Fauré Quartett

Popsongs

Text: Björn Gottstein

Faure Quartett Popsongs CoverMan hat längst aufgehört zu zählen, wie oft nun schon versucht worden ist, das Lebensgefühl der Popkultur mit den hohen Weihen der klassischen Musik versöhnen. Eine Bach-Toccata mit Discobeat, ein Schumann-Lied als Rockballade, Donizetti als Hiphop-Sample, Deep Purple lässt sich vom Royal Philharmonic Orchestra begleiten, die Siegel Schwall Blues Band trifft auf das Boston Symphony Orchestra, das Vienna Symphonic Orchestra Project spielt David Hasselhoff, die Dresdner Sinfoniker widmen sich Rammstein. Was haben wir nicht alles für Peinlichkeiten erlebt. Das Fauré Quartett hat es sich nicht nehmen lassen, dieser Geschichte ein weiteres Kapitel hinzuzufügen.

    Nun hat das Fauré Quartett auf ihrer CD »Popsongs« erst einmal viel richtig gemacht. Sie haben den Produzenten Sven Helbig 15 meist geschmackvolle und gelegentlich auch ausgefallene Stücke auswählen lassen, mit denen sie ein breites Spektrum abdecken – von den Pet Shop Boys, Prefab Sprout, Steely Dan, A-ha und John Cale bis hin zur armenisch-amerikanischen Metalband System of a Down oder der kanadischen Sängerin Feist. Sie haben dann Arrangeure gefunden, welche die Stücke, handwerklich durchaus souverän, aufs Klavierquartett übertragen haben. Und schließlich haben sie das getan, was sie am besten können: nämlich spielen. Und sie klingt herrlich diese CD, mit einem funkelnden, aber nie aufdringlichen Klavierklang und drei Streichern, die genau wissen, wann sie samtig im Ensembleklang verschmelzen und wann sie solistisch hervorzutreten haben, wann sie das Klavier begleiten und wann sie es herausfordern.

    Nun lebt das Klavierquartett des 19. Jahrhunderts, eine kammermusikalische Gattung par excellence, von der Konfrontation zwischen den Streichern und dem Tasteninstrument. Komponisten wie Robert Schumann und Gabriel Fauré haben ihre Themen und Motive damals auf diesen Konflikt hin ausgerichtetet, um ihn musikalisch auszukosten. Wer Popsongs auf ihren Kern reduziert, um sie dann für Klavierquartett einzurichten, muss auf für das Ensemble zugeschnittenes Material verzichten.

    Was bleibt sind Melodien, Riffs und Licks und ihre harmonische Ausarbeitung. Das klingt bisweilen bezaubernd, wie ein verschwommener Schattenriss der Originale, ein musikalisches Höhlengleichnis. Wenn man dann aber Elliott Smiths »Between the Bars« im Original hört, der Melancholie der Stimme und der verlorenen Gitarrenakkorde gewahr wird, merkt man schnell, dass in den Bearbeitungen etwas Essenzielles fehlt. Die Aura der Stimme, die Bedeutungsebene des Texts, das Sounddesign. Auch wenn die Arrangeure die Musiker pfeifen lassen und hier und da ein paar elegante Blue Notes einfließen, bleiben die Versionen des Fauré Quartetts harmlos. Letztlich kommt diese Produktion nicht über gut gespielte und gut produzierte Fahrstuhlmusik hinaus. Wo es schon einmal gelang, genannt seien die Bo-Diddley- und Jimi-Hendrix-Versionen des Kronos Quartets, die Errungenschaften der klassischen Avantgarde so mit der rohen Energie der Popkultur zu versöhnen, dass etwas Anderes, Neues entstand, wirkt das Fauré Quartett mit seinen Adaptionen nicht einfach harmlos, sondern regelrecht restaurativ.

 

LABEL: Deutsche Grammophon | VERTRIEB: Universal Music Classics

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1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » »Bei Schmetterlingen fragt niemand nach der Raupe«:

    [...] In seiner Rezension in Spex #323 lobte Spex-Autor Björn Gottstein das Spiel des Fauré Quartetts, den »funkelnden, [...]

     
 
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