Spektakel aus Geschrei

HGich.T

Text: Oskar Piegsa

HGIch.T Spex #322 Kathrin Brunnhofer
Foto: © Kathrin Brunnhofer / Spex

Marc fährt nachts Taxi, Sascha tagsüber LKW, Maike trägt Dreads und Paul hat seine Diplomarbeit in Mathematik über stochastische Attraktoren geschrieben. Was die Mitglieder von HGich.T gemein haben: Wenn sie mit ihren bis zu zehn Mitstreitern auftreten, kleiden sie sich in Mülljacken oder zeigen sich gleich ganz nackt.

    Man sieht sie seltener auf der Bühne als im Publikum, wo sie Pogo und Polonaise tanzen, dem Vollkontakt und Vollrausch verpflichtet. »Arbeit nervt«, analysierten Deichkind einst ebenso arbeitsverweigernd wie hedonistisch und boten Krawall und Remmidemmi als Alternative an. HGich.T, für deren Namen es keine gängige Aussprache gibt und der Gerüchten zufolge für »Heute geh ich tot« steht, gehen in Theorie und Praxis noch einen Schritt weiter als Deichkind.

    »Wir stehen außerhalb der zivilisatorischen Konditionierung«, sagt Marc, »alle Regeln sind scheiße«. Konzerte von HGich.T sind deshalb Spektakel aus Trash-Beats und Geschrei, das irgendwie noch als Gesang durchgeht. Sinn ergibt die Kategorie ›Konzert‹ allerdings nur, wenn man HGich.T auch den Status einer ›Band‹ zuspricht – dabei spielen sie das Bandsein eher, um Situationen der scheinbaren Regellosigkeit herzustellen. 1996 an der Hamburger Kunsthochschule gegründet, haben HGich.T seit 2000 mit experimentellen Sounds Clubs leer gespielt. »Der Erfolg kam erst durch die Drogenverherrlichung«, sagt Marc.

    »Tutenchamun«, das ›Lied‹ über eine Polizeikontrolle auf LSD (Textprobe: »Goa, Goa, MPU«), hat mit seinem grenzdebilen Video dieses Jahr die Millionengrenze auf YouTube durchbrochen. Auch auf dem »Ultimate Trasher«-Sampler von Tapete Records wurde es veröffentlicht. Doch Stumpf-Techno und Videos sind nur ein schwacher Ersatz für den Dada-Ballermann der Live-Shows, bei denen keine Membran vor dem Schweiß und den freischwingenden Pimmeln von HGich.T schützt – und der Zivilisation für ein paar Momente situationistisch international eins ausgewischt wird.


VIDEO: HGich.T - Tutenchamun

Im Oktober und November wird man HGich.T Live in Berlin, Hamburg, Zürich, Wien und Düsseldorf sehen können, alle Termine unter www.hgicht.de und MySpace

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3 Kommentare:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Der Spextrakt:

    [...] Totalabsturz – HGich.T Zweite Meinung gefällig? Wer nach der Lektüre von Oskar Piegsas Artikel über das Hamburger dAdAlEkTrO-Projekt HGich.T weiter abtauchen möchte, der wird heute im Kunstmagazin art [...]

     
  2. Dieser Kommentar ist ein Trackback von 17.04.2010 HGich.T @ Sojus7 40789 Monheim:

    [...] HGich.T @ Sojus7 40789 Monheim Spektakel aus Geschrei im Sojus 7 Marc f

     
  3. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Schillernder Ohrenschmerz:

    [...] – stets »dem Vollkontakt und Vollrausch verpflichtet«, wie Oskar Piegsa einmal attestierte –, und der bärtige Neo-Disco-Eros Christopher Kline alias Hush Hush. Da [...]

     
 
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