Und einer zählt die Geldscheine

Sein Blog »Mudd Up!« ist eine der wichtigen Schaltstellen, über welche die Stile der sogenannten World Music mit Pop und Noise-Avantgarde zusammenfinden. Diesen globalistischen Ansatz verfolgt DJ Rupture alias Jace Clayton auch als Produzent. Mixtapes, Alben und Singles des in Brooklyn lebenden Produzenten sind auf Soul Jazz und Tigerbeat 6 erschienen.


Foto: Christoph Voy / Spex

Jayce Clayton, wer heute künstlerisch überleben möchte und nicht von Haus aus vermögend ist, ist gezwungen, parallele Karrieren zu verfolgen. Sie sind Produzent, Labelbetreiber, DJ, Blogger und Vortragsreisender – können Sie von Ihrer Arbeit leben?
    Ich bin seit ziemlich genau zehn Jahren das, was man gemeinhin als einen ›Freiberufler‹ bezeichnet. Und ich muss zugeben: Es zehrt einen aus. Es kostet mich Kraft und Nerven, nie zu wissen, welcher Job mir im nächsten halben Jahr Miete, Strom und Wasser bezahlen wird. Arbeit zu suchen und zu finden macht einen nicht zu unterschätzenden Teil des Freiberufler-Daseins aus – und ich könnte gerne darauf verzichten. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mir einen sicheren Job wünsche. Aber wie soll das als fahrender DJ funktionieren? Genauso wenig kann ich meine Jobsituation als Produzent und Labelbetreiber planen. Die Zeiten sind  nicht hart, aber sie sind schwierig. Wenn Sie mich also fragen, ob es mir gut geht, kann ich  sagen: Ja, ich kann von meiner Musik leben.
    Und: Ja, es geht mir künstlerisch gut dabei. Ich kann schreiben, produzieren und spielen, was ich will. Ich habe künstlerische Freiheit und ein dankbares Publikum. Beides sind in der digitalen Informationsgesellschaft sehr wertvolle Güter.

Beides sind immaterielle ›Güter‹.
    Im musikalischen Ökosystem geht es mir vergleichsweise gut. Ich lege an einem Abend in einem besetzten Haus in Ljubljana auf und werde am nächsten Tag in eine europäische Metropole geflogen, um dort einen Vortrag zu halten. Reise ich nicht, produziere ich zu Hause meine Musik – und von überall kann ich meinen Blog in die Welt hinaussenden. Ich kann mich auf allen genannten Parketts sicher bewegen – das macht mich krisenfest, zumindest bilde ich es mir ein. Gleich mein erstes Mixtape, »Gold Teeth Thief« von 2001, entwickelte sich zu einem großen Hit. Ich habe es damals als Gratis-Download ins Internet gestellt und gut verfolgen können, welche weltweiten Kreise es zog – E-Mails kamen aus Japan, den Staaten und Frankreich, man wollte »Gold Teeth Thief« ganz offiziell auf CD veröffentlichen oder mich als DJ buchen. Zur Zeit vor der digitalen Evolution wäre dieser Mix vermutlich mein Demo gewesen. Ich hätte ihn an ein paar Plattenfirmen geschickt, und vielleicht wäre er irgendwann irgendwo veröffentlicht worden. Aber ich hätte zu diesem frühen Zeitpunkt meiner Karriere mit Sicherheit niemals dieselbe Aufmerksamkeit erhalten.
    Mein erster Karriereschritt war gewissermaßen mithilfe der digitalen Netzwerk-Tools des Internets ohne Umwege der Eintritt in die Liga der international gebuchten DJs. Der Einsatz war ein einziges Mixtape, für das ich, weil es ein Gratis-Download war, zunächst keine Tantiemen erhielt – die Ausschüttung war dennoch enorm. Ich verzichtete auf etwas und bekam dafür etwas anderes, viel Größeres. Und seitdem kann ich mir ein Arbeiten ohne MySpace und Internet gar nicht mehr vorstellen. Von überall her kommen Anfragen, und ich kann diese Anfragen auch auf Reisen bedienen. Es ist heute viel einfacher geworden, Tourneen zu organisieren, und auch das Business an sich ist durch die Verfügbarkeit aller Informationen viel transparenter geworden. Wer heute Musiker werden will, kann sich über alle seine Rechte und Möglichkeiten viel leichter informieren als je zuvor. Andererseits kann ich mailen und telefonieren so viel ich will – fast immer bedarf es doch eines realen persönlichen Treffens, um eine Geschichte wirklich ins Rollen zu bringen. Das ist zumindest meine Erfahrung.

