»Nicht neu für mich, sondern neu als solches«

John Maus zu Star Trek, seinem neuen Album und dem Unerwartbaren

Text: Walter W. Wacht

John Maus LiveAnfang des Monats teilte der amerkianische Musiker und Philosophie-Dozent der staatlichen University of Hawaiʻi at Mānoa John Maus über seine Online-Präsenzen mit, dass er in Kürze die New Yorker Band Chairlift als Keyboarder auf deren Europa-Tournee begleiten würde und für die fraglichen Termine auf der Suche nach Einzel-Shows sei. Wenige Tage später standen bereits die ersten Konzerte, nun wurden auch die beiden anderen Shows in Leipzig und Hamburg bestätigt.

    Maus, 29 Jahre alt, arbeitet bereits seit seinem elften Lebensjahr in Sachen Musik. Seit Ende der Neunziger war er in Ariel Pinks Underground-Avantgarde-Projekt Haunted Graffiti und als Tour-Keyboarder für Panda Bear tätig, um 2006 auf dem Label Upset! The Rhythm sein erstes Solo-Album »Songs« und ein Jahr später das furiose »Love is Real« zu veröffentlichen – ein von flott klimpernden Synthesizer-Sounds, flächig ausgewalzten Ambiencen und hämmerndem Drumcomputing geprägtes Album, über dem in allen Stücken Maus’ repititiver und ultra-baritoner, an Ian Curtis erinnernder Gesang stand. In seinen wohldurchdachten Texten arbeitet sich Maus an Sex und Gleichheit, Homosexualität und Ungleichheit, gesellschaftlichen Besitzverhältnissen und Liebe sowie Verlust und Sehnsucht ab – wobei genaues Hinhören gefragt ist, denn seine Stimme schleift Maus oft genug durch Verzerrer. So entstehen Shoegaze-Electro-Tracks von bezaubernder Eleganz, Live zelebriert Maus seine Songs mit radikaler Inbrunst und bringt sich – gemeinsam mit dem Publikum – nahe des kollektiven Freakouts. Zuletzt wurde es wieder ruhig um an mittelalterlicher Musik wie Science Fiction interessierten Maus: Lediglich ein Musikvideo zu seinem Song »Enterprise« wurde dem Album nachgeschoben.

    »Das Stück ist meinem vor zwei Jahren erschienenen Album ›Love is Real‹ entnommen«, antwortet Maus auf den Clip angesprochen. »Meine gute Freundin und Six-Organs-Od-Admittance-Musikerin Jennifer Juniper Stratford hörte das Stück und wollte ein Musikvideo dazu machen. Was ich an Star Trek interessant finde ist die Video einer versöhnten Menschheit. Eine Menschheit die Hauptstädte und/oder Repräsentationen überwunden hat, und durch nichts anderes als der Sehnsucht für das Unbekannte und Fremdartige vereint ist. Dabei ist die Gesellschaft in Star Trek nicht einmal wirklich ›vereint‹, sondern sogar zur mannigfaltigen reinen Existenz befreit.«


VIDEO: John Maus - Enterprise

    Frage: Welche Star-Trek-Serie wäre Deine liebste? Star Trek: Original? Next Generation? Deep Space Nine? Voyager? Enterprise?
    John Maus: Ich müsste wählen zwischen »The Next Generation« und »Deep Space 9«. In »Deep Space 9« wird von der ersten bis zur letzten Episode eine einzige, epische Geschichte erzählt: Die eines Wurmlochs, des darin enthaltenen Bewusstseins und des Kapitäns Benjamin Sisko. Im Lauf der Geschichte werden die Barbarei des Kolonialismus, des Krieges und die Instrumentalisierung der Religion als das was sie sind freigelegt. Außerdem erzählt »Deep Space 9« die lange Geschichte einer Menschlichheit, der von einem anderen, weiter entwickelten und fremdartigen Bewusstsein der Prozess gemacht wird – den Q.

    Letztendlich bevorzuge ich aber »The Next Generation« – nicht nur weil Picard, Data, Worf und andere die großartigsten Charaktere der Fernsehgeschichte sind, sondern weil die Menschheit in ihrem Gerichtsverfahren verteidigt wird. Außerdem ist die Episode »The Offspring«, in der Data seine Tochter Lal erschafft, eine der schönsten Betrachtungen zur Sterblichkeit, die ich je gesehen habe.

    Dass nun aber ausgerechnet Star Trek zum Motiv des neuen Albums wird, darf bezweifelt werden – schließlich kann Maus selbst den Entstehungsprozess seiner Songs nur abstrakt in Worte fassen. »Seit der Veröffentlichung von »Love is Real« vor zwei Jahren habe ich an der University of Hawaiʻi at Mānoa einen Kurs in politischer Philosphie geleitet«, sagt Maus auf die Frage nach seinen jüngsten Projekten, »… und wann immer es die Zeit erlaubte, arbeitete ich an meinem kommenden Album. Dies gestaltete sich – wie immer – für mich als sehr schwierig. Der französische Literaturtheoretiker und Schriftsteller Maurice Blanchot formulierte diese Erfahrung einmal besser, als ich es jemals könnte: Die Arbeit an Neuem ist demnach immer eine Unmöglichkeit, ein Treffen am Abgrund des Todes und der Endlichkeit, ein Leid, mit dem meine eigene Existenz hinterfragt wird.«

    Frage: Was können wir von dem neuen Material erwarten?
    John Maus: Das ist eine schwierige Frage, weil alle meine Songs unter den Versuchsbedingungen von etwas völlig Neuem enstehen – nicht nur neu ›für mich‹, sondern neu ›als solches‹. Idealerweise würde man das Unerwartete von den neuen Stücken erwarten.

    Wir warten mit Ungeduld.


VIDEO: John Maus - Pure Rockets (Live at Kultuuritehas, Talinn)
MP3: John Maus - Do Your Best
STREAM: John Maus - Too Much Money

John Maus Live:
31.10. Berlin - West Germany
mit DJ Martin Hossbach (Spex)
01.11. Köln - King Georg
02.11. Leipzig - Skala
03.11. Hamburg - Golden Pudel Club

Chairlift Live:
30.10. Münster - Gleis 22
31.10. Berlin - Magnet
01.11. Köln - Gebäude 9
03.11. Hamburg - Knust

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3 Kommentare:
  1. almighty defenders
    almighty defenders:

    Irgendwie ist das Hören von John Maus - Platten anstrengend.

    Jedoch erwischt man sich trotzdem seine Platten immer wieder zu hören.

    Und ja, Star trek ist großartig.

     
  2. Walter W. Wacht
    Walter W. Wacht:

    Anstrengend? Wieso? Geht Dir das nicht runter wie Butter? Die Stimme, alles, ziemlich super.

     
  3. almighty defenders
    almighty defenders:

    Ich kann es nur schwer beschreiben

    Die Sounds sind eingängig, und John Maus ist natürlich super,
    nichtsdestoweniger kann ich es so recht nicht in Worte fassen. Vielleicht liegt es an den ?eigenartigen? Synthieklängen.

     
 
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