Surrealistin des Sex
Peaches, 3. Juli 2009, Berlin, D:U:M-Party im WMF
Text: Philipp EkardtRiesig wuchernde Mega-Perücken, ein Take auf Hiphop-Bling und Morsezeichen Richtung Disco-Kugel: Mit ihrer neuen Band Sweet Machine spielte Peaches kürzlich neben den Nachwuchs-Acts The Terror Pigeon Dance Revolt! und Heartsrevolution auf der Kickoff-Party zur Diesel:U:Music-Welttournee im Berliner Club WMF. Dass es in Peaches’ neuer Show um Surrealismus geht, wurde spätestens nach dem ersten Drittel klar. »Do you want to see some real fashion?!«, fragte Peaches und ließ ihren Intimbereich blinken.
Wer ein Konzert von Peaches’ letzter Tour zu ihrem Album »Impeach My Bush« sah, konnte sich – bei aller Sympathie und Bewunderung für die queere Allstar-Band Herms, die Merrill Nisker sich eigens für diese Tour zusammengestellt hatte (JD Samson, Samantha Maloney, u.a.) – des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass hier eine Entwicklung an ihr logisches Ende gekommen war. Peaches’ Aneignung des Rockformats war gar nicht mehr weit entfernt von sehr guten, sehr professionellen, aber eben auch recht gewöhnlichen Konzerten. »So, what else is new?«, konnte man sich fragen – und sich dabei noch mal an die mit geringem technischen Aufwand realisierten One-Woman-Performances erinnern, mit denen Peaches’ Fame seinen Anfang nahm.
Auf die Frage »What is new?« gibt Peaches’ neue Show, die ihr aktuelles Album »I Feel Cream« begleitet, jetzt eine schmetternd klare Antwort – unter anderem geschehen Anfang Juli bei der Diesel-U-Music-Party zur Modewoche im Berliner Club WMF. Wer an diesem Abend dabei war, erlebte, wie Peaches mit ästhetischer Wucht alle Zweifel beiseite fegte und etwas mitreißend Neues entstehen ließ. Sie interpretierte in einem komprimierten 90-Minuten-Auftritt vor ausrastendem Publikum ihr bisheriges, um das Thema Sex gruppierte Werk im Geist des Surrealismus neu. Unterstützt von ihrer neuen dreiköpfigen Band Sweet Machine lautete die begleitende Format-Ansage: Weg vom ausgreifenden Rock-Konzert, hin zur kompakten Club-Performance, bei der die Outfits und Requisiten zu Vehikeln surrealistischer Aufladung werden können.
Dass es in Peaches’ neuer Show um Surrealismus geht, wird spätestens nach dem ersten knappen Drittel klar. Der aktuelle Hit »Lose you«, eine minimalisiert wummernde Referenz an »La Boum«-Melodien, mit der Peaches vermutlich unwissentlich Stephanie von Monacos Achtziger-Jahre-Maxisingle »Irresisitible/Ouragan« channelt, ist abgespielt. Ein Roadie führt zwei Gogo-Tänzerinnen in schwarzer Unterwäsche an den Bühnenrand. Sie brauchen seine leitende Hand, denn ihre Köpfe und Gesichter verschwinden unter riesig wuchernden blonden Mega-Perücken. Mit einem Mal schießt ein ganzes Bilderarsenal zusammen: Die zwei Tänzerinnen sind Wiedergängerinnen jener ersten beiden Gogos, mit denen Peaches am Anfang ihrer Karriere, akustisch begleitet von nichts als einem Synthesizer und einer Drum-Machine, ihre ersten Auftritte bestritt. Zu Zeiten der zweiten Platte, »Fatherfucker«, trugen die Tänzerinnen und Peaches dann als Gender-Statement Bart. Jetzt ist das Haar nach oben gewandert und dabei förmlich skulptural explodiert. Flankiert von den staksenden und stolpernden Moves der beiden Perücken-Wesen legt Peaches los und performt »Talk to Me!«. Man denkt an Vorbilder im historischen Surrealismus, zum Beispiel an René Magrittes auf einen nackten weiblichen Torso montierte blonde Frauenmähne, aber auch an andere Aktualisierungen dieses Patterns – zum Beispiel an den Perücken-Mantel des Designers Martin Margiela, den Diane von Fürstenberg zuletzt auf dem Cover des Purple Magazine trug.
