De-construct and De-condition

Mark Stewarts »On/Off« auf dem Unerhört! Musikfilmfestival Hamburg

Text: Martin Hossbach

Vom 3. bis 6. Dezember zeigt das Unerhört! Musikfilmfestival in Hamburg zahlreiche Filme und Dokumentationen zum Thema Musik. Filme über Musikbewegungen und ihre soziokulturellen Hintergründe, Filme über besessene Musiker und Filme über Festivals mit Legendenstatus. Für den zweiten Teil der Spex-Empfehlungen aus dem Festival-Programm sprach Martin Hossbach mit dem Produzenten, Regisseur, Kameramann, ›Mädchen für alles‹ und Betreiber des Labels Monitorpop Tøni Schifer sowie seinem Hauptdarsteller, dem The-Pop-Group- und Maffia-Sänger Mark Stewart. Das Unerhört! Musikfilmfestival zeigt Schifers Dokumentation »On/Off: Mark Stewart - Pop Group to Maffia« am Freitag, den 4. Dezember, im 3001 Kino Hamburg. Am 12. Dezember ist der Film außerdem in Berlin zu sehen.

 Was hat Dich zum Dreh einer Dokumentation über Mark Stewart veranlasst?
    Töni Schifer: Ich habe Mark im Zuge einer Videorecherche 2005 kennengelernt. Da ich ein großer Fan von The Pop Group bin, wollte ich ursprünglich alte Videoclips für eine DVD-Compilation von ihm lizensieren. Im Zuge unseres Kennenlernens entstand die Idee, eine Dokumentation über ihn zu machen. Da Mark ein sehr außergewöhnlicher und raumausfüllender Charakter ist und zudem mit The Pop Group und seiner Soloarbeit wegweisende genreübergreifende musikalische Kooperationen schon in einem sehr frühen Stadium durchgeführt hat, war es interessant diese Schnittstellen genauer zu beleuchten. Durch die Fusion von Dub, Rap, Metal bis hin zu Klassik hat er Pionierarbeit geleistet. Seine radikale Musik und Texte haben ihm ein größeres Publikum verwehrt. Diese Antihaltung im Vergleich zu anderen konventionelleren Künstlern interessiert mich insofern, als dass ich diese »sponsored by Telekommunikationsunternehmen«-Subventionseinstellung vieler Bands und Künstler zum Kotzen finde, dementsprechend hören sich dann nämlich auch die Resultate an. Das mag für manche Leute eine überholte Denke aus den Achtzigern sein, ich glaube allerdings nicht daran, dass viel Geld auch viel kreativen Output bringt.

You once said to me that you don’t feel like ›an icon‹. But many people think you are one and what other reason would there be for Tøni to make this film? What did Töni say to you his intentions were? How did you react?
    Mark Stewart: I still feel exactly the same as I did when I was 16 and never really analyse what I’ve achieved, but sometimes when Lou Reed rings the studio or friends are working with Madonna or Bowie namechecks you it kind of hits home. I’m pleased that the story is being documented as there is so little cool footage of a lot of  ›my‹ heroes like Gene Vincent or Pearls before Swine. I just gave Töni complete access like an insect anthropologist.

Dreharbeiten sind nicht dein Kerngeschäft. Wie verlief die Produktion? Du hast mehere Jahre an »On/Off« gearbeitet, richtig?
    Töni: Dieses Projekt kann man als klassischen ›No-Budget-Rucksackfilm‹ bezeichnen, ich habe überwiegend mit einer kleinen Sony-3-Chip-Kamera gedreht. Da ich mich über meine Platten- und DVD-Labels finanziere, war klar, dass dieser Film über einen längeren Zeitraum entstehen wird, nämlich immer nur dann, wenn ich Zeit dafür habe. So habe ich Mark bei mehreren Tourneen begleitet, mit ihm mehrere Male in England gedreht oder bin nach London und Bristol geflogen, um Interviewpartner wie Daniel Miller, Nick Cave und ehemalige Pop-Group-Mitglieder zu treffen. Mark ist sehr oft in Berlin, dadurch hatten wir weitere Möglichkeiten an diesem Film zu arbeiten. Nachdem ich letztes Jahr einen Trailer auf YouTube gestellt hatte, kamen urplötzlich jede Menge Filmfestivalanfragen. Das London Filmfestival wollte unbedingt die Premiere im April dieses Jahres durchführen, von daher musste ich unter enormem Druck den Schnitt fertig stellen. Die Produktion ist wie bereits erwähnt ohne wirkliches Budget entstanden, da ich alles selbst finanziert habe. Der Nachteil bei dieser Vorgehensweise ist, dass du tatsächlich so gut wie alles selbst in die Hand nehmen musst. Da ich bis dato nur kleinere Interviewreihen für Compilation-DVDs produziert hatte, war dies eine enorme Herausforderung, bei der ich jede Menge für zukünftige Filmprojekte gelernt habe.

