Eels
Hombre Lobo
Text: Maurice Summen
In einer alten Geschichte fragt ein Kind seinen Vater, warum der Mensch eigentlich Angst vor dem Wolf habe, und der Vater antwortet: »Der Wolf heult nachts so grauenvoll!« Genauso jault Mark Oliver Everett – das E der Eels – wie ein Wolf ins übersteuerte Mikrofon des Album-Openers »Prizefi ghter« und lockt uns in die amerikanische Garagen-Blues-Rock-Kaputtnick-Welt, die spätestens seit dem Erfolg der White Stripes auch in der Jukebox einer Premiere-Sportsbar in Wanne-Eickel zu finden sein dürfte.
Man lauscht der Stimme des Leitwolfs und stellt sich beim Hören des neuen Albums »Hombre Lobo« (zu Deutsch Wolfsmann) wieder einmal die Frage: Singt da etwa Beck? Also nicht der Scientology-Beck, sondern der »I’m a Loser, Baby«-Beck, der Anfang der neunziger Jahre zum Prince der Generation X hochgejazzt wurde. Vielleicht liegt es auch nur am verzerrten Gesangssound – und dennoch: Herr Everett und Herr Hansen klingen immer noch wie Seelenverwandte. Die Balladen, die sich auf »Hombre Lobo« zwischen den spröden Garagenrock-Nummern verstecken, sind von Blues durchtränkt: Sie handeln von unerfüllter Liebe. Manche Stücke klingen nach Balladen der irischen Band Them, wenn man sie auf einer defekten Stereoanlage hört. »My love is resting under the tree«, singen die Eels in »Under the Tree« – aber dieser Baum scheint schon seit Jahren abgestorben zu sein. Alles klingt hier vergiftet, vergessen und verflucht. Die kaputten Gitarren lassen uns an eine Anekdote aus dem Leben des Erfinders der verzerrten Gitarre, Link Wray, denken: Ihm knallte die Membran einer Verstärkerbox durch, und fortan fand er großen Gefallen an dem unerhörten Sound. Die Gegenwart der Verzerrung also Erbe eines technischen Ausfalls? Die ›History of Rock‹ die Geschichte eines Materialschadens?
Warum nicht? Passt gut zum Ritual der Wolfsmenschen, die sich nachts in dunkle Räume einschließen, um dort Unmengen von Tabak zu rauchen, literweise Alkohol in sich hineinzuschütten und dazu Blues- oder Rockklängen zu lauschen. Kollektive Katharsis in der heimlichen Kirche der Stadt: der Kneipe. Auch ganz schön kaputt. Wenn dort dann ein Lied wie »My Timing Is Off« erklingt, heulen alle mit den letzten Wölfen in der Wildnis. Hundeauge blickt in Hundeauge. Das Heulen vom Rudelführer in der Nacht kann ein Trost und der Morgen danach tatsächlich ein Neuanfang sein. Bis zur nächsten Nacht in der Wolfsgemeinschaft – während die Kinder schlafen.
LABEL: Vagrant Records / Cooperative Music | VERTRIEB: Universal Music

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