DJ Rupture Digitale EvolutionSie benötigen gewissermaßen die volle, nichtvirtuelle Bandbreite eines ›echten‹ Treffens. Wie wichtig ist im übertragenen Sinne Soundqualität? Werden hochauflösende Audiofiles dank immer höherer Datenübertragungsraten und schnellerer Leitungen eines baldigen Tages das MP3 wieder verdrängen?
    Ich beobachte eher das Gegenteil: Die Leute von heute geben sich mit immer weniger zufrieden. Sie hören sich Musik über die Lautsprecher ihrer Mobiltelefone an und finden das ausreichend. Und statt Fernsehen zu gucken, ziehen sie sich stundenlang pixelige YouTube-Videos rein. Es ist eine ganz und gar schwierig zu beurteilende Situation. In meinem Blog – auch so ein Abfallprodukt der digitalen Evolution – schreibe ich viel über arabische Musik. Fast die gesamte alte arabische Musik, also alles, was in den Zwanzigern, Dreißigern, Vierzigern und bis in die Siebziger hinein aufgenommen wurde, war eine reine Kassettenkultur. Mit der schlagartigen Umstellung von der Kassette auf CD verschwand der Löwenanteil der eher unbekannten und kommerziell weniger erfolgreichen arabischen Musik – sie wurde einfach nicht digitalisiert. Superstars wie Oum Kalthoum haben den Medienwechsel natürlich unbeschadet überstanden, aber alles außerhalb des Radars wurde gewissermaßen ausradiert. Arabien hat, soweit ich es beurteilen kann, anders als die westliche Welt, in diesem Sinne kein musikalisches Gedächtnis mehr.

Nun könnten Leute wie Sie, die sensibilisiert sind für diese Problematik, ja beispielsweise mithilfe von Blogs gegensteuern.
    Tue ich ja, aber andererseits habe ich mir nicht vorgenommen, die arabische Musik zu katalogisieren. Aber gelegentlich illustriere ich das, was ich schreibe, natürlich mit einem MP3. Und natürlich gibt es arabische Blogger, die versuchen, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten substanzielle Lücken zu schließen, indem sie ganze Archive ins Netz stellen. Aber selbst wenn alle diese Daten eines Tages einmal synchronisiert werden, so dass man verlässlich Zugriff auf die Musik des Irans, Ägyptens, Marokkos, des Libanons und all der anderen arabischen und nordafrikanischen Kulturen hätte – ich glaube nicht an die Ewigkeit des Internets. So, wie viele Songs mit dem Formatwechsel von der Kassette zur CD unwiderruflich verloren gegangen sind, ist unklar, wie viel Musik verloren gehen wird, wenn Festplatten crashen, Server gelöscht werden oder Zensur einen freien Datenaustausch verhindert.

Eine philosophische Frage!
    Und die zweite philosophische Frage in diesem Zusammenhang ist, ob der Verlust, der durch die MP3-Komprimierung an Sounddichte in der westlichen Erinnerung verloren geht, nicht einen ähnlich schwerwiegenden kulturellen Verlust bedeutet – und zwar ungeachtet all der tollen Nebeneffekte, welche die Netzkultur so bereithält.

Die besten Speichermedien in den Zeiten der digitalen Gesellschaft?
    Vinyl, Zelluloid, Papier.