Überhaupt: Requisiten und Instrumente. Mal bearbeitet Peaches einen blassgrün leuchtenden Neonstab, der wie ein Lichtschwert aussieht, auf Berührung aber zum tonmodulierenden Theremin wird; mal kulminiert ein Stück in einer akustischen Verzerrung, die Peaches und ihre Gitarristin erzeugen, indem sie die Hälse ihrer Instrumente aneinander reiben. Femimaskulinistische Geste? Rockistisches Schwanzduell? Oder die visuell-akustische Umsetzung jener lesbischen Sexpraktik, die den Scissor Sisters ihren Namen gab? Es ist nicht zu unterscheiden. Die Dinge werden so weit aufgesext, dass die Geschlechterkategorien verpuffen.
In diesem Geist stellt sich Peaches auch irgendwann einen grünen Laser zwischen die Beine, dreht ihn, bearbeitet zu Sägegeräuschen dessen Strahl mit ihren Händen und bemorst damit eine Diskokugel. – Wer dieses Jahr das Vergnügen hatte, der unerhört zeitgemäßen Neuauflage von Grace Jones’ legendärer »One Man Show« aus den frühen Achtzigern beizuwohnen, die von Jones selbst im Rahmen ihrer »Hurricane«-Tour zelebriert wurde, erkennt die Quelle: Jones sang unter einem mit Diskokugel-Splittern besetzten Hut von Philip Treacy ihr Roxy-Music-Cover »Love Is the Drug«, während ein grüner Laser-Regen sich auf ihrem Kopf brach und die ganze Halle durchstrahlte. – Merrill Nisker, die von sich erzählt, beim Backstage-Treffen nach Jones’ letztem Konzert in London in Tränen der Ergriffenheit ausgebrochen zu sein, hat gesehen und verstanden, und sie erweist der Diva und vielleicht größten Gender-Fuckerin des Pop überhaupt (»the most feminine man on earth …«) eine Reverenz im Club-Format.
Den Einfluss von Jones’ opernhaft überzeichneten Riesencapes vor Windmaschine sieht man auch während der Zugabe des Abends, wenn Peaches im golden sich bauschenden Umhang die Elektrohouse-Hymne »I Feel Cream« gleichzeitig majestätisch und dahinschmachtend singt. Oder auch am unbestreitbaren Höhepunkt der Show, dem letzten Stück des eigentlichen Sets, bei dem alles und alle zusammen kommen: Peaches hängt sich zuerst eine torsogroße, gestanzte Reproduktion ihres eigenen Namenszuges um, ausgeführt in der selben Typografie, wie sie auf dem aktuellen Albumcover zu sehen ist. Ein surrealer Take auf Hiphop-Bling, der ja selbst schon surreale Züge trägt, und der den Designs des Amerikaners Jeremy Scott alle Ehre gemacht hätte. Darunter trägt Peaches einen goldenen Body. Sie steigt auf ein Podest vor dem Schlagzeug, um ihre Fans – und das Modewochenpublikum – zu fragen: »Do you want to see some real fashion?!« Alle wollen. Während die Masse »Yes!« tobt, beginnt ihr Intimbereich mit der Power von superstarken Halogenlampen abwechselnd rot und weiß zu blinken. Dazu performt sie dann »Fuck the Pain Away«. Sieg auf ganzer Linie: Merrill Nisker hat die Mode, ihre Show, den Sex und sich selbst neu erfunden – im Geist des Surrealismus.
Peaches Live:
17. 07. München - Sonnenrot Festival
07.08. Berlin - Berlin Festival, Flughafen Temeplhof (DJ-Set)
06.09. CH-Fribourg - Fri-Son
08.09. CH-Zürich - Club X-Tra Limmathaus
Fotos: Sabine Brauer Photos

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