Have you learned something new about yourself with this movie? Has your mother seen it yet? If so, how does she like it?
    Mark: I kind of de-construct and de-condition myself most days anyway and I’m very interested in a nihilistic concept of cleansing. Mum has always been a great supporter. She loves raves at over 70 and she often gets dressed up for the shows. She was even in the NME!

»On/Off« wird auch als DVD veröffentlicht werden – gibt es einen Markt für diese Art von Filmen?
    Töni: Ich habe diesen Film weniger aus finanziellen Gründen gemacht, sondern aus reiner Neugierde. Das sind gute Lehrjahre gewesen. Im Frühjahr 2010 wird es eine DVD-Veröffentlichung auf meinem eigenen Label Monitorpop geben. Das ist natürlich ein Nischenmarkt, der trotzdem weltweite Verkäufe ermöglicht. Zudem nimmt Mark bereits ein weiteres Album auf und auch The Pop Group werden nach langer Zeit wieder in Originalbesetzung ins Studio gehen und haben dadurch weltweit Angebote, z.B. das renommierte ATP Festival in England und den USA zu headlinen. Es gibt ebenso bereits interessierte Fernsehsender aus England, USA und Japan, aus diesen Ländern kommen auch Lizenzanfragen für die DVD. Von daher bin ich eigentlich sehr froh, dass wir mit diesem Film unabhängig von Förderinstituten oder Redaktionen arbeiten konnten und können.

Mark, you released a new album a while ago. How did that go and what are you up to these days?
    Mark: The album has been getting great press, i.e. ›record of the month‹ in Italy, Japan even South America. Front covers in England… But I judge my work more on its long term impact. I’ve just been doing an interview with a radical Argentinian journalist who said to me when he and his friends were being repressed one of my songs dealing with the subject engaged them. When Massive Attack played their show in Berlin a couple of weeks ago they dedicated a song to me saying I was their hero and biggest influence. I’ve just been helping Massive in the studio. Also, I’m hopefully collaborating with Bruce LaBruce and Michael Rother. Recently I’ve had the pleasure of working with Kenneth Anger, Lee Perry, The Bug and Keith Levine amongst a myriad of others on my next project.

 


VIDEO: On/Off: Mark Stewart - Pop Group to Maffia (Trailer)

»On/Off: Mark Stewart - Pop Group to Maffia«, Regie: Töni Schifer, mit u.a. Daniel Miller, Nick Cave, Simon Reynolds, Mick Harvey, Douglas Hart, Jon Spencer, Massive Attack u.v.a., D / UK 2009, 85 Min., Original mi deutschem Untertitel

Im Anschluss an »On/off: Mark Stewart - Pop Group to Maffia« findet ebenfalls im 3001 Kino ab ca. 22 Uhr mit »Spex – Best of 2009« das Screening der wichtigsten Musikvideos des Jahrs 2009 statt – programmiert von Martin Hossbach und dem Spex-Musikvideo-Blogger Moritz Schmall.

Unerhört! präsentiert Tøni Schifers »On/off: Mark Stewart - Pop Group to Maffia«:
04.12. Hamburg - 3001 (ab 21 Uhr)
12.12. Berlin - FSK Kino (ab 22:30 Uhr)

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2 Kommentare:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Absorbiert von der Medienmaschine:

    [...] folgt der Film »On/off: Mark Stewart - Pop Group to Maffia«, außerdem findet im 3001 Kino ab ca. 22 Uhr mit »Spex – Best of [...]

     
  2. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Wichtige Musikvideos (und -Filme):

    [...] des Eiszeit Kinos. Schon am Samstag sieht man Töni Schifers Dokumentation »On/Off: Mark Stewart: From the Pop Group to the Maffia«, über den wir bereits an verschiedenen Stellen [...]

     
 
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