Konglomerate der Unstetigkeit

Dirty Projectors

Text: Dominikus Müller

Alles bleibt Zitat: Auf ihrem dritten Album »Bitte Orca« befreien Dirty Projectors aus Brooklyn ihren typischen, virtuos wie radikal ausformulierten Eklektizismus vom Korsett der Konzeptualität – und landen damit fast beim Liebeslied, wie wir es von Maria Carey kennen.


Foto: © Elke Meitzel / Spex

Wenige Bands bedienen sich derzeit aus einem größeren Referenzpool als Dirty Projectors aus Brooklyn. Bei ihnen scheint alles Platz zu haben, was man sich nur vorstellen kann: ach so hippe Verweise auf westafrikanische Musiken ebenso wie ausgeklügelte Streicher- und Gesangsarrangements, die ihren Einfluss europäischer E-Musik nicht verleugnen können; straighte, fast bouncende Beats neben wilden Tempiwechseln; exaltierter, verwundener Gesang ebenso wie Folkpicking oder Noise-Wände – und das oftmals in ein und demselben Song. Dieses scheinbare Chaos schafft dabei eine Atmosphäre der Unstetigkeit und Offenheit, in der Einflüsse und Stile erstaunlich gleichberechtigt nebeneinander stehen können. So werden etwa aus besagten afrikanischen Gitarrensounds noch lange keine stilistischen ›Master Signifier‹, welche die übrigen Elemente zu einer sinnvollen Erzählung zusammensteppen – wie etwa beim letzten Album der befreundeten Vampire Weekend zu beobachten. Bei Dirty Projectors bleibt auch das immer nur ein zitierfähiger Stil unter vielen.

    Viel eher schon konterkarieren sie das angloamerikanische Song-Prinzip mit einer beinahe alteuropäischen ›Kunst-Liedhaftigkeit‹, die sich vom Selbstverständnis her weniger ›gewachsen‹ gibt, als vielmehr immer schon ›gemacht‹. Man könnte die Musik der Dirty Projectors so auch als eine Art leicht blasierten Ivory-League-Pop beschreiben, unter dessen Dach amerikanische Melting-Pot-Mentalität genauso Platz hat wie connaisseurhafte Distinktion entlang eines klassischeuropäischen Bildungskanons. Denn nicht umsonst gibt David Longstreth, Mastermind und kreatives Zentrum der Band, zu Protokoll, dass er sich von amerikanischer Popmusik, von Beach Boys und Buddy Holly, von Punk und Hardcore genauso beeinflusst sieht wie von dem, was er »European Art Music« nennt, Arnold Schönberg etwa, oder Igor Strawinsky. »Was ich bei frühen Stücken von Schönberg oder aber auch bei Wagner mag, ist diese unglaubliche Emotionalität, die dadurch erzielt wird, dass die Akkorde nie völlig aufgelöst werden. Dissonanz folgt hier auf Dissonanz. An Strawinsky fasziniert mich dagegen die Gleichzeitigkeit von Primitivismus und absoluter Modernität, von Rohheit und unglaublicher Eleganz und Sophistication.«

    In seiner eigenen Musik führt diese Vorliebe für das Dissonante und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen bisweilen zu einem etwas anstrengenden konstanten Ausnahmezustand und einer nervösen Zappeligkeit. Das produziert aber auch einen für Popverhältnisse radikal artifiziellen, scheinbar beständig auseinanderbrechenden Klangraum, der gerade dank dieser Künstlichkeit das umschifft, worauf ähnlich gelagerte Projekte häufig bauen: die Einflüsse inklusive deren sozialer Konnotationen direkt und vereinfachend zu übernehmen. Hier wird nichts ›nachgemacht‹, sondern vielmehr ›aufgehoben‹, ohne dabei dem Zwang zur Synthetisierung zu unterliegen.


VIDEO: Dirty Projectors - Stillness is the Move

    Während die letzten beiden Alben der Band den bündelnden Kitt auf das Prinzip ›Konzeptalbum‹ und damit auf eine außermusikalische Ebene verschoben hatten, verzichtet das neue Album »Bitte Orca«, das erste für Domino Records, nun auch darauf. »The Getty Address« und »Rise Above« hatten beide einen konzeptuellen Rahmen, der sprachlich adressierbar war – Ersteres wurde rund um den Siebziger-Jahre-Rockgiganten Don Henley von den Eagles erzählt und dabei als ›Glitch-Oper‹ zu den Themen aztekische Mythologie und Post-9/11-Amerika verkauft, Letzteres war eine ›Neueinspielung‹ von Black Flags »Damaged«-Album, nicht nach Noten, sondern rein nach Erinnerungsfragmenten. »Ich wollte, dass ›Bitte Orca‹ sich dage gen viel mehr um die einzelnen Songs dreht«, sagt David Longstreth. »Ich wollte nicht, dass meine Ideen und die Musik diesmal zwei verschiedene Dinge sind.« Konkret heißt das: Trotz der weiterhin vorhandenen Fülle an Stilen und Referenzen klingen jene Songs ausgefeilter, die weniger den Gesamtentwurf stützen, als vielmehr für sich stehen können.

    Und so haben Dirty Projectors es mit »Stillness Is the Move« diesmal auch zu einer Single-Auskoppelung gebracht, die inner halb ihres Koordinatensystems fast als Mainstream-Pop zu bezeichnen wäre: Über einen straighten, gut tanzbaren Beat und einem hypnotischen westafrikanischen Gitarrenloop gibt Sängerin und Bassistin Angel Deradoorian mit fast schon Mariah-Carey-würdiger Koloratur eine Art Lovesong zum Besten. Wäre das dicker produziert, so rückte würde es unweigerlich in die Nähe von Timbalands bahnbrechenden R&B-Produktionen rücken: reduzierte Soundarchitektur, mit nur wenigen, klaren Eckpunkten abgesteckte Klangräume – simple, aber leicht verdrehte Beats, wenige repetitive Melo die- und Harmonie-Elemente. Longstreth gibt die Verwandtschaft auch unumwunden zu: »R&B aus den Neunzigern und vor allem den nuller Jahren hat ein ganz besonderes Gefühl für Raum, für Leere. Es gibt nur wenige Dinge, die auf unterschiedlichen Leveln passieren – aber sie schaffen einen Raum, in dem die Sounds beinahe physisch greifbar werden. Timbaland hat eine Menge Leute beeinflusst – wir gehören sicher auch dazu.« Natürlich – doch das versteht sich hier fast schon von selbst.

»Bitte Orca« von Dirty Projectors ist bereits erschienen (Domino / Indigo), Spex präsentiert ihr vorerst einziges Deutschland-Konzert im Berliner Festsaal Kreuzberg am 21. September 2009.

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1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Dirty Projectors mit Magellan gegen Apple:

    [...] an diesem Soundtrack interessiert sein, der harmonienreiche Vorgeschmack stimmt sehr gut auf den Bitte Orca-Nachfolger Swing Lo Magellan [...]

     
 
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