»Nein, wir nehmen kein Acid«

Das Kammerflimmer Kollektief spielt am kommenden Freitag im Rahmen der Gruppenausstellung »Je est un autre« in der Berliner Galerie Meyer Riegger. Die Ausstellung zeigt Arbeiten vier zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler – darunter Heike Aumüller, Mitglied des Kammerflimmer Kollektiefs. Im Februar 2010, am Tag des Murmeltiers, erscheint auf Staubgold deren neues Album »Wildling«. Martin Hossbach sprach mit Aumüllers Mann und Kammerflimmer-Kollektief-Mitglied Thomas Weber.


Abbildung: Heike Aumueller, Blind, 2007 (Mit freundlicher Genehmigung Galerie Meyer-Riegger)

Wer ist heute Kammerflimmer Kollektief?
    Im Moment besteht das Kollektief aus Heike Aumüller (Mouth, Harmonium, Synthesizer), Johannes Frisch (Kontrabass) und meiner Wenigkeit – an der Gitarre und anderem Zeugs.

In »Move Right In« hören wir zum ersten Mal Gesang in einem Stück des Kammerflimmer Kollektiefs, richtig?
    Es ist nicht das erste Mal Gesang, wir hatten schon auf unserer letzten LP »Jinx« zwei Stücke, allerdings ohne Texte, sondern eher am Scat-Gesang orientiert und von Heike in Zungen gesungen.

[audio:http://www.spex.de/files/2009/09/kammerflimmer-kollektief-move-right-in.mp3|titles=Move Right In|artists=Kammerflimmer Kollektief]
STREAM: Kammerflimmer Kollektief – Move Right In

Was hat Euch bewogen, jetzt mit einer singenden Stimme zu arbeiten?
    Mit einer weiteren Stimme zu arbeiten war und ist eine intuitive und unbewusste Entwicklung gewesen und hat sich im Kollektief-Soundkontext während der Konzerte der letzten drei Jahre zunehmend implementiert.

Wovon handelt »Move Right In«?
    Der Text zu »Move Right In« besteht aus »Träumen, Schemen und Themen«, wie der »Song and dance man« Bob Dylan in seiner »Theme Time Radio«-Sendung so schön zu sagen pflegt. Was der Text bedeuten könnte, darf der Hörer selber herausfinden. Ich weiß es nicht. In gewisser Weise ist es ein Versuch, sich an das Format Song heranzutasten, oder besser: uns vor dem Format zu verbeugen. Ich lese gerade »Where Dead Voices Gather«,  Nick Tosches’ Buch-Meditation über Emmett Miller, dem verschütt gegangenen ›blackface minstrel performer‹. Tosches versucht sich darin an der geheimen Geschichte einer amerikanischen Musik und erklärt die Welt according to a song:

»And, of course, that is what all of this is – all of this: the one song, ever changing, ever reincarnated, that speaks somehow from and to and for that which is ineffable within us and without us, that is both prayer and deliverance, folly and wisdom, that inspires us to dance or smile or simply to go on, senselessly, incomprehensibly, beatifically, in the face of mortality and the truth that our lives are more ill-writ, ill-rhymed and fleeting than any song, except perhaps those songs – that song, endlesly reincarnated – born of that truth, be it the moon and June of that truth, or the wordless blue moan, or the rotgut or the elegant poetry of it. That nameless black-hulled ship of Ulysses, that long black train, that Terraplane, that mystery train, that Rocket ›88‹, that Buick 6 – same journey, same miracle, same end and endlessness.«

Wie unterscheidet sich die kompositorische Herangehensweise bei »Move Right In« im Vergleich zu einem ungleich längeren Stück wie »In Transition«, das erst nach 13:37 Minuten endet. Weiß man vorher, wie lang ein Stück werden wird?
    Vorher wissen wir nichts. Hinterher manchmal mehr. Die Herangehensweise ist bei beiden Stücken ähnlich: »Sittin & Thinkin’«, dann spielen und improvisieren, prüfen, editieren. Und dann: wieder prüfen. Manchmal wird dann wieder dekonstruiert, anschließend rekonstruiert, solange bis es richtig wird. Im Unterscheid zu einer Live-Performance bei der die Schwerpunkte eher in der Improvisation und der Gruppendynamik liegen, geht es bei der Arbeit im Atelier, im Studio und am Rechner eher langsamer und meditativer zu: »When you are working«, sagt John Cage, »everybody is in your studio – the past, your friends, the art world, and above all your own ideas … But as you continue painting, they start leaving, one by one, and you are left completely alone. Then, if you’re lucky, even you leave.«

[audio:http://www.spex.de/files/2009/09/kammerflimmer-kollektief-in-transition.mp3|titles=In Transition|artists=Kammerflimmer Kollektief]
STREAM: Kammerflimmer Kollektief – In Transition

Welche Instrumente werden in »In Transition« benutzt?
    »In Transition« besteht aus einem digitalen Grundgerüst (einem Bordun-Loop) und einem komplett mit Kontrabass, Synthesizer und Slide-Gitarre live improvisierten Take, den wir zu Dritt direkt auf Band aufgenommen haben. Am Rechner habe ich anschließend alles zusammengefügt und poliert.

In den Metadaten der beiden Audio-Files, die Du uns geschickt hast, hast Du als Genre »Psychedelic« angegeben. Was bedeutet Psychedelic für das Kammerflimmer Kollektief?
    Der Begriff Psychedelia beschreibt für uns eine freigeistige Mischform aus psychoakustischem und intuitivem Mäandern zwischen Improv und Loop einerseits – und einer sich nur fast auflösenden Songform andererseits. Bewußtseinsverändernd, immer zwischen Präzision und Freiheit hängend, ohne Eskapismus. Denn, nein, wir nehmen kein Acid!

Wer oder was ist ein »Wildling«, nach dem euer neues Album betitelt ist?
    Grimms Wörterbuch sagt: »Ein wildgewachsener Baum, ein wilder Mensch, ein wildes Tier«.

Heike nimmt an der Gruppenausstellung bei Meyer Riegger Berlin teil. Welche Arbeiten stellt sie aus? Bezieht sich Eure Musik auf Heikes Werke?
    Heike zeigt zwei Videoarbeiten: eine Beamer-Projektion namens »Blindlings« und eine Videoinstallation namens »Absence«. Seltsame Räumlichkeiten bilden den Rahmen für weird aussehende Protagonisten, die wiederholt bestimmte Gesten und Handlungen ausführen. Elektrische Körper erproben die Grenzen der Körpererfahrung! Was Heike mit bzw. in ihrem bildnerischen Werk macht, zehrt vom gleichen wie das, was wir zusammen in der Gruppe entwickeln: Es spricht in vielen Zungen und sucht nach Tönen und Bildern, die hängenbleiben und aufrichtig sind, gerade in dieser Zeit, wo es soviel Schrott an jeder Ecke gibt. Wir versuchen weiterhin, wacker die Räume aufzuschließen, zu denen es schon länger keine Schlüssel mehr gibt. Wer zuhören und zusehen will fährt einfach die Antennen aus.

Das neue Album »Wildling« von Kammerflimmer Kollektief erscheint im Februar 2010 bei Staubgold.

Kammerflimmer Kollektief Live:
25.09. Berlin – Galerie Meyer Riegger (Beginn: 20 Uhr)
23.10. Bremen – Schwankhalle
26.10. Hamburg – Polittbüro (mit Dietmar Dath)
30.10. Mannheim – Alte Feuerwache / Punkt Festival
06.11. NL-Amsterdam – Paradiso (mit Dietmar Dath)