Die CD war also ein Unfall der Geschichte?
    Ein Zwischenstadium. Und zugleich eines, das beim Sterben noch immer die interessantesten Blüten treibt! In vielen sogenannten Entwicklungsländern ist die CD nach wie vor ein Massenmedium. Interessanterweise kostet die CD in diesen Ländern so gut wie nichts – in der Regel zahlt man für eine CD einen Betrag zwischen 50 Cent und zwei Dollar. In Lateinamerika, in Afrika, in Indien – überall gibt es Schwarzmarktware zu kaufen, die vom Mainstream bis zum ausgefallenen Spezialistenprodukt fast alles abdeckt. Vor allem in Ländern, in denen die Bandbreite im Internet noch gering ist, alles viel zu langsam herunterzuladen ist, blüht diese CD-Kultur. Ich war neulich in Peru. In Lima besuchte ich eine gigantische Einkaufspassage, in der in jedem Laden ausschließlich illegale Ware verkauft wurde – von Musik über Filme bis hin zu Markenkleidung.
    Das Absurde ist: Hinter diesem Schwarzmarkt steht eine hyperkapitalistische Industrie! Ganz Afrika ist in diesem Sinne eine solche hyperkapitalistische Gesellschaft. Und doch leben lokale Künstler, die beispielsweise einen Baile-Funk- oder Hiphop-Mix cutten und der Mafia anbieten, von diesen dunklen Vertriebswegen, denn irgendetwas bekommen sie letztlich doch von den Verwertern gezahlt. Nicht viel, aber immerhin etwas. Und dann wird der nächste Mix gemacht, und den gibt es dann kurze Zeit später sogar in Brooklyn zu kaufen, obwohl er ursprünglich aus Lima kam. Irgendwie erinnert mich das System an das vielpropagierte Flatrate-System: Alles wird undurchschaubar, irgendwie verdient jeder ein bisschen, nichts ist mehr nachvollziehbar – und irgendwo, an einem anderen Ort, zählt einer die Geldscheine. Je weiter man sich von der westlichen Welt entfernt, desto weniger zählt das Copyright. Ob jamaikanischer Reggae oder äthiopische Musik – wenn ich eine Kopplung mit Musik aus diesen Ländern veröffentlichen möchte, stoße ich oft auf das Problem, dass der Musiker, der eigentliche Urheber, keinen Cent meiner Lizenz zu sehen bekommen wird. Tantiemen wurden einmal in den Siebzigern ausgezahlt, und das war’s dann. Keine Rechtsprechung schützt diese Musiker.

Digitale Evolution DJ RuptureWas kann man aus diesen Vertriebsstrukturen lernen?
    Positiv gewendet: Wir können lernen, wie schnell etwas gehen kann, wenn kein Gesetz und keine vorgeschriebene Prozedur zur Rechteauswertung ›im Weg‹ steht. Heute kann ich einen Tag, nachdem ich irgendwo aufgelegt habe, einen Mitschnitt meines Sets aus dem Netz herunterladen. Größere Acts verkaufen heute an jedem Abend einer Tour am Merchandise-Stand Memory-Sticks mit einer professionellen Aufnahme des soeben beendeten Konzerts. Erinnerungen werden festgehalten. Wir leben in einer Zeit, in der die Unmittelbarkeit einen immer größeren Status zugewiesen bekommt. Alle Konzerte können wir jederzeit irgendwo herunterladen. Jedes DJ-Set wurde mitgeschnitten. Jede denkbare Compilation, jedes Mixtape ist verfügbar.
    Vielleicht erleben wir gerade das Ende des Meisterwerks? Mozart brauchte mehr als hundert Jahre – gerechnet vom Tag seines frühen Todes –, um von aller Welt als leuchtende Figur der Musik anerkannt zu werden. Und heute? In solchen Zeitkategorien denken wir doch heute gar nicht mehr! Selbst für ein ›Meisterwerk‹, wie wir es in den letzten zwanzig, dreißig Jahren definierten, brauchte es noch eine Kritikerschar, die sich auf einen Musiker oder einen Kanon einigte; es brauchte Zeit, damit sich dieser Konsens bilden konnte; und schließlich bedurfte es einer gesellschaftlichen Übereinkunft, dass so etwas wie ein ›Meisterwerk‹ überhaupt gewertschätzt wird. Diese Wertschätzung wiederum basierte darauf, dass Kunst und Leben voneinander getrennt sind, dass der Kunst und der Musik eine Nähe zum Göttlichen attestiert wird. Nur so kann die überweltliche Aura, die dem Konzept des Meisterwerks innewohnt, überhaupt entstehen. Die Aura entsteht künstlich aus einem sozialökonomischen Kontext heraus.
    In den meisten Ländern der Welt gibt es etwa gar kein Bedürfnis nach Meisterwerken, da hier der sozialökonomische Kontext ein ganz anderer ist – hier kommt und geht Musik und hat nur als Kontinuum einen bleibenden Wert, aber nicht als Ausdruck einzelner ›Genies‹ oder ›Künstler‹. Als Musiker zu arbeiten, bedeutet hier nicht Künstler oder Genie zu sein, sondern einer Arbeit als Tagelöhner nachzugehen – jeder Riddim bringt eine Mahlzeit. Manchmal denke ich, dass eine Band wie Radiohead zu den letzten Bands der alten Kunstauffassung gehört, in der es noch Genies, Meisterwerke und Einzigartigkeit gab. Die Zukunft ist diversifizierter, unüberschaubarer, flacher.

