Le Corbusier
Der Mann mit dem Stahl aus Licht
Text: Gunnar KlackLe Corbusier (1887-1965) war Architekt, Möbeldesigner, Maler, Herausgeber und Lehrer. Als Beschwörer der Moderne erfand er den Beruf des Stararchitekten und inszenierte sich selbst geschickt und mit den Mitteln religiöser Verklärung als Prototyp dieser neuen Spezies. Eine Ausstellung im Berliner Gropius-Bau huldigte dieses Jahr dem Mann, der sich selbst als ›Universalgenie‹ betrachtete. Eine Steilvorlage für den Architekten und Spex-Autor Gunnar Klack, dieses Heldenbild atheistisch zu relativieren.
Foto: Villa Savoye in Poissy-sur-Seine bei Paris, 1928. © Scarlet Green / FlickR | CC
Die menschliche Zivilisation entwickelt sich in unzähligen kleinen Schritten. Ideen, Inspirationen, Geistesblitze und deren jeweilige Diebstähle verknoten sich jede Sekunde neu zu Formen, Produkten, Klängen und Worten. Nichts liegt der Wirklichkeit ferner als die Idee, einige wenige überbegabte Männer – und noch viel weniger Frauen – hätten durch ihr geniales Wirken die Kultur-Evolution im Alleingang gewuppt. Trotzdem hält sich das Modell vom heroischen Mann hartnäckig. Stets spricht die Geschichte vom Einfluss der Genies auf die Kultur, zu oft verdreht sie hierbei Ursache und Wirkung. Dass sich die Architektur zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit all ihren hinzugekommenen Bauaufgaben neu erfand, kann keinem noch so talentierten Gropius oder Mies van der Rohe zugeschrieben werden: Es war einfach an der Zeit.
Doch gerade die Säulenheiligen der Architektur werden allzu selten in den Strom der Ideen ihrer Zeit zurückbeordert, stattdessen frönen Fachliteratur und Feuilletons unreflektiert der Götzenverehrung von Palladio zu Piano, von Corbusier zu Koolhaas. Doch selbst wenn wir alle Innovation und Kreativität nicht den Helden zugestehen – sondern der Summe ihrer Lebensumstände –, bleiben einige Personen als Fixpunkte bestehen. Architektur- und Städtebaudiskurs sind bis auf weiteres dazu verdammt, sich immer um dieselben Personen zu drehen. Ein Fluch, denn auch der Weg der Aufklärung und Entmystifizierung fängt ausgerechnet wieder bei den ganz großen Namen an. Und so lässt sich alles, was es über moderne Architektur zu sagen gibt, am Prototyp aller modernen Architekten erklären: Le Corbusier.
Le Corbusier kam im Jahr 1887 im Schweizer Kanton Neuenburg als Charles-Edouard Jeanneret zur Welt, besuchte die dortige Kunstgewerbeschule und wurde zum bedeutendsten Architekten der Neuzeit. Über keinen anderen Baukünstler ist so viel geschrieben worden, seinem Einfluss kann sich auch der Fachfremdeste nicht entziehen. Er realisierte hunderte Architekturentwürfe, schuf Klassiker des Möbeldesigns und veröffentliche unzählige Bücher. Dass der Gestaltungs- und Geltungsdrang Le Corbusiers vor nichts und niemandem Halt machte, zeigt sich am deutlichsten in seinem architektonischen Werk. Sein Entwurf einer »Strahlenden Stadt« aus Wolkenkratzern schrieb im Prinzip jedem Menschen einen genauen Platz vor. Lückenlos war sein Planungsideal von der Küchenzeile bis zum Fernverkehr.
Le Corbusier formulierte den Anspruch der modernen Architektur so radikal wie kein anderer Zeitgenosse. Doch das allein reicht nicht aus, seinen erstaunlichen Status zu erklären. Denn genauso gut ließe sich jedes Bauwerk Corbusiers als Verfehlung analysieren, seine Malerei als eine Kopie Picassos entlarven, sein Möbeldesign als klobige Versionen Marcel Breuers interpretieren und seine Schriften als widersinnige Polemiken abtun. Doch aller Kritik zum Trotz finden sich in Le Corbusiers Werk die ästhetischen Standards, die auch heute noch unter Architekten gelten – inklusive der modischen und sprachlichen. Als Besonderheit an Le Corbusier sollte nicht sein gestalterisches Talent herausgehoben werden. Viel interessanter ist stattdessen, welches nicht-materielle Werk Le Corbusier erschuf – nämlich die Figur des modernen Architekten an sich.
Drei Aspekte spielen hierbei eine große Rolle: erstens die schon angesprochene Universalität seines Anspruchs. Zweitens die Inszenierung der eigenen Person als Prophet. Drittens die Schärfung des Profils durch extreme Entwürfe – im Notfall auch auf Kosten der Nutzbarkeit der Gebäude. Le Corbusier hatte zu allem etwas zu sagen, von der Landwirtschaft bis zur Videokunst, und er tat es, wann immer sich ihm die Möglichkeit bot. Ab 1920 gab er in Paris das Magazin L’Esprit Nouveau heraus, stellte seine spektakulären Entwürfe in Galerien aus und hielt leidenschaftliche Vorträge über den Beginn eines neuen Zeitalters. Er postulierte in seinem Traktat »Fünf Punkte zu einer neuen Architektur« seine Gestaltungsgrundsätze so apodiktisch, dass sie auch heute noch als eine der Grundfesten moderner Architektur gelten: Stützenbauweise, Flachdächer, Bandfenster, freie Fassadengestaltung und offene Grundrisse erklärte er zum Dogma.
Foto: Unité d'Habitation in Briey-en-Forêt bei Metz, Frankreich, 1963. © Seb Przd / FlickR | CC
Le Corbusier war nun bei weitem nicht der erste Architekt, der neben der Baukunst das Produktdesign und die Malerei verfolgte. Auch Schinkel und Michelangelo hinterließen Gemälde und Möbel, doch niemand nutzte Synergieeffekte so zielgerichtet wie Le Corbusier. Aus Malerei, Architektur und Text schuf er ein geschlossenes Referenzsystem, in dem jeder einzelne Bereich als Beleg für die Richtigkeit der jeweils anderen Bereiche herangezogen werden konnte. Es ging nicht einfach darum, Architekt und auch Künstler zu sein. Stattdessen sollten der Glamour und die Glaubwürdigkeit des Publizisten und bildenden Künstlers den Architekten aus dem schnöden Kreis der Ingenieure herausheben.
Le Corbusier schuf mit wilden Skizzen und abstrakten Aquarellen das Bild vom widerborstigen Künstler-Architekten, inszenierte sich als ›Universalgenie‹, dessen Vision sich über Wissenschaft und Ratio hinwegsetzen darf. Und er bahnte damit eine nicht ganz unproblematische Entwicklung an. Hat doch jeder schon von erbitterten Kämpfen zwischen Architekten und ihren Bauherren gehört. Kürzlich diagnostizierte Gerhard Matzig in der Süddeutschen Zeitung den Niedergang des Berufsstandes der Architekten als eine Folge ihres übertriebenen Kunstwillens.
Doch der Kunstwille eines einzelnen Architekten konnte nicht allein das Selbstverständnis eines ganzen Berufsstands prägen. Hierzu bedurfte es einer Imagekampagne, die in der Architekturwelt bis heute als einmalig gilt. Le Corbusier fertigte in den zwanziger Jahren gigantische Fresken seiner futuristischen Stadtvisionen an und zeigte sie in Pariser Galerien. Im sprachlichen Duktus eines Revolutionsführers arbeitete er immer wieder den epochalen Umbruch in der Architekturgeschichte heraus. In seiner eigenen Zeitschrift bewarb er die Möbel, die er entwarf, in Vorträgen zeigte er Bilder aus seiner Zeitschrift, und in seinen Büchern nahm er schließlich auf alle Aspekte seiner Arbeit gleichzeitig Bezug. Es handelt sich um einen der ersten Fälle von Cross-Marketing.
Nirgendwo wird die zielsichere Selbstinszenierung jedoch so deutlich wie in den zahlreichen öffentlichen Vorträgen, die Le Corbusier zwischen 1924 und 1960 hielt. Häufig anlässlich eines umstrittenen Bauvorhabens, meist jedoch aus eigener Initiative trat Le Corbusier mit einer durchchoreografierten Architektur-Roadshow auf. Während er live auf Wandtafeln und Skizzenblöcken sein Zeichentalent demonstrierte und mit hunderten projizierter Dias das Publikum in seinen Bann zog, waren die Vorträge frei improvisiert. Seinen Look veränderte er nie – sein schwarzer Anzug und die breit umrandete Brille wurden zu seinem Markenzeichen. Corbusier sprach oft so schnell, dass sein Stenograf nicht hinterherkam. Die hektische Rede erzeugte den Eindruck der spontanen Eingebung, wodurch seine sorgfältig vorbereiteten Bildershows noch erstaunlicher erschienen.
Foto: »Monument der offenen Hand« in Chandigarh © Shubh M. Singh / FlickR | CC
Le Corbusier perfektionierte eine Redestrategie, in der er stets von der Logik seiner Schlussfolgerungen sprach. Der Kunsthistoriker Tim Benton untersucht in seinem vor einigen Monaten erschienenen Buch »The Rhetoric of Modernism – Le Corbusier as a Lecturer« (Birkhäuser) die Rhetorik Le Corbusiers aufs Genaueste und kommt zu erschreckenden Befunden: Der Architekt brach nahezu jede Regel der logischen Argumentation, verdrehte die Geschichte und schuf ein sehr subjektives Regelwerk von Wahrheiten und Werten. Die klassische Beweisführung des Syllogismus verdrehte Le Corbusier bis ins Absurde. Sprach- und Bildgewalt täuschten über inhaltliche Fehler seiner Argumente hinweg, überzeugten Auftraggeber und Schüler. Ein Beispiel?
»Geometrie ist der Ausdruck des höheren Geistes, jetzt ist das Zeitalter der Geometrie, daher beginnt heute die Epoche des höheren Geistes.«
Sätze wie diese analysiert Tim Benton in seinem Buch ausführlich und kommt zu dem Schluss, dass Le Corbusier Rationalität und Logik nur propagierte. Tatsächlich aber entwarf und redete er wie ein Schamane. Der Architekt, der ein ums andere Mal die Kraft der Logik lobpries, machte selbst keine Anstalten, ihr zu folgen. Er ließ seinen Schülern und Bauherren kaum eine Möglichkeit, ihm durch kritisches Hinterfragen zu folgen, er zwang sie gewissermaßen, den Glauben als einzige Form der Beziehung zu akzeptieren. Architektur wurde von Le Corbusier zum Wunder stilisiert, die Interessierten zu Jüngern degradiert, und der permanente Widerspruch geriet zum Instrument der Machterhaltung.
In den letzten einhundert Jahren schuf kein anderer Architekt eine solche quasi-religiöse Kultur der Verehrung – mit einer Ausnahme: der niederländische Meister der Paradoxa, Rem Koolhaas. Erst die von Le Corbusier etablierte Art der Architektursprache, in der Folgerichtigkeit durch Pathos ersetzt wird, ließ denselben als visionärsten Architekten seiner Zeit erscheinen und in einem Licht religiöser Verklärung erstrahlen.
Diese zweckhafte Widersprüchlichkeit Le Corbusiers untersucht auch Beatriz Colomina, eine der weltweit herausragenden Architektursoziologinnen. Im Katalog zu der Ausstellung »Le Corbusier: Kunst und Architektur«, die ab Juli im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen war, geht Colomina Le Corbusiers Haltung zur Fotografie nach. Ihr fällt auf, dass Le Corbusier stets die Fotografie als den größten Feind der Kunst bezeichnete, selbst aber exzessiv die neue Technik nutzte, wo er nur konnte. In einer zwischen Fortschrittsangst und Fortschrittswahn schwankenden Welt bestand Le Corbusier dadurch, dass er beide Extreme bediente – auf unterschiedlichen Ebenen, mit unterschiedlichen Medien. Verbal mahnte er vor dem Untergang der Kultur, während er die Erlösung auf der Leinwand zeigte.
Sowohl Benton als auch Colomina gehören einer neuen Generation von Architekturtheoretikern an, die es erstmals wagt, sich den Helden der Baukunst mit kritischem Blick zu nähern. Lange Zeit wurden die Biografien und Essays über Le Corbusier tatsächlich aus reiner Fan-Perspektive heraus geschrieben. Im Vergleich zur bedingungslose Verehrung und Ablehnung bilden die kritischen Analysen den bislang kleinsten Teil aller über Le Corbusier getroffenen Aussagen. Auch in der aktuellen Berliner Ausstellung kommt die Heldenverehrung nicht zu kurz. Als dritter Aspekt – neben Cross-Marketing und Selbstinszenierung – trug die Radikalität von Le Corbusiers Architekturentwürfen zu seinem Mythos bei.
Doch die Entwürfe von Hochhausstädten und Stelzenhäusern dienten vor allem der Schärfung des eigenen Profils. Nie zuvor und nie wieder danach wurden Bauprinzipien so kompromisslos umgesetzt. Das führte dazu, dass seine realisierten Projekte allesamt spektakulär an der Alltagsnutzung scheiterten. Von den Wasserschäden in der Villa Savoye oder der Überhitzung im Pariser Heilsarmeeheim bis hin zur Dauersanierung der Regierungsgebäude im indischen Punjab – Le Corbusier baute ganz bewusst Prinzipien statt Häuser.
Foto: Parlamentsgebäude der Region Punjab in Chandigarh, Indien, 1955. © Dave Morris / FlickR | CC
Diese Extremfälle der Baugeschichte als Fehltritte oder Bauherrentäuschung abzutun, wäre jedoch fatal. Immerhin wurde hier zum ersten Mal formuliert, wie weit Architektur gehen kann. Schnittige Formen, kompromisslose Raumlösungen und skulpturale Plastizität von Le Corbusier sollten niemals als Werte an sich gepriesen werden. Zur Heldenzeit der modernen Architektur gehören nämlich neben den weißen Würfeln des Bauhauses auch wirtschaftliche Zwänge und Existenzangst. Nur wer sich genügend profilierte, konnte in den damaligen Zeiten der Armut auf Aufträge hoffen. Die Meister der klassischen Moderne waren daher in nicht zu unterschätzendem Maße notwendigerweise auch Meister der Profilierung – und Le Corbusier war unter ihnen mit Sicherheit der skrupelloseste.
Dass er eine Art Totalitarismus propagierte, wird nicht nur daran deutlich, dass er den Bauherren die Nutzung ›seiner‹ Häuser genauestens vorschrieb. Er ging noch konsequenter als seine Zeitgenossen von der absoluten Planbarkeit aus. Ein Kernelement des Totalitarismus taucht auch in allen Schriften und Vorträgen Le Corbusiers auf, nämlich die Behauptung, dass der Verlauf von Vergangenheit und Zukunft zielgerichtet sei. Er interpretierte die Menschheitsgeschichte dergestalt um, dass sie stets auf Revolution und den baldigen Anbruch von Epochen des Glücks hinwies.
So wundert es nicht, dass er seine Visionen den gegensätzlichsten politischen Gruppen mit ähnlichem Vokabular vortrug. Bei Royalisten, Faschisten und Kommunisten warb Le Corbusier gleichermaßen für sich und seine Bauten. Das Künstlerdasein schützte ihn davor, sich rechtfertigen zu müssen. Auch hier leistete Le Corbusier – leider – einen Beitrag zum Berufsbild des modernen Architekten. Denn politische Verantwortung steht im Vergleich zur künstlerischen Integrität bei ihnen bis heute selten hoch im Kurs.
»Le Corbusier: The Art of Architecture«
Hrsg. Alexander von Vegesack, Stanislaus von Moos, Arthur Rüegg, Mateo Kries,
deutsche Ausgabe, Hardcover, 398 Seiten, 500 Abb., davon 233 farbig (Vitra Design Museum)
»The Rhetoric of Modernism: Le Corbusier as a Lecturer«
Tim Benton, gebunden, 247 Seiten, 155 Abb., davon 90 farbig (Birkhäuser)




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