Nostalgie für das, was Pop war

Sally Shapiro

Text:

Synthiepop und Kulleraugen: Treibt es Sally Shapiro mit ihrer Emulation von Sandra zu weit? Nein, die schüchterne Schwedin rehabilitiert mit ihrem Album »My Guilty Pleasure« den Popsong als Drei-Minuten-Projektionsfläche.


Foto: © Diane Vincent / Spex

Wie ging eigentlich Pop noch mal? Die Schwedin Sally Shapiro erinnert uns: eine Melodie, ein Sound, ein Gitarrenriff, dazu eine Zeile, die dich trifft »wie ein Blitz« – wie es in ungezählten Lovesongs heißt. Schon sprechen die Botschaften aus dem Radio oder vom Plattenteller zu dir allein. Der Star und seine Drei-Minuten-Erzählung als Projektionsfläche: Das könnte ich sein. So zeigt es auch das Video zu Sally Shapiros Song »Jackie Jackie«: Ein Junge (oder ist es ein Mädchen?) im Kinderzimmer. An den Wänden hängen Poster, darunter ein Bild von Sally. Das Kind zieht eine Sally-Shapiro-LP aus dem Regal und singt und tanzt zu dem Song, schließlich auch gemeinsam mit Sally, die im TV-Bild erscheint: »Oh, Jackie Jackie / I still wait by the phone / Oh, Jackie Jackie / I don’t wanna be alone / So come along with me tonight«.

    »My Guilty Pleasure«, das neue Album von Sally Shapiro, ist ein einigermaßen unwahrscheinliches Ereignis. Synthiepop der achtziger Jahre fusioniert hier mit Italo-Disco und deutschem Neunziger-Sonnenaufgangs-Trance zu sehnsuchtsvoller Gute-Laune-Nachmittagsmusik. Über allem schwebt Sallys helle Stimme, die von Missverständnissen, Erinnerungen an verflossene Affären und vom Blick auf die Sterne singt. Wer Sally Shapiro für gewitzt ironisch und ihre Musik für ein distanziertes Spiel mit Kitsch hält, also nur die zynische Exploitation noch nicht vollständig recycelter Oberflächen, versteht etwas falsch. Sally – und nicht nur sie, denn hinter Sally Shapiro verbirgt sich ein Duo – hegt eine Nostalgie für das, was Pop wirklich einmal war.

    Sally Shapiro und Johan Agebjörn stellen in ihrem Wohnzimmerstudio die Popindustrie der Achtziger nach. Sally, die ein großer Fan des Münchener Retortenwunders ist, das harmlosen Synthiepop mit eher simplen und nicht gerade stimmgewaltig vorgetragenen Texten präsentierte, übernimmt die Rolle von Sandra. Und Johan Agebjörn impersoniert Michael Cretu. Die Musik, die auf »My Guilty Pleasure« zu hören ist, wäre in den Achtzigern das Produkt einer millionenschweren Record Company, einer vielköpfigen Maschinerie aus A&R-Leuten, Managern und Produzenten gewesen, denen Sally ihren Körper geliehen hätte. Heute ist da aber nur Johan, der mit ein paar Apparaten Musik macht. Wer Sally trifft, begegnet einer strahlenden und ein bisschen schüchternen Frau, aber nicht dem medialen Abziehbild der jungen Tussi, die nur noch mit einer Föhnwelle konfektioniert werden muss. Tatsächlich verdienen Sally und Johan ihr Geld mit ›ehrlichen‹ Berufen außerhalb der Entertainment-Industrie und wollen auch nicht live auftreten. Deswegen ist ihr Album beim kleinen Münchner Label Permanent Vacation erschienen – potentere Firmen hatten abgewunken: Ein Act, der kein Act ist, ist heutzutage nicht zu verkaufen.

    Sally Shapiro sind also ein zeitgenössisches Modell dessen, was Diedrich Diederichsen im 20. Jahrhundert »Second Order Pop« genannt hat. Sie wissen genau, was sie tun, wenn sie einen selbstreflexiven Popsong des außerhalb Schwedens völlig unbekannten Nicolas Makelberge covern, dessen Refrain so geht: »I can’t get over you / Even if they are dying in Africa«. Pop ist nichts, was die Welt verändert. Deinem Leben aber kann er Momente von Wahrheit schenken – über dich selbst und die anderen.


VIDEO: Sally Shapiro – Miracle
Regie: Will Joines

»My Guilty Pleasure« von Sally Shapiro ist bereits erschienen, soeben wurde das neue Musikvideo zur Single »Miracle« veröffentlicht (Permanent Vacation / Groove Attack). Das Magazin XLR8R bietet derzeit einen kostelosen DJ-Mix von Sally Shapiro mit Stücken von u.a. Saint Etienne, Annie und Stacey Q an.

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