The Unthanks

Here’s the Tender Coming

Text: Jens Balzer

The Unthanks Here’s the Tender ComingEin Seemann liegt drunten im nassen Grab, seine Liebste sendet ihm letzte Verse. Ein schwangeres Mädchen nahm sich das Leben, aus dem Jenseits singt es nun Wiegenlieder für das ungeborene Kind. Mit solchen graudunkel gepinselten Songs wurden Rachel Unthank and the Winterset in den letzten Jahren bekannt; mit dem Geordie-Akzent des englischen Nordostens sang das Folkquartett auf zwei Platten Volkslieder und Eigenkompositionen über leidende Frauen und abwesende Männer. Dabei wurde der Folkmusik-Traditionalismus auf doppelte Art überschritten: in den vertrackten Vokalharmonien ebenso wie in der modernistisch-minimalen Instrumentierung; oft klickte und schnarrte unter den scheinbar authentischen Songs nur ein John-Cage-haft präpariertes Klavier; und der stolpernde Rhythmus wurde nicht getrommelt, sondern mit High Heels synkopisch gesteppt.

    Für das dritte Album »Here’s the Tender Coming« haben sich Rachel und Betty Unthank nun mit neuen Musikern umgeben und umbenannt; die Songs sind weniger spartanisch und mit Schlagzeug und Bass konventioneller arrangiert. Die spröde Schönheit und der leidenschaftlich-bittere Ton der Musik sind gleichwohl geblieben. Man hört das schon im Eröffnungsstück »Because He Was a Bonny Lad«, einem schottischen Tanzlied aus dem 18. Jahrhundert, das die Unthanks mit melancholischen Vokalharmonien und sich langsam darüber schiebenden Klavier- und Geigen-Motiven zu einem gespenstisch schunkelnden Nachtlied verschleppen. Das nächste Stück, »Sad February«, erinnert mit seinem kunstvoll gepressten Gesang, dem langsam in Schwingung geratenen Ostinati von Akkordeon und Holzbläsern und dem gestepptanzten Rhythmus noch am ehesten an die Kargheit der Vorgängeralben.

    Dann aber erblüht ein leiernder Bläsersatz über dem Song wie von Robert Wyatt, und die verhaltene Vielstimmigkeit, die sich dabei entfaltet – immer noch am Minimalismus geschult, aber farbiger ausgetupft – bestimmt auch die elf folgenden Songs: vom Titelstück, in dem eine Bauersfrau ihrem zur Armee zwangsrekrutierten Gatten einen Abschiedsgruß singt, bis zum Klagegesang »Nobody Knew She Was there«, im Original in den siebziger Jahren von dem marxistischen Folk-Sänger Ewan MacColl geschrieben. Darin erfahren wir von den letzten Stunden im Leben einer alternden Proletarierfrau: eine musikalische Pietà für die geschundene Kreatur, von den Unthank-Schwestern in das fahle Licht jenes kalten Morgens getaucht, an dem sich die Unglückliche im eisigen Fluss das unerträglich gewordene Leben nimmt. Noch ein nasses Grab, noch mehr vergebliche Tränen.

 

LABEL: Rabble Rouser Records / Beggars Group | VERTRIEB: Indigo

STREAM: The Unthanks - Here’s the Tender Coming

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