Dubblestandart, Lee »Scratch« Perry & Ari Up

Return From Planet Dub

Text: Christoph Braun

Die sechziger Jahre waren gut. Allerorten wurde das Weltall angeflogen. Mit dem ersten Blick der Menschen auf die Erde gingen Militärkommunikation und geisteswissenschaftliche Theorie gleich mehrere Schritte weiter und erdachten die Prinzipien der Konnexion und Heterogenität. Die Folge waren ›Computer-Netzwerke‹ und der Ausbruch der ›Vielheit‹ aus der ›Masse‹. Und auf Jamaika produzierten Clement ›Sir Coxsone‹ Dodd, Lee Perry oder King Tubby den Dub als Vielheit des Songs. Seiner althergebrachten Erzählungen, meist ganz der menschlichen Stimme beraubt, wurde der Reggae zum Rohstofflager, das aus sich selbst heraus ständig neue Versionen seiner Bassfiguren, HiHat-Sounds, Snare-Beats und Echos an den Tag brachte.

    Die Elemente Aluminium und Sauerstoff gehören zu den starken Eigenschaften von »Return From Planet Dub«, dem elften Album der Wiener Dub-Gruppe Dubblestandart. Beide Elemente brauchte in den Sechzigern der humane Flug ins All; amalgamiert beschreiben Aluminium und Sauerstoff treffend das Sounddesign, das Dubblestandart für ihre neue Doppel-CD und unsere Gegenwart ausgesucht haben. Der Klang knüpft an die Produktionen des Londoner On-U-Sound-Labels an, gestaltet sich jedoch eleganter und weniger muskulös. Vor allem lassen Paul Zasky, Herb Pirker, Robbie Ost und Ali Tersch ihren Tracks die Luft zum Atmen. Wie ein Kuchen im Ofen irgendwann auch wieder leicht einsacken muss, wenn er höchste Höhen der Aufback-Dynamik erreicht hat, braucht auch der Klangpegel seine Ups und Downs, was ja bekanntlich im Zeitalter der Klangmauer-Produk tionen, wie Warp sie derzeit auf den Markt wirft, nicht als Konsens gilt.

    Auch sonst sind Dubblestandart ihre Zusammenarbeit mit den Dub-Größen Ari Up, die früher bei den Slits sang, und Lee »Scratch« Perry in angemessener Lässigkeit angegangen. Für beide spielt die Gruppe seit Jahren schon als Backing Band. Das macht die Aufnahmen so sweet und geerdet. Dubblestandart arrangieren Perry-Klassiker neu, zum Beispiel »Chase the Devil« und »Blackboard Jungle«. Perry aktualisiert diese Tracks seinerseits, wenn er über die Stücke toastet und dabei in erster Linie seine Rolle als Kunstfigur mit Bravour spielt, wenn er gewagten Sex oder seine Fähigkeiten am Mischpult propagiert. In weniger egozentrischem Zustand präsentiert sich Ari Up, von der hier nur Wortfetzen verbreitet werden. Im Track »Chrome Optimism – Oxygene Pt. 4 Dub«, dem Aufmacher der zweiten CD, kommt das Album dann auch als Einheit zu sich selbst. Dubblestandart zitieren Jean-Michel Jarres »Oxygene«, während David Lynch kosmisch daherredet und dabei ein schönes Schlagwort fallen lässt: »Euphoric Chrome Optimism«. Ein Echo der Sechziger halt.

LABEL: Collision Records | VERTRIEB: Groove Attack

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