazwischen« …
    Dabei handelte es sich leider um einen Scherz. Ich schrieb dieses Treatment erst im Nachhinein und legte es absichtlich zusammenhanglos und anmaßend aus. Ich entschied mich natürlich schon einige Wochen zuvor für die jeweiligen Looks und Referenzen. Der Ansatz war, zu jeder Szene des Videos eine neue Idee zu entwickeln – und zwar ohne die Einstellungen dabei wie Ausschnitte aus dem Leben wirken zu lassen. Nach dem Motto: Wenn du zwei lateinamerikanische Teenager zeigst, die wie den fünfziger Jahren entsprungen gekleidet sind, dann gib ihnen eine riesige Walnuss in die Hand. Die Walnuss selbst hat wiederum keine Bedeutung, sie lässt die Prämisse der Szene einfach nur unbekannt erscheinen.

Wie verhielt es sich dann mit dem Pfannkuchen-Astronaut, dem halbbärtigen Mann, oder dem Spongebob-Kostümträger, der von einem Polizisten niedergeworfen wird? Man kennt diese Motive natürlich aus dem Internet. Haben diese Szenen ebenfalls keine Bedeutung?
    Ich dachte einfach, dass es lustige Bilder sind. Ich wählte sie zufällig aus: Es sind surreale Szenen, die wir relativ leicht drehen konnten. Man muss dabei einfach alles aus dem Gedächtnis streichen, was man im Internet über meinen Clip zu »Heaven Can Wait« zu lesen bekam: Dieses Video hat absolut keinen tieferen Sinn. Wenn man es als einen Kommentar auf die Evolution des Internets verstehen möchte, dann ist das in Ordnung.

Wie passen die Arbeiten von William Hundley in dieses Bild? Sie wählten Motive seiner Fotoserien »With Cheesburgers« und »Entoptic Phenomena« für den Gainsbourg-Clip aus.
    Seinen Namen hörte ich zum ersten Mal in einem Online-Forum – aber erst nachdem das Video veröffentlicht wurde. Es gibt zwei Einstellungen in »Heaven Can Wait«, die auf seinen Arbeiten beruhen: Das auf Cheeseburgern lagernde Skateboard und die frei schwebende Wolldecke. Ich fand diese Motive auf einer der unzähligen Foto-Sharing-Seiten (wie www.ffffound.com, Anm. d. Red.) und nahm irrtümlich an, sie seien keine künstlerischen Arbeiten – natürlich kontaktierte ich Hundley daraufhin und fügte ihn den Credits hinzu.

Und was interessiert Sie dann an generischen Motiven?
    Manche Dinge entwickeln sich viral, weil ihnen eine gute Idee innewohnt – oder weil sie einfach schrecklich lustig sind. Beide Eigenschaften sind natürlich toll, wenn man mit seinem Video ein großes Publikum erreichen möchte. Manchmal hat man schlussendlich einen Film mit eingebautem Publikum.

Welche weiteren Motive finden sich in »Heaven Can Wait?«
    Die Referenzen waren von Natur aus obskur. Ich wollte ausschließen, dass das Video nur denjenigen gefällt, die auch die ursprünglichen Motive kannten. Aber natürlich gibt es Wissenswertes dazu: Drei der kostümierten Charaktere (wie der König im Golfmobil, Anm. d. Red.) stammen aus dem Brettspiel »Candy Land«. Den Monsterkopf in der Badezimmer-Szene lieh mir der Regisseur Josh Forbes aus, er setzte ihn im Musikvideo zu »A Clean Shot« der amerikanischen Indie-Rock-Band The Myriad ein. Der Polizist, der den als Spongebob verkleideten Teenager zu Boden wirft, war zufälligerweise der Onkel des dicken Jungen mit der Gitarre. Und dann war da noch die Kleidung von Beck: Alle Teile stammen aus seinem Kleiderschrank – er liebte es, all diese Stücke tragen zu können, die er zuvor sonst nirgends tragen konnte.

Was wird Ihr nächste Projekt sein? Gibt es Lieblings-Künstler, mit denen Sie gerne arbeiten würden?

    Der Gitarre-spielende Junge hat eine Band, dafür werde ich wohl ein Video machen. Abgesehen davon würde ich gerne einmal mit Ghostface Killah drehen: Er ist einer der besten lebenden Rapper, für ihn würde ich gerne ein wegweisendes Video machen. Es wäre wirklich aufregend, eine Interpretation seiner Musik über ein Video hinzubekommen.

 


VIDEO: Charlotte Gainsbourg & Beck – Heaven Can Wait

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