Freuen Sie sich auf diese Zukunft?
    Wir stecken auch im Westen schon mitten drin in dieser Entwicklung. Kategorien wie ›gut‹ oder ›schlecht‹ werden in einer solchen hierarchisch flachen Musikkultur immer weniger Bedeutung haben. Mit retrospektiven Kriterien hingegen beurteilt man Kunst im Museum, Musik, auf die man zurückblickt und die man dann rückblickend als gut, schlecht, wichtig oder unwichtig einordnet. Auf die Musik angewandt, die in der Gegenwart entsteht, helfen solche Kategorien wenig, können sie doch kaum mehr als subjektive Geschmacksurteile sein.

Und stattdessen?
    So blöd es klingen mag: Ich empfehle den Augenblick, in dem Musik entsteht, zu genießen und den Künstlern zuzuhören. Dann befindet man sich als Konsument in derselben Gegenwart wie der Künstler, teilt im wahrsten Sinne des Wortes einen Raum und einen Moment. Dann bekommt man ein Gespür für das Wesen von Gegenwart. Und von mir aus fällt es einem dann später leichter, das zuvor Erlebte als ›gut‹ oder ›schlecht‹ zu erinnern – dann, wenn man sich längst wieder in einer späteren Gegenwart bewegt, in der man sich hoffentlich abermals mit Offenheit dem Neuen, dem Unbekannten widmet.

Wenn Sie von Gleichzeitigkeit sprechen und der Öffnung der Archive – welche Rolle spielt der DJ in der digitalen Evolution?
    Interessanterweise muss der Club-DJ keine Gebühren an die Künstler zahlen, deren Platten er spielt – anders als der Radio-DJ oder der Produzent, der eine Compilation zusammenstellt. Innerhalb der Szene haben bestimmte, herausragende DJs den Ruf, an einen Zeitstrom gekoppelt zu sein. Man traut ihnen zu, ja, man erwartet geradezu von ihnen, dass sie Zugriff auf die neuesten, noch von keinem gehörten Tracks haben. Und man erwartet von ihnen, dass sie diese neuesten Klänge logisch oder intuitiv verknüpfen mit dem musikalischen Weltwissen. Und andere DJs könnten vor einem Regal mit den spannendsten Platten stehen – und wüssten nichts daraus zu machen. Für die neue Generation ist das Surfen im Internet, das Sich-treiben-Lassen durch YouTube-Videos und MP3 Blogs, das Durchkämmen der 30-Sekunden-Snippets, die man im iTunes-Store oder bei Amazon hören kann, dieses schlagartig verfügbare musikalische Archiv eine Soundquelle sondergleichen, die nur darauf wartet, schlüssig neu verfugt zu werden. Spannend wird es immer dann, wenn jemand aus einer gefestigten sozialen Szene kommt: Dann wird es doch immer so sein, dass derjenige den Sound, mit dem er aufgewachsen ist, abgleicht mit all dem Neuen, das er zu hören bekommt. Künstlerisch wird die Zukunft eine hochspannende Angelegenheit sein!

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