Tocotronic Videodreh
Musikvideo-Regisseurin ignoriert Songtitel, macht alles selbst.
Text: Gunnar Klack
Aktueller geht nicht: Spex spioniert bei den Dreharbeiten zum Musikvideo der nächsten Tocotronic-Single.
Wähend draußen der erste Schnee den Winter ankündigt stehen Tocotronic in einer Industriehalle, grell beleuchtet vom Quecksilberdampf eines 35mm-Filmprojektors. Für den Videodreh beauftragten Tocotronic mit Stephanie von Beauvais eine Regisseurin, die im Umfeld der Hamburger Schule keine Unbekannte sein dürfte. Bereits drei Videos für Tocotronic sowie Clips für Egoexpress, Kante und Phantom/Ghost drehte von Beauvais.
Ihr kontrastreicher Trademark-Look mit hell beleuchteten Vordergundfiguren in schwarzen Settings ist schon in den ersten Minuten des aktuellen Videodrehs zu erahnen, doch die Hauptattraktion des Videos blieb bis zu ihrem Einsatz in Kisten versteckt. Passend zum Text des Songs bekommt ein Botschafter des Selfmade-Individualismus sein Fett weg: Mit »Macht es nicht selbst« beschwören Tocotronic nämlich den Irrsinn fetischisierter Originalität zwecks Selbstverwirklichung. Als Sinnbild für die Baumarktkette OBI lässt Beauvais Schauspieler in Biber-Kontümen auftreten und dann randalieren; doch davon war beim Dreh noch nichts zu sehen.
Das Equipment, das am Ende des Clips unter Biber-Terror leiden soll, wird vorher noch zum drehen gebraucht. Man darf gespannt sein, ob Band und Filmcrew die letzten Einstellungen gelingen, denn wenn die Zerstörung des tatsächlichen Sets zum Dreh gehört, dann bleiben nicht so viele Möglichkeiten für Wiederholungen.
Auf Tocotronics Band-Performance-Einstellungen wird ein FIlm draufprojiziert, der das ganze Bild mit Teilen des Songtextes schmückt, und mit abstrakten Kritzeln. In einer stillen Minute gestand uns aber Stephanie von Beauvais, dass sie bei der Vorbereitung des Drehs die Message des Songs geflissentlich ignorierte: In tagelanger Handarbeit bastelten sie und eine Assistentin an dem Film im Film. Frame für Frame bemalten, bekritzelten und zerkratzten sie Filmmaterial; manchmal muss man es eben doch selbst machen.

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