Die mit sich selbst identisch sind

Wichtige Musikvideos: Malakoff Kowalskis »Andere Leute«

Text: Christoph Dreher

In der Spex-Reihe »Wichtige Musikvideos« stellen wir in jeder Ausgabe einen Clip vor, der die Produktionsmöglichkeiten im digitalen Zeitalter spiegelt und Musik auf innovative Weise illustriert. In dieser Folge widmet sich Christoph Dreher »Andere Leute«, dem neuen Video von Malakoff Kowalski, das aus Szenen früher Filme des Regisseurs Klaus Lemke geschnitten ist.

Der Clip zu »Andere Leute« trägt den Titel »Ein neuer Film von Klaus Lemke«. Das ist insofern irreführend, als bei Filmen gewöhnlich die Bilder gegenüber der Musik vorrangig sind, während es bei Clips oder Musikvideos bekanntlich umgekehrt ist. Es ist eine andere Aufgabenstellung, sich Bilder zur Musik einfallen zu lassen, als Musik zu Bildern. Im Fall von Found-footage-Clips verhalten sich Musikvideos aber gerne wie ihre filmischen Verwandten.

    Ein großer Vorreiter der Verarbeitung von Ready-mades in der Clip-Montage war der 2008 verstorbene Bruce Conner. Bereits in den späten Siebzigern brillierte er mit einem Musikvideo für Devo, in welchem er Material aus alten Dokumentar-, Werbe- und Spielfilmen zur Musik des Songs »Mongoloid« montierte. Das war ein frühes Beispiel für die Fähigkeit des Clips, Bildmaterialien aus verschiedenen Quellen auf der Grund lage eines Musikstücks zu einem ver stehbaren Ganzen zusammenzufügen. Da mit war auch eine Art Recycling-Modell für Bilder entworfen, in dem das Einzelbild nach einmaligem Gebrauch nicht als ›verbraucht‹ ausrangiert wurde. Anstatt also bestimmte Bilder zu einer bestimmten Musik zu entwerfen und zu realisieren, geht es bei Found-footage-Clips darum, die Musik mit Bildmaterial zu kombinieren, das ursprünglich einmal für einen anderen Zweck gedreht worden war. Der Reiz besteht darin, die ursprüngliche Zweckbestimmung und Verwendung des Bilds erkennbar zu lassen, während das Material im neuen Zusammenhang funktioniert.

    Für »Andere Leute« recycelte Malakoff Kowalski insgesamt 104 Nahaufnahmen à zwei Sekunden aus Lemkes frühen Filmen »Liebe so schön wie Liebe« und »Sylvie«. Die Montage der computergenerierten Clips richtete sich nach einem von Kowalski programmierten Zufallsgenerator. Zehnmal ließ er von diesem Generator einen Clip produzieren, die achte Version wurde schließlich verwendet. Man sieht ihr das teilweise Zufällige ihrer Entstehung nicht an. Der Clip wirkt wie eine Hommage, daher erscheint es irritierend, dass er als neuer Film von Lemke deklariert wurde. Allerdings hatte Kowalski zuvor schon einen Song zu Klaus Lemkes Film »Dancing with Devils« beigesteuert und hätte bei den zwei darauffolgenden, nie verwirklichten Lemke-Projekten »Handys, Sex und andere Katastrophen« sowie »Kein großes Ding« den Score realisieren sollen.

    »Andere Leute« zeigt sehr schön den Unterschied zwischen Musikvideo und Film, der genau darin liegt, dass ein Video keinerlei Narration, keine Linearität und keine spezifische Kontinuität braucht, um zu funktionieren. Eine Struktur, etwas Serielles kann völlig ausreichen. Durch die Zufallsmontage von Filmszenen, die Lemkes Figuren in unterschiedlichen Situationen zeigen, ist alles aus seinem ursprünglichen Handlungszusammenhang herausgelöst, die Bilder nähern sich Porträts. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass die Figuren vor der Kamera wenig agieren. Sie gucken – mal entrückt, mal flirtend, mal lachend. Einmal springt ein Mädchen in Zeitlupe hoch, einmal isst ein anderes Mädchen ein Eis.

    Hier zeigt sich die besondere Qualität von Lemkes Filmen: Er arbeitet bevorzugt mit Laien. Und auch die bekannteren unter seinen Darstellern, wie die Brüder Marquard und Hark Bohm, die man aus Filmen von Fassbinder oder Thomé kennt, gehören am ehesten der Sorte Schauspieler an, die ihre Professionalität nicht allzu hoch hängen und deshalb zu Lemkes Haltung passen: »Dieses Film- und Schauspielergetue ist peinlich prätentiös. Eigentlich habe ich mich für die kleinen süssen Mädchen mit den aufgeweckten Gesichtern, die uns begafften, mehr interessiert als dafür, ob Ira von Fürstenberg meinen Anweisungen folgt oder nicht.« Laien statt Berufsschaupieler – das ist ein Ansatz, der gerade in den letzten Jahren wieder verstärkt verfolgt wird, sowohl im Autorenfilm als auch in einigen der besten US-amerikanischen Pay-TV-Serien wie »The Wire«. Dabei geht es stets um den heute kostbarer denn je erscheinenden Eindruck von Authentizität. Der Münchner Lemke hat immer wieder gern im Hamburger Kiez um die Reeperbahn herum gedreht – ein Ort, der ihm, zumindest bis in die siebziger Jahren hinein, ›echte‹ Figuren, Kulissen und Verhältnisse bot.

    Und in der Tat: Wenn man diesen Reigen an jungen Charakteren aus den sechziger und siebziger Jahren sieht, beschleicht einen das Gefühl, dass diese Leute auf eine selbstverständliche Weise mit sich selbst identisch waren, dass sie nicht versuchten, etwas zu verkörpern, sondern dass sie etwas oder jemand ›sind‹. Und leicht schockiert bemerkt man, wie stark man sich daran gewöhnt hat, dass heutzutage jede (jugendliche) Figur in einem Foto oder in einem Film Platzhalter ist für ein Marktsegment; dass jedes Image, jeder Style mit Marken assoziiert ist, jede Frisur und jeder Look einen Code in einer durchdefinierten Zeichenordnung der Subkulturen repräsentiert. Begriffe wie Originalität und Individualität, die man längst als zur Welt der Markenwerbung gehörig abgehakt hat, sie kommen einem hier unwillkürlich wieder ganz angemessen, möchte man die Personen in diesem Reigen von Lemke-Schnipseln beschreiben. Und man bekommt Lust, nicht nur »Rocker«, Klaus Lemkes bekanntesten Film, sondern gleich alle seine Werke aus dieser Zeit anzusehen. Eine ganz und gar perfide Werbestrategie, das …

VIDEO TAPE.TV: Malakoff Kowalski - Andere Leute

 

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1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von mmB #24: Malakoff Kowalski » michipedia:

    [...] hier gibts die Quasi-Rezension der gar nicht mehr so spexigen Spex des Videos zum Nachlesen. Tweet [...]

     